Zurück zum Beat

DATUM Ausgabe Mai 2024

Literatur, die einen als Jugendliche begeistert hat, kann man später ruhig nochmals einem weiteren, erfahreneren Blick unterziehen. Vielleicht lernt man etwas über sich und seine Entwicklung. Hat man es früher richtig gesehen oder sich hier und dort getäuscht? Zum Beispiel ›Rohstoff‹ von Jörg Fauser. Der Roman von 1984 spielt unter Intellektuellen, Künstlern, Junkies, Hippies und Revolutionären in den späten 1960ern und frühen 1970ern und fährt sprachlich und inhaltlich immer noch rein.

Der Protagonist Harry Gelb (Alter Ego Jörg Fausers) zieht als opiumsüchtiger junger Mann von Istanbul in eine Berliner Kommune, in den schriftstellerischen Underground Frankfurts hinein in eine Laufbahn als Autor. In der Tradition der von ihm so verehrten Beat-Literaten William S. Burroughs und
Jack Kerouac sagt Fauser in 1968er-Manier in klaren, unmissverständlichen Sätzen, was er von -Konsumgesellschaft, Nazis, Konventionen, Kommunisten, Eltern, Kirche, Feuilleton, RAF und dem Underground hält: wenig.

Er schildert seine Zeit und ihre von ihm verachteten Phrasen präzise und mit -böser Ironie. Das funktioniert als -historisches Dokument und als Erinnerung daran, sich auch heute nicht in permanenten Ambivalenzen, Abwägungen und postmodernem Brei zu verlieren.

›Rohstoff‹ wird dieses Jahr 40. Und Jörg Fauser würde 80 Jahre alt, wäre er nicht in der Nacht seines 43. Geburtstags, betrunken, beim Versuch, eine Autobahn zu überqueren, von einem Lkw überrollt worden. Der frühe Verlust dieses meisterhaften Chronisten schmerzt ungebrochen.

Jörg Fauser: Rohstoff

Diogenes 2019 (Erstausgabe Ullstein 1984)