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Der verblüffte Präsident

Wie Harald Mahrers Umgang mit einem Fehler ihn seinen Job kostete.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Dezember 2025/Jänner 2026

Als Harald Mahrer Mitte November seinen Rücktritt als Chef der Bundeswirtschaftskammer verkündete, machte er einen Eindruck, als wisse er nicht, wie ihm geschieht.  Hatten nicht alle Gremien der satten Lohnerhöhung der Kammerbeamten und der noch satteren Aufstockung für Funktionäre zugestimmt? Doch zu dem Zeitpunkt hatten bereits die meisten Verbündeten jenes ›Spielfeld‹ verlassen, auf dem Mahrer nun allein dastand. Die Wortwahl war verräterisch.

Nach welchen Regeln hatte er auf diesem Feld ›gespielt‹? Mahrer musste sie gekannt haben, jene des Kammersystems, jene der ÖVP, jene des Wiener Parketts, jene der Intrigen, der ›persönlichen Animositäten‹ und auch des Populismus. Als alles vorbei war, schlug die Stunde der Gerüchte. Mahrer habe bis zuletzt um seinen Rücktritt vom Rücktritt als Präsident der Nationalbank gekämpft. Wenn es vielleicht auch erfunden war, so wurde es doch für wahr gehalten.

Mehr muss man über den obersten Vertreter der Wirtschaft in Österreich gar nicht wissen. Ihm wurde diese Absurdität pronto zugetraut. So etwas ist in der Politik fatal. Auch das musste er gewusst haben und ließ dennoch jede Einsicht vermissen. Mahrer sah sich als Opfer. Andere sehen ihn als realitätsfremden Multifunktionär, der sich in der Rolle des politischen Oberlehrers gefiel. 

Das soll nicht verwundern. Wer mit 38 Jahren sein erstes Präsidentenamt (Julius-Raab-Stiftung der ÖVP) übernimmt und danach von der Partei mit Funktionen überhäuft wird, dessen Blick kann sich schon auf die eigene Person verengen. Da erscheinen dann die eigenen Stärken – der Ehrgeiz, das Strategiedenken, die Durchsetzungskraft, die Liebe zur Innovation – spielentscheidend. Wer sich für den ›smartest guy in the room‹, also den klügsten Kerl im Raum hält, kann die Reaktion der Umstehenden wahrscheinlich nicht richtig ›lesen‹; den Widerspruch zwischen Worten und Taten nicht erkennen.

Mahrer gab auf der einen Seite den Zukunftsorientierten, blieb jedoch auf der anderen Seite in den veralteten Strukturen des Machtbereichs der ÖVP stecken. Also dort, wo man den Unmut der Klienten, ob Unternehmer oder Wähler, nicht mehr wahrnimmt. Nur so ist zu erklären, dass er sich berechtigt fühlte, anderen – der Regierung, den Parteien, den Bundesländern – Geldverschwendung vorzuwerfen, den eigenen Bereich aber zu ignorieren. 

Das ist dann doch einigermaßen überraschend. Denn wer sich intellektuell für überlegen hält, hätte doch wissen müssen oder können, dass diese Widersprüche bemerkt werden; hätte doch auf die wenigen warnenden Stimmen hören müssen. In seinem Zuständigkeitsbereich – dem Unternehmertum, der Wirtschaft – war er keineswegs so fest verankert, wie er oft behauptete. Spielte Mahrer also nur nach seinen eigenen Regeln? Er hat dabei einen allgemein gültigen Grundsatz übersehen.

Es ist nicht ein Fehler an sich, der in der Politik den größten Schaden anrichtet. Es ist der Umgang damit. Er wird erst wirkungsmächtig, wenn er abgestritten wird. Mangelnde Einsicht und Überheblichkeit sind eben doch politische Kategorien. •

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