Trinken oder leben

Jahrelang trank unser Autor ein bis zwei Flaschen Wodka pro Tag. Ein Bericht über seine Sucht – und den schwierigen Weg heraus.

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Illustration:
Daria Lada
DATUM Ausgabe Dezember 2025/Jänner 2026

Ich habe den Alkohol zehn Jahre lang heiß geliebt – insbesondere Wodka, den Billigfusel aus dem Supermarkt um 5,99 Euro die Flasche. Eine glatte Tagesration. Und ich liebte das zugehörige Morgenritual. Während andere joggen gingen oder einen Obstsalat zum Frühstück hatten, machte ich mich kurz nach sieben Uhr Früh auf den Weg. Zuerst ging ich Zigaretten kaufen, von der Trafik weiter zum Supermarkt, wo zu dieser Tageszeit niemand außer Leberkäsesemmel kaufende Gymnasialschüler anzutreffen war. Zugegeben, ich habe mir auch ab und zu eine Leberkäsesemmel gegönnt. Hauptstoßrichtung meines ›Feldzuges‹, den ich gegen mich und die Welt führte, war jedoch das Spirituosenregal. Und wie eine Kriegstrophäe trug ich meine Flasche Wodka nach Hause. Ritual Nummer zwei: Die Packung Winston rot 100 öffnen, Zigarette anzünden, kurz beiseitelegen, Wodka öffnen. Alleine das Knacken des Schraubverschlusses und der erste leicht zitronenähnliche Duft aus der Flasche bedeutete mir damals die Welt. 

Hatte ich es bis spätnachmittags ›geschafft‹, die Flasche zu leeren, hatte ich den Trost, dass der Supermarkt bis 19:30 Uhr geöffnet hatte. Doch diesmal ging nicht mehr der stolze Feldherr auf Feldzug, um sich seine Trophäe zu sichern. Diesmal ging ein angeschlagener, verwundeter Fußsoldat in den Supermarkt, um sich seine vermeintliche Medizin zu holen. Ein mitunter tödlicher Kreislauf.

Ich habe nie auswärts getrunken. Ich war nie ein Wirtshaussitzer oder an einer Bartheke lehnend. Ich kannte diese Szenerie der gestrandeten Existenzen nur zu gut, nachdem ich in meiner Studentenzeit drei Jahre lang in einem Heurigenlokal als Kellner gearbeitet hatte. Irgendwann weiß der eine oder andere sich nicht mehr zu benehmen, erzählt intime Dinge aus seinem Leben, etwa wie sehr ihn seine ›Oide‹ nervt. So wollte ich nicht sein. Ich soff allein in meinem Wohnzimmer, was noch einen Vorteil in sich barg: Ich konnte nicht wirklich schwer verunfallen, maximal ausrutschen am Parkettboden auf dem Weg zur Toilette. 

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Wörter: 2003

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