Turuls Kinder

Ungarn dient vielen rechten Parteien als Modell dafür, wie sich die Fertilitätsrate staatlich steigern ließe. Aber ist Viktor Orbáns Familienpolitik tatsächlich so wirksam?

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Fotografie:
Ursula Röck
DATUM Ausgabe April 2024

Auf einmal will die junge Mutter aus Tatabánya kein Wort mehr verstehen. Gerade noch hatte sie auf Englisch über ihre lärmenden Buben geflachst, die am Balankatisch wild herumkurbeln, während daneben am Fußballplatz die letzten Kicker das Feld verlassen. Aber dann die Frage nach der ungarischen Familienpolitik. ›Sorry‹, sagt sie und dreht sich um. Ihr Mann deutet auf ein Haus mit rosarotem Dach auf der anderen Seite der Straße. Eine Behörde, dort wisse man mehr. Er könne dazu nichts sagen: ›Sorry.‹ Da ist keine untypische Reaktion. Viele Menschen in Ungarn sprechen nicht gerne mit westlichen Medien, zumindest nicht über Politik. 

Tatabánya ist eine mittelgroße Industriestadt an der Autobahn M1, eine gute halbe Stunde von Budapest entfernt, berühmt für den Fußballklub und die größte Vogel-Statue Europas. Sie zeigt Turul, ein sagenumwobenes Mischwesen aus Adler und Falke, das der Legende nach Emese, eine direkte Nachfahrin von Attila dem Hunnenkönig geschwängert hatte. Sie gebar daraufhin Álmos, der das gefürchtete magyarische Fürstengeschlecht begründete. Der Adlerfalke aber wurde mit der Zeit zum Nationaltier Ungarns. Der zunehmend autokratische Premier Viktor Orbán nimmt bei patriotischen Reden gerne Bezug auf den zeugungsstarken Vogel. ›Turul gehört zum Blut und zum Heimatboden‹, sagte er einst. ›Er ist das Symbol aller lebenden, toten und künftig geborenen Ungarn.‹ 

Das ist der Geist, dem die ungarische Familienpolitik entspringt. Die Bevölkerung soll nicht wie in anderen europäischen Ländern durch Zuwanderung wachsen. Sondern indem die Ungarinnen mehr Kinder gebären. Dazu hat die Regierung in Budapest in den letzten Jahren eine ganze Reihe von finanziellen Anreizen geschaffen. Ab dem zweiten Kind erhöht sich der staatliche Zuschuss, ab dem vierten Kind müssen Frauen keine Steuern mehr zahlen. Es gibt staatlich gestützte Kredite für den Bau eines Hauses oder den Kauf einer Wohnung, wer wegen Kinderreichtums ein großes Auto braucht, bekommt dazu umgerechnet mehr als 7.000 Euro vom Staat zugeschossen. Das lässt sich die Regierung etwas kosten: Direkte und indirekte Familienförderung macht 6,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. In Österreich ist es weniger als die Hälfte. 

Tatsächlich hat sich die Fertilität erhöht, seit Orbán vor 14 Jahren an die Macht gekommen ist. Im Jahr 2011 bekam eine ungarische Frau im Schnitt 1,23 Kinder, 2021 waren es bereits 1,61. Das ist etwas mehr als in Österreich, wo sich die Rate seit vielen Jahren bei rund 1,4 eingependelt hat – allerdings nur, weil es im Vergleich zum Nachbarland viel mehr Migrantinnen und Migranten gibt. In Ungarn vermehrt sich die autochthone Bevölkerung stärker, das lässt sich nicht bestreiten. 

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