Vom alten Schlag

Für viele Beschuldigte aus dem bürgerlichen Lager ist Manfred Ainedter als Strafverteidiger erste Wahl. Lange war er mit fast allen wichtigen Leuten in der Justiz per Du. Doch die jüngere Generation lässt ihn abblitzen.

Glaubt man Manfred Ainedter, dann war das seinerzeit eine völlig harmlose Sache. ›Harmlos‹ ist ein Wort, das der vielleicht bekannteste Rechtsanwalt des Landes gerne verwendet, wenn die Rede auf eine der vielen G’schichten kommt, die es von ihm gibt. Es soll unterstreichen, dass er völlig zu Unrecht kritisiert wird. Der Advokat pflegt dann brummend zu lachen und einen Zug von seiner Zigarette zu nehmen. 

Diese Geschichte geht so: Vor mittlerweile 13 Jahren, im Herbst 2009, traf er sich mit Freundinnen und Freunden im Theatercafé unweit vom Wiener Naschmarkt zum abendlichen Schweinsbratenessen. Richter, Staatsanwälte, Polizisten und ein paar Anwälte: Man kannte einander und widmete sich nach dem Essen ausführlich dem Alkohol. Es ging schon auf halb elf zu, als sich die damalige Justizministerin Claudia Bandion-Ortner höchstselbst zu der fröhlichen Runde gesellte. Wie Ainedter hatte auch sie kein Parteibuch, neigte aber der ÖVP zu. ›Gut, dass du da bist‹, sagte Ainedter. ›Ich wollt dich eh schon anrufen.‹ Eine Weile zuvor hatte der Anwalt die Vertretung von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser übernommen, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen mutmaßlicher Korruption im Zusammenhang mit dem Verkauf der staatlichen Bundeswohnungen (Buwog) ermittelte. ›Ich kriege keine Akteneinsicht‹, klagte Ainedter der Ministerin. ›Das kann es ja wohl nicht sein.‹ Bandion-Ortner, erzählt er, habe auf die Unabhängigkeit der Justiz verwiesen. Ainedter protestierte: ›Bei wem soll ich mich denn sonst beschweren? Du bist die Weisungsspitze.‹ Doch die Ministerin blieb hart – bei aller Freundschaft. 

Es gibt viele solcher Anekdoten über Ainedter. Oft geht es darum, dass er im Interesse seiner Mandantinnen und Mandanten – angeblich in völlig harmloser Absicht – unter Umgehung der offiziellen Stellen gleich bei den Spitzen der Justiz vorstellig wurde. Als Rechtsanwalt für Strafrecht mit beinahe 50-jähriger Erfahrung kennt er Gott und die Welt. Andere Kolleginnen und Kollegen sind auf den Amtsweg angewiesen, wenn sie sich im Laufe eines Verfahrens unfair behandelt fühlen. Ainedter aber wird gleich auf Chefebene vorstellig. Daran sei nichts Verwerfliches, erklärt der Advokat. Schließlich sei es seine Aufgabe als Strafverteidiger, Netzwerke spielen zu lassen, um das Beste für seine Mandantinnen und Mandanten herauszuholen. Da trifft es sich, wenn man mit den meisten Mächtigen im Justizapparat per Du ist – zumindest mit denen, die schon leicht angegraute Schläfen haben. Denn die nachrückende Generation ist gegenüber dem bübischen Charme des 71-Jährigen immun. Wenn er heute am Gang des Straflandesgerichts mit einer jungen Staatsanwältin ins Plaudern kommen möchte, ließe die ihn nicht einmal sein Anliegen vortragen, klagt Ainedter: ›Es heißt dann, ich möge ein E-Mail schreiben.‹ Die aktuelle Justizministerin, Alma Zadić von den Grünen, kenne er überhaupt nicht persönlich. ›Einmal haben wir kurz ein paar Sätze gewechselt‹, sagt er. Auch sein mitunter recht polternder, gern politisch unkorrekter Schmäh verfängt bei den Jüngeren überhaupt nicht mehr. Die meisten rauchen nicht einmal mehr. 

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