Spiele der Erwachsenen

Die Gesellschaft für ›Masse und Macht‹-Forschung, benannt nach einem Werk des Dichters und Denkers Elias Canetti, ist verschwunden. Wohin bloß?

DATUM Ausgabe März 2017

Überall, wo ich geh und steh, gebe ich eine Suchanzeige auf. Wo ist die GMMF? Eines der seltsamsten Ereignisse nämlich, die mir im Leben zugestoßen sind, ist das Verschwinden der GMMF. Die GMMF ist die Gesellschaft für ›Masse und Macht‹-Forschung, und ›Masse und Macht‹ ist ein Werk des Dichters und Denkers Elias Canetti.

Dieses Werk, ›Masse und Macht‹, ist im Jahr 1960 erschienen. Der Autor Canetti wurde 1981 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 1938 war er aus Österreich geflohen, hatte in London gelebt, 1994 ist er in Zürich gestorben. 1979 wurde ein Theaterstück Canettis, ›Die Komödie der Eitelkeit‹, im Wiener Burgtheater aufgeführt – die dritte Aufführung wurde durch, na, sagen wir, durch politisch rechtsgerichtete Zuschauer ›gestört‹. Ihre Notdurft, unbedingt stören zu müssen, kann man den Rechten nachempfinden. Das Stück legt satirisch die emotionale und sprachgeregelte Welt einer rechts­radikalen Gesellschaft bloß, ihre lebensgefährlichen Konsensbildungen und aggressiven Führerwahnsinnigkeiten.

›Die Komödie der Eitelkeit‹ ist ein Drama, das einige Grundelemente der unglückseligen Verblendung durch Macht darstellt. Der Grundeinfall des Stücks: Die Herrschaft (gezeichnet nach dem Bild des Faschismus) verhängt über das Volk ein Spiegelverbot. Die Spiegel werden geifernd eingesammelt und ­triumphierend vernichtet.

Im Hintergrund der offiziellen Maß­nahmen gibt es aber ein paar wichtige Leute, die dennoch zu Spiegeln kommen. Canetti parodiert die Psychoanalyse, sie ist aus seiner Perspektive ein Instrument, um dem bedeutungslosen, parasitären bourgeoisen Ich eine Wichtigkeit zuzusprechen. In der ›Komödie der Eitelkeit‹ reüssiert ein Spiegelbordell, in dem psychoanalytisch geschulte Ärzte dem seelisch ausgeleierten Bürger ein interessantes Ich verpassen, das allerdings – entsprechend der Lehre – bei allen das gleiche ist: Jeder hat seinen Ödipus-Komplex, das weiß man, lange bevor man ihn angehört hat.

Canetti propagierte die Unverwechselbarkeit jedes Einzelnen. Es könnte aber sein, dass dahinter ebenfalls ein Irrglaube steckt: Auch der Einzelne existiert vielleicht bloß nach einem Schema und ist beleidigt, wenn man ihm das auf den Kopf zusagt. Aber das ist hier nicht mein Thema. Mein Thema ist das gespenstische Verschwinden der GMMF. Ich bin nicht zuletzt durch einen Brief draufgekommen, was denn da verschwunden ist. Aus Salzburg schrieb mir ein Herr und stellte mit Nachdruck die Frage: Wo ist denn die GMMF?

Mit der Macht und dem Tod – ja, mit beiden im Zusammenhang – ist die Masse eines der Hauptthemen Canettis gewesen. Vorübergehend, zur Zeit der ­Inszenierung der ›Komödie der Eitelkeit‹ im Burg­theater, waren Canetti und Wien einander von Neuem nahegekommen, Helmut Zilk, in welcher seiner Funktionen auch immer, war ja in jeder seiner Funktionen für seine erwürgende Leutseligkeit bekannt.

Ihre Notdurft, unbedingt stören zu müssen, kann man den Rechten nachempfinden.

Ich war dabei – bei einer Pressekonferenz des Dichters im Burgtheater und auch bei einer Diskussion über sein Drama mit dem Regisseur Hans Hollmann, veranstaltet von der Österreichischen Gesell­schaft für Literatur. Ich glaube außerdem, mich daran zu erinnern, dass Zilk ein Herz und einen Sinn für Canettis Arbeit hatte, und in die Zeit von Zilks Regentschaft fiel auch die Gründung der GMMF, der Gesellschaft für ›Masse und Macht‹-Forschung.

Ihr Gründer war der von Canetti begeisterte Philosoph John Pattillo-Hess, der in Chile 1973 den Putsch gegen Salvador Allende erlebt hatte, der zuerst nach Ecuador ging, dann nach Buenos Aires – bis 1976 in Argentinien das Militär putschte. John Pattillo-Hess, das kann man sagen, hatte ›die Macht‹ am eigenen Leib erlebt. Er flüchtete von Argentinien nach Österreich, wo er die GMMF gründete.

Ständig alle Formen der Macht zu enthüllen, indem man sich ihr Fundament permanent vor Augen hält – das war das Gründungsmotiv der Gesellschaft. Und das Fundament der Macht hat Canetti so beschrieben: ›… die eigentliche Absicht des wahren Machthabers ist so grotesk wie unglaublich; er will der Einzige sein.‹ Jede Herrschaft, so lehrt es Canetti, hat in stärkerem oder geringerem Maße Anteil an diesem Wahn, der sich in der Manipulation des Volkes und in der Verfügungsgewalt über die Untertanen manifestiert. Hinter jeder Macht steckt laut Canetti dieselbe tiefere Tendenz: ›Der Wunsch, die anderen aus dem Weg zu räumen, damit man der einzige sei, oder, in der milderen und häufiger zugegebenen Form, der Wunsch, sich der anderen zu bedienen, dass man mit ihrer Hilfe der einzige werde.‹

Dieser lächerliche Kinderwunsch, als der Einzige zu überleben, dürfte denen nicht fremd sein, deren Namen in der heutigen Politik ganz groß sind: Trump, Putin, Erdoğan, Orbán, Wilders, eine Männerrunde, zu ergänzen um Marine Le Pen. Erdoğan sperrt die halbe Welt ein, um am Ende allein mit sich und den Seinen zu bleiben. Was könnte mehr der Zeit entsprechen als die Erforschung des Unglücks, das die Macht mit sich bringt?

Die Gesellschaft für ›Masse und Macht‹-Forschung hat aber zugesperrt, sang- und klanglos sind ihre Protagonisten verschwunden, gerade so, als wäre ihr Verschwinden eines der Zeichen: eine unheilverkündende Mahnung, wie notwendig die Erforschung der Macht gerade heute ist. Ich hoffe, sie leben alle und sind wohlauf. Auf ihrem Feld herrscht ein Nachdenkbedarf: Canettis Begriff der Masse ist von der Erfahrung bestimmt (und beschränkt), dass Menschen leibhaftig – in Massen – anwesend sein müssen, damit Masse in Macht umschlagen kann.

Die virtuellen Massen und ihr enormes Talent, steuerbar zu sein, kannte Canetti nicht. Die Maschinisierung der Massenbeeinflussung, mit der Trump seinen Wahlkampf gewann, ermöglicht in der Theorie die Verknüpfung zweier Prinzipien: der ›Antiquiertheit des Menschen‹ von Günther Anders und von ›Masse und Macht‹ von Canetti.

Maschinen zerlegen die Masse ›automatisch‹ in so und in anders eingestellte Gruppen, die dann von einer politischen Macht ebenso automatisch mit jeweils anderen, auch gegensätzlichen Propa­gandabotschaften aufgehusst werden. Über allem steht der Horrorclown als Staatschef. Er arbeitet politisch mit seinem menschlichen Antlitz, sodass das Automatische seiner Machtvollkommenheit nicht sichtbar wird.

Das menschliche Antlitz der Macht ist in den USA nicht allein männlich, es hat einen weiblichen Counselor an der Seite: Kellyanne Conway ist eine Juristin und Meinungsforscherin. Sie macht Trump die Public Relations. Conway war vorher Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin des von ihr gegrün­deten Meinungsforschungsinstituts The Polling Company Inc./Woman Trend.

Sie plappert im Hauptberuf herum, als ob sie blöd wäre. Ist sie aber nicht, im Gegenteil, sie ist eine Vertreterin der Verwissenschaftlichung öffentlicher Kommunikation. Sie will ihr Publikum blöd machen, auf der Grundlage einer Art von Social Engineering, das durchaus seine eigene Rationalität hat, in der auch ›alternative Fakten‹ berücksichtigt werden müssen. Ich behaupte, Frau Conway ist überangepasst, und zwar an das amerika­ni­­sche System der Sieger, das in einem fort die Loser, die von den Winnern verachtet werden, selbst produziert.

Wenn einer schon gar nichts ist, dann ist er doch von Geburt aus Amerikaner.

Der Kunstgriff der Sieger, die Verlierer übers Fernsehen, über die Meinungsforschung und über die computerisierte Berechnung der Massen hinter ihren Fahnen zu versammeln, funktioniert traditionell durch den Nationalismus: America first! Wenn einer schon gar nichts ist (nichts als eines der Objekte von Machenschaften der Reichen), dann ist er doch von Geburt aus Amerikaner und nicht etwa einer der Mexikaner, deren Natur Trump mit der ganzen Härte des Rassismus und zugleich unheimlich komisch beschrieben hat: ›Sie bringen Drogen, sie bringen Kriminalität mit sich. Sie sind Vergewaltiger. Und einige, so vermute ich, sind gute Menschen.‹

In dieser gegenwärtigen Machtkonstellation ist die Konsultantin Kellyanne Conway nicht vergleichbar mit den Einflüsterern, deren Geschichte Peter Sloterdijk in einem Essay für die Neue Zürcher Zeitung mit dem Titel ›Konsultanten sind die Künstler der Enthemmung‹ beschrieben hat. Solche Einflüsterer der Mächtigen waren (und sind) ›Sophisten‹, also Leute, die anders als die Philosophen (die angeblich in aller Zweckfreiheit das Denken pflegen) den Job haben, die Vernunft wirkungsmächtig, zum Vorteil der sie bezahlenden Herrschaften einzusetzen.

Chinesisch, glaube ich, nennt man solche Leute ›Mandarine‹, und Mandarine, die Trump den Ausweg aus seiner Misere zeigen, sucht er sicher auch. Frau Conway ist dazu da, nicht die Meinung zu erforschen, sondern die Meinung zu prägen, dass die Misere keine ist. Sie hat die Aufgabe, die absolute Loyalität zum Präsidenten zu verkörpern und als vorbildhafte Ikone, als totaler Fan, als Vorturnerin der unkündbaren Anhängerschaft die Medien zu beschäftigen. Weil sie überangepasst ist, geht sie zu weit und propagiert öffentlich die Modelinie der Tochter ihres Herrn. Kauft Ivankas Mode, sagt sie öffentlich, ich mach’ jetzt gratis Werbung, fügt sie hinzu, ich kauf’ sie auch!

Eine Kaufhauskette namens Nordstrom hat Ivankas Mode aus dem Angebot genommen. Der Präsident verteidigt mit einer Kinderstimme auf Twitter sein Kind: ›My daughter Ivanka has been treated so unfairly by @Nordstrom. She is a great person – always pushing me to do the right thing! Terrible.‹

Trump nimmt es persönlich, während doch der Businessman alles Persönliche gerne hintanstellt, wenn er ein gutes Geschäft machen kann. Die Verteidigung des Kaufhauses, die Trump-Mode sei halt kein Geschäft, müsste einem Vater doch einleuchten, den seine Tochter stets erfolgreich drängt, das Richtige zu tun. Aber wenn’s die Eigenen betrifft, wird man sentimental.

Die Theorie ›von der Heiligkeit des Egoismus und der wohltätigen Macht rücksichtsloser Interessenvertretung in allen ihren Abarten‹, wie Hannah Arendt das spöttisch nennt, bekommt in der Praxis das Problem, dass andere auch Egoisten sind. Da bleiben nur das Recht des Stärkeren und ein sentimentales Zähneknirschen, hat man als Siegertyp wider Erwarten den Kürzeren gezogen. Es wird erzählt, dass nach der deutschen Wiedervereinigung ein ehemaliger Bürger der DDR im Westen mit einem Problem vorstellig wurde: ›Ich muss jetzt skrupellos werden. Was kann ich dafür tun?‹

Derzeit herrscht in Washington König Ubu (eine Tyrannenfigur aus einem theatralischen Mordsspaß von Alfred Jarry). Es kristallisieren sich allmählich die ­Strategien heraus, mit denen seine Hofschranzen ihn plausibel machen werden. Sein bösartiges Auftrumpfen sei einer überlegenen Verhandlungstechnik geschuldet: Trump stelle große Forderungen, erweise sich dann in den Verhandlungen als kooperativ und könne für sich mehr herausschinden.

So agieren die Businessmen, heißt es. Aber selbst wenn das stimmt, die Dümmlichkeit der Zeichen radiert das nicht aus, zum Beispiel Händchen halten mit Theresa May, was er angeblich aus einer Phobie heraus tat: Trump hat Angst vor dem Treppensteigen und hielt sich an der Hand der britischen Premierministerin fest.

Paranoia, hat Canetti gelehrt, sei die Krankheit der Macht. Wo also ist die GMMF?