Spielen wie damals
Warum ›Uno‹ die Sehnsucht nach einfacheren Zeiten entfacht.
Ich hasse Uno‹, sagt der Teenager, als wir uns zum Spielen niedersetzen. Weil sie ein braves Kind ist und dem Vater bei seiner Kolumne helfen möchte, spielt sie natürlich trotzdem mit, allerdings sozusagen nach Vorschrift, also ohne allzu großes inneres Engagement.
Und dabei zeigt sich gleich: Dass das problemlos geht und dem Vergnügen keinen Abbruch tut, ist wahrscheinlich eines der wesentlichsten Erfolgsgeheimnisse des 1969 erfundenen Ablege-Kartenspiels für die ganze Familie. Denn Uno lässt sich mit einem Minimum an Aufmerksamkeit spielen und erhält mit seiner Spielmechanik dennoch erfolgreich die Illusion aufrecht, dass man ständig wichtige Entscheidungen trifft.
Was insofern nicht einmal ganz falsch ist, als man bei diesem Klassiker, von dem weltweit rund 150 Millionen Exemplare verkauft wurden, zwar wenig besonders richtig, dafür aber durchaus hin und wieder gravierend etwas falsch machen kann – zum Beispiel und insbesondere darauf vergessen, prompt, laut und klar ›Uno‹ zu sagen, sobald man nur noch eine Karte auf der Hand hat.
Überraschenderweise unterläuft einem dieser Fehler auch noch nach Jahrzehnten der Spielpraxis hin und wieder, und das ist gut so: Denn die Diskussionen darüber, ob man jetzt gerade noch rechtzeitig den namensgebenden Ausruf getätigt hat oder es doch schon zu spät dafür war und man zwei Strafkarten ziehen muss, machen mindestens so viel Spaß wie das Spiel selbst.
Und plötzlich werde ich dann auch noch sentimental: Bilder einer Kindheit in den 90er-Jahren steigen vor meinem inneren Auge auf, lange Restaurant-Besuche mit den Eltern, das Uno als rettender Zeitvertreib, bis das Essen serviert wird. Damals schien das Leben so einfach wie … nun ja, eine Partie Uno. Und wenn einem der Gang der Ereignisse nicht gefiel, dann spielte man einfach einen Richtungswechsel aus. Heute dagegen wirkt es mitunter so, als säßen wir alle ahnungslos vor einer komplizierten Schach-Endspielstellung und fragten uns, wer eigentlich am Zug ist. Aussetzen! •
Spiel: Uno · Verlag: Mattel · Zielgruppe: fast jeder