›Das erinnert an Metternich oder Erdogan‹

Thomas Rammerstorfer, dessen Schulvortrag vergangenen Mittwoch auf Intervention der FPÖ abgebrochen wurde, spricht über den Vorfall in Linz, seine Lehrtätigkeit und Extremismus.

Herr Rammerstorfer, Ihr Vortrag über Extremismus an einer Linzer Schule ist nach Intervention der FPÖ abgebrochen worden. Was genau ist geschehen?
Thomas Rammerstorfer: Am 8. März habe ich einen Vortrag zum Thema ›extremistische Herausforderungen‹ am BORG Linz gehalten. Das Ganze war seit fünf Monaten vereinbart. Ich hatte im Vorhinein intensiven Mailverkehr mit einigen Lehrern und Lehrerinnen. Einen Entwurf des Vortrags habe ich vor etwa zwei Monaten an die Schule geschickt – und er wurde genehmigt. Es waren dann etwa 70 Schüler, zum Großteil aus der 7. und 8. Schulstufe, und eine Handvoll Lehrer beim Vortrag anwesend. Die Inhalte sind meines Empfindens nach auch gut beim Publikum angekommen. Bei der danach geplanten 40-minütigen Diskussions- und Fragerunde kam nach wenigen Minuten ein Lehrer ins Zimmer und meinte, er müsse den Vortrag abbrechen und zwar im Namen der Direktion. Warum, wurde uns nicht gesagt. Bis heute haben mich weder die Direktion des Gymnasiums noch das Landesschulreferat kontaktiert, auch die Folien der Powerpoint-Präsentation wurden nicht angefordert. Diesen Stellen ist der Inhalt des Vortrages also völlig unbekannt, dennoch wird offiziell so agiert, als würden sie ihn kennen.

Welchen Zusammenhang hatte der Abbruch mit der FPÖ?
Offensichtlich hat ein Schüler während des Vortrags seinen Vater, den FPÖ-Nationalratsabgeordneten Roman Haider, angerufen und sinngemäß behauptet, ich würde gegen die FPÖ hetzen. Haider hat dann meinen Informationen nach den Präsidenten des Oberösterreichischen Landesschulreferats Fritz Enzenhofer angerufen, der im Folgenden bei der Direktion des BORG intervenierte. Offiziell heißt es, es wurde dem Direktor ›nahegelegt‹, den Vortrag abzubrechen. Von anderen Quellen habe ich gehört, dass er dazu aufgefordert wurde. Enzenhofer sagt nun, er habe das nicht getan. Ich weiß nicht, wer hier die Wahrheit sagt. Offiziell weiß ich bis heute nicht, warum und von wem der Vortrag abgebrochen wurde.

In welchem Zusammenhang haben Sie die FPÖ in Ihrem Vortrag erwähnt?
In diesen Vorträgen geht es um jugendkulturelle Erscheinungen von Extremismus im Allgemeinen, Schwerpunkt rechter und religiöser Extremismus. Sie behandeln zum Beispiel Salafismus, die ›Grauen Wölfe‹, den ›Staatenbund Österreich‹. Sie handeln also nicht nur von Rechtsextremismus, das ist nur ein Teil davon. Nachweislich gibt es nur eine einzige Powerpoint-Folie, auf der die FPÖ erwähnt wird. Darauf geht es um Burschenschaften und es steht wörtlich: ›Starker Einfluss auf die FPÖ: Fast alle Spitzenpositionen sind mit Burschenschaftern besetzt‹, was eindeutig belegbar ist und auch viele FPÖler bestätigen.

Wie haben die Schüler und Lehrer auf den Abbruch reagiert?
Sie waren zum Teil sehr empört. Die Schüler mussten den Vortrag selbst bezahlen, zwar nur wenige Euro, aber dennoch ist das sehr unerfreulich. Ich hab ihnen angeboten, den Vortrag gerne honorarfrei zu wiederholen.

Was ist Ihrer Meinung nach für Schüler wichtig, über FPÖ und Extremismus zu wissen?
Mir geht es in meinen Vorträgen weniger um einzelne Phänomene des Extremismus. Ich gebe einen Überblick über verschiedene Gruppen, das ist ein bunter Strauß an extremistischen Akteuren. Ich habe im Vortrag auch betont, dass nicht alle Burschenschafter rechtsextrem sind. Im Wesentlichen möchte ich mit diesen Veranstaltungen jene Menschen bestärken, die eine demokratische Gesinnung haben, die an Menschenrechte glauben, an den Rechtsstaat und an freie Meinungsäußerung.

Hat die FPÖ im Rahmen Ihrer politischen Lehrtätigkeit schon einmal interveniert?
Es ist mir schon aufgefallen, dass ich seit einigen Jahren nicht mehr an oberösterreichische Schulen eingeladen werde. Das war der erste Vortrag seit vier Jahren, obwohl ich die vergangenen Jahre viele Anfragen von Lehrern bekommen habe, die mich für Vorträge einladen wollten. Gescheitert ist das dann aber meist auf höherer Ebene. Dass ein Vortrag abgebrochen wird, habe ich noch nie erlebt. Auch die dutzenden Lehrer, mit denen ich in den vergangenen Tagen Kontakt hatte, haben das noch nie erlebt.

Inwiefern sind eigentlich Oberösterreich beziehungsweise Linz und Wels tatsächlich noch Gebiete für braune Umtriebe?
Die Ereignisse sprechen für sich. Die Ängstlichkeit der demokratischen Mitte ist problematisch. Dass ein Anruf eines Politikers in einer Schule genügt, um – ohne Gründe zu nennen – einen Vortrag abzubrechen, das erinnert doch ein bisschen an Metternich und Erdogan. Das hat allerdings nichts mit ›braun‹ zu tun. Ich will hier klar differenzieren, um weg von dem Klischee zu kommen, dass alle FPÖler oder Burschenschafter Nazis sind. Allerdings ist es ein Fakt, dass wir eine schwarz-blaue Landesregierung haben, und dass sich die Lage eben dann in eine gewisse Richtung entwickelt. Was ich traurig finde, ist, dass sich die ÖVP zum willfährigen Gehilfen einer solchen Politik macht. Das kann ich mir nicht erklären.

Welche Rückmeldungen haben Sie seit Bekanntwerden des Vorfalls bekommen?
Ich bin total überwältigt. Ich bin ja nicht das erste Mal in der Schusslinie der Rechten, aber eine Unterstützung in diesem Ausmaß habe ich noch nie erlebt. Mich hat eine Solidaritätswelle sowohl von Lehrern als auch von Schülern erreicht. Das freut mich am meisten, weil sie ja schließlich jene waren, die tatsächlich bei meinem Vortrag anwesend waren. Was mir leid tut, ist, dass ich die Angelegenheit gerne diplomatisch gelöst hätte. Ich habe die ersten Journalistenanfragen nicht wahrgenommen und wollte eine Rechtfertigung oder Erklärung des Direktors abwarten, irgendeinen Kompromiss finden. Aber es hat niemand offiziell Kontakt mit mir aufgenommen, bis heute nicht. Da bin ich persönlich enttäuscht.

Welche Schritte oder Maßnahmen planen Sie jetzt?
Es wird mit Sicherheit eine parlamentarische Anfrage geben, schließlich betrifft das Ganze ja auch eine Bundesschule. Mein größter Wunsch wäre, mich wieder mit den Schülern zusammenzusetzen und weiterzudiskutieren. Das Schönste sind immer deren Erfahrungen, da lerne ich ja auch selbst am meisten. Ich habe den Jugendlichen angeboten, wiederzukommen, auf eigene Kosten. Wenn ich das nicht darf, dann werde ich selbst einen Raum anmieten. Auch der junge Mann von der FPÖ kann gerne kommen und seine Meinung sagen. Er darf auch seinen Vater, von mir aus auch seine Oma mitnehmen. Ich bin für alles offen und freue mich über kontroverse Diskussionen. Die Positionen der anderen Seite sind ja für mich persönlich auch von großem Interesse.