Die Kunst, sich zu verkaufen

Auftrittsverbote entziehen österreichischen Musikerinnen wie Sigrid Horn Publikum und Existenzgrundlage. Können sie sich von den Finanzierungsmodellen der Nischenstars auf Online-Plattformen etwas abschauen?

DATUM Ausgabe Juni 2020

Wenn Sigrid Horn singt, sind die Menschen still. Mit eindringlichen Liedern im Dialekt ist die niederösterreichische Sängerin bekannt geworden. 2018 erschien ihr erstes Album, vergangenes Jahr beschloss sie, ganz auf die Musik zu setzen und sich selbstständig zu machen. Am 18. März 2020 hätte sie ihr zweites Album im Rabenhof Theater vorgestellt. Dann kam Corona. Ab 16. März wurden in Österreich Ausgangsbeschränkungen verhängt, die Präsentation wurde abgesagt. 20 weitere Konzerte sind auf Horns Website aufgelistet, bis in den Juli hinein. Neben jedem Event steht in roter Blockschrift › abgesagt ‹. 30 bis 40 abgesagte Termine hat sie insgesamt gerade, erzählt Horn, dazu die Sommertermine. Wie es im Herbst weitergeht, weiß niemand.

› Meine Einnahmen sind zu 80 bis 90 Prozent Konzerte ‹, erzählt Horn. Vergangenen Herbst sei sie für das neue Album viel im Studio gestanden, ein Fahrrad­unfall hatte sie außerdem einige Kon­zerteinnahmen gekostet. Das erste Halb­jahr 2020 hätte diese Verluste wieder hereinholen sollen. › Ich war auf ein stressiges halbes Jahr eingestellt gewesen, mit mehreren Konzerten in der ­Woche. ‹ Statt beim Soundcheck auf der Bühne sitzt Horn jetzt zu Hause bei ihrer Familie in Niederösterreich. Sie versucht, sich beschäftigt zu halten, sagt sie, um den Sinn in ihrer Arbeit nicht zu verlieren. › Da fragt man sich schon mal, für wen macht man das eigentlich? ‹

So wie Horn geht es gerade vielen freischaffenden Künstlern. Notgedrungen und zum Teil etwas schwerfällig versucht die gesamte Kulturbranche deshalb, virtuell Fuß zu fassen, Museen wie die Albertina bieten Onlineführungen an, die Staatsoper zeigt ihre Aufführungen gratis im Netz, Musiker wie Igor Levit spielen von zu Hause aus für ihr Publikum. Doch parallel zur analogen Kunstwelt hat sich in den letzten Jahren ­online eine neue Kulturszene etabliert. Sie hat eigene Plattformen wie Twitch oder Patreon, eigene Regeln, nach denen Künstler bekannt werden, eigene Stars und eigene Wege, Inhalte zu monetarisieren. Die Pandemie hat bewirkt, dass zwei Welten plötzlich aufei­n­anderprallen. Onlinekunst funktioniert anders. Kann sie dennoch auch für › klassische ‹ Künstler wie Sigrid Horn funktionieren?

So genau kann Deagal Remyr seinen Beruf gar nicht beschreiben. Begonnen hat alles, als er sich eines Tages im Fasching als Jack Sparrow, der Pirat aus der › Fluch der Karibik ‹-Filmreihe verkleidete. › Ich habe mir gedacht, es gibt doch professionelle Imitatoren, das geht sicher auch mit Jack Sparrow ‹, erzählt der 32-jährige Salzburger. Das Gespräch findet über Discord statt, einer Kommunikationsplattform, die hauptsächlich von Gamern genutzt wird. Demyr sitzt in seinem Studio, seiner Piratentaverne. Vor der Holzverkleidung im Hin­tergrund liegt ein Totenkopf auf einem Regal, Kerzenständer, Rumflaschen und zusammengerollte Karten, an der Wand hängt ein Bild von einem Schiff und von der Decke eine Hängematte. Für das Gespräch hat er einen Videodreh unterbrochen, der Bart ist noch geflochten, auf den Lidern liegt kräftiger schwarzer Lidschatten. Das Piratenkostüm war der erste Schritt in die Selbstständigkeit, sagt Remyr. Es folgten Auftritte auf Partys und Veranstaltungen, mittlerweile arbeitet er als Imitator, Musiker, Cosplayer, streamt auf mehreren Plattformen und verdient mit Social Media Geld. Er ist das, was online unter Content Creator zusammengefasst wird. Im Gegensatz zu Sigrid Horn steht Deagal Remyr auch 2020 in seinem Studio. › Hin und wieder fahre ich auf eine Con­vention, dazu kommen Auftritte am Abend, aber normalerweise arbeite ich zu 90 Prozent online. ‹ Jetzt gerade seien es eben hundert Prozent.

Was für Horn die Bühne ist, ist für Remyr Twitch. Die Live-Übertragungsplattfom gehört zu Amazon, Videospieler nutzen sie, um andere an ihren Spielen teilhaben zu lassen. Kaum von tra­di­tionellen Medien beachtet, ist Vi­deo­­­­spielen zur Zuschauersportart aufgestiegen, wie Fußball oder Skifahren. Im Unterschied zum Fußball ist es aber nicht nur die Profiliga der E-Sports, die ein Publikum anzieht: Allein im ­Monat April haben über fünfeinhalb Millionen ­Menschen gestreamt, ein großer Teil davon im Bereich Gaming, 1,79 Milliarden Stunden wurden die gestreamten Inhalte angesehen. Mittlerweile beschränkt sich Twitch aber nicht mehr nur auf Spiele, es gibt zahllose Unterkategorien, von Musik über Handwerk bis hin zu Kochvideos. Die traditionelle Kunstszene in Österreich hat davon bisher wenig mitbekommen. Sieht man sich die Programme der Wiener Kleinkunstbühnen an, fällt auf: Keiner der genannten Künstler ist auf Twitch vertreten.

Bevor er die Piratenperücke aufsetzte, hatte er bereits zwischen 20 und 30 Berufe ausprobiert, erzählt Deagal Remyr. In der Gastronomie, im Einzelhandel, im Verkauf, im Krankenhaus, staatlich geprüfter Versicherungsagent sei er ebenfalls, lacht Remyr. Nichts davon habe aber so richtig gepasst. Jeden Montag und Donnerstag von acht bis zwölf und 20 bis 22 Uhr und jeden Mittwoch von acht bis zwölf Uhr ist seine virtuelle Piratentaverne geöffnet, wo er im Salzburger Dialekt mit seinen Fans plaudert, Fragen beantwortet oder derzeit auch oft mit seinem Cousin Brettspiele spielt. Jeden Donnerstagabend gibt es einen Stream in der Ka­­tegorie Musik und Darstellende Kunst. Zwei Stunden, so lang wie ein gewöhnliches Livekonzert, singt Remyr wöchentlich selbstgeschriebene oder umgedichtete Lieder oder improvisiert vor der Kamera.

Remyr hat derzeit um die 150 Abonnenten, aber das schwankt, sagt er. Normalerweise sei das keine Summe, von der man gut leben könne, vor allem, da von Twitch-Abonnements nur etwas weniger als die Hälfte auch wirklich bei den Künstlern ankommt. ­Deshalb konzentriert er sich mittlerweile auch auf andere Einnahmequellen. Das sind gerade hauptsächlich Sponsorings, Einnahmen von Social Media – und Spenden. › Um die 50 Pro­­zent meiner Einnahmen sind Spenden ‹, sagt er.

Im Grunde genommen sind auch Einnahmen durch Twitch Spenden, denn das Abomodell der Plattform beruht auf Freiwilligkeit. Prinzipiell kann den Stream jeder sehen – wer Deagal Remyr finanziell unterstützen möchte, kann das ab 4,99 Euro tun. Für Abonnenten gibt es kleine Vorzüge, zum Beispiel mehr Emojis, die Zuseher im Chat nutzen können, der neben dem Video abläuft. Doch vielen Abonnenten geht es gar nicht um die Vorzüge. Es sind monatliche Spenden, um ihre liebsten Streamer zu unterstützen.

Deagal Remyr verlässt sich auf die Großzügigkeit seines Publikums, darauf, dass Menschen ihn freiwillig bezahlen, um ihn zu unterstützen, um ihm zu ermöglichen, seine Arbeit zu machen, um Danke zu sagen. Doch wie kann das gerade virtuell funktionieren – in einem Raum, in dem sonst Raubkopien florieren und sich eine Kultur der Gratisinhalte entwickelt hat? › Am Anfang habe ich mich auch gefragt, ob die Leute wirklich zahlen werden. Aber es funktioniert, indem man den Leuten einen Wert bietet. Wenn man jemandem etwas bietet und er dankbar dafür ist, gibt er gerne etwas zurück. Lange nicht alle, aber genug, dass es sich ausgeht. ‹

Dass es sich ausgehen kann, sagt auch Crowd­fundingexperte Wolfgang Gumpelmaier-Mach. Seit 2009 beschäftigt er sich mit dem Thema, forscht und schreibt dazu und hilft regelmäßig Projekten, sich durch Crowdfunding zu finanzieren. › Man braucht eine Crowd, also genug Publikum, Zeit und Engagement. ‹ Klassisches Crowdfunding auf Plattformen wie Kickstarter arbeite projektbasiert, Kampagnen haben dort einen klaren Anfang und ein Ende. Mehrere Anbieter hätten aber bereits den Bedarf nach nachhaltigeren Modellen erkannt und bieten Finanzierungsmöglichkeiten an, die zur Einnahmequelle werden können. Die bekannteste und größte Plattform für Künstler und Content Creator ist Patreon.

Benannt nach › patron ‹, dem englischen Wort für Mäzen, ist die Funktionsweise der Plattform angelehnt an die Kunstpatronage des späten Mittelalters. Patrons können ihre Lieblingskünstler nach zwei Modellen ­unterstützen: entweder sie zahlen monatlich eine Summe, als Beitrag dazu, dass die Künstler finanziell abgesichert arbeiten können, oder die zuvor gewählte Summe wird automatisch abgebucht bei Erscheinen eines neuen Werks. Egal ob Musik, Malerei, Literatur, Podcasts, Comics: jedes Talent ist vertreten, solange es ein Publikum dafür gibt.

Entwickelt wurde Patreon im Mai 2013 von Jack Conte, einer Hälfte der US-Band Pomplamoose. Er und seine Frau verfolgten ihre Musik­karriere auf YouTube, die Plattform brachte jedoch trotz hoher Zuseherzahlen kaum Geld ein. In einem Monat, erzählte Conte 2017 in einem Ted Talk, verdiente er 166 Dollar durch Werbeeinnahmen, für ein Video, das über eine Million Menschen sahen. Patreon, das sollte nicht nur eine Möglichkeit für Künstler sein, ein regelmäßiges Einkommen zu beziehen, es sollte den Beruf des Kunstschaffenden aufwerten. › In zehn Jahren werden Jugendliche nach ihrem Abschluss Creator zu sein als eine Option sehen ‹, sagt er in dem Vortrag. Im Oktober des Gründungsjahres bezeichnete das Onlinemedium The Verge Patreon bereits als wirtschaftlichen Antrieb der Internetkultur.

Die ersten Künstler auf Patreon kamen von YouTube, so wie bei Twitch waren ihre Inhalte auf anderen Plattformen weiter zugänglich, für Patrons gab es aber kleine Vorzüge wie die Zusicherung von Konzertkarten oder den früheren Zugang zu Inhalten. Wer zuvor auf Youtube war, brachte bereits ein Publikum mit. Selbst wenn nur ein Bruchteil davon die neue Plattform nutzte und zahlte, war plötzlich ein regelmäßiges Einkommen da. Bei Pomplamoose sind das bei 1,03 Millionen Abonnenten auf YouTube 3.262 Patrons, die zusammen einen monatlichen Verdienst von stolzen 16.583 Dollar ergeben.

Auch Deagal Remyr nutzt Patreon, wie auf Twitch sieht er die Einnahmen daraus als › Dankeschöns ‹. Der Unterschied: Patreon selbst behält nur circa fünf Prozent der Einnahmen. Wer ihn als › einfaches Crewmitglied ‹ mit fünf Euro monatlich unterstützt, bekommt tägliche Updates, was hinter den Kulissen passiert, als › Tavernenstammgast ‹ mit zehn Euro gibt es einen monatlichen Livestream nur mit zahlenden Fans, an › Rumflaschenhalter ‹, die 25 Euro monatlich zahlen, verschickt Remyr einen einmaligen persönlichen Videoreim.

In den letzten Jahren ist Patreon stetig gewachsen, die Krise hat dieser Entwicklung kräftig nachgeholfen. Allein in den ersten drei Märzwochen dieses Jahres verzeichnete die Seite 30.000 Neuregistrierungen von Kreativen, gleichzeitig ist auch die Zahl der Unterstützer angestiegen.

Doch kann das auch für Künstlerinnen wie Sigrid Horn funktionieren? Horn lebt im Auftritt, › Sigrid-Horn-Effekt ‹ nennt der Falter ihre Ausstrahlung auf der Bühne. › Du stehst auf der Bühne und du spürst alle Leute, die in dem Raum sind ‹, sagt sie. Wenn sie singt, legt sie sich in die Musik rein, vom eleganten Kurzhaarschnitt bis zu den Schuhen. Wie überträgt man so eine Energie virtuell?

Bald nachdem die Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden, versuchte Horn, im Netz weiterzuarbeiten, sie plante ein über Facebook übertragenes Konzert, zwei weitere virtuelle Auftritte folgten. › Durch die Kommentare merkt man, es sind schon Menschen da draußen. Ich habe mich auf einmal wieder am Leben gefühlt ‹, sagt sie. Trotzdem, das Gefühl, vor einem Publikum auf der Bühne zu stehen, fehlt. › Im Internet ist ein Livestream das persönlichste, was man machen kann. Aber natürlich fehlt die Energie der Menschen vor dir ‹, sagt Deagal Remyr, selbst Musiker.

Trotzdem plant Horn weitere Onlinekonzerte, auch um die fehlenden Bühnenauftritte finanziell zu ersetzen. Auf das erste geplante Facebook-Konzert wurde ein Wiener Fernsehsender aufmerksam, bewarb das Konzert nicht nur über die Medien, sondern sicherte sich auch die Rechte daran, und bezahlte Horn eine Gage. Ihr zweites Konzert spielte sie über das Homestage-Festival, das mit Corona als Anlass Künstlern online die Möglichkeit bietet aufzutreten. Die Gage dafür kam durch Crowdfunding zusammen, › das hat auch super funktioniert ‹, erzählt Horn. Crowdfunding und Sponsoren – damit hat Horn bereits einen Ausflug in Remyrs Welt gemacht. Das Modell online hat für die Sängerin jedoch einen Haken: › Ich kann nicht dreimal die Woche online ein Konzert spielen. In drei verschiedenen Kulturklubs geht das offline schon. ‹ Selbst bei gleichen Gagen pro Konzert hatte Horn im März und April zwei Konzerte, statt 20 abgesagter. Online funktioniert Kunst anders.

› Um vom analogen auf den virtuellen Bereich umzusatteln, darf man seine Inhalte nicht eins zu eins übertragen ‹, sagt Wolfgang Gumpelmaier-Mach. Pa­treon funktioniere durch Kontinuität. Für eine Musikerin kann das heißen: nur ein oder zwei Songs pro Auftritt, Videos, wie hinter den Kulissen gearbeitet wird, Kollaborationen, Jam Sessions, vielleicht Wünsche des Publikums, die umgesetzt werden. Patrons unterstützen nicht nur ein Produkt, sie unterstützen eine Person. Jeder Kunstschaffende wird dadurch zur Marke, es reicht nicht mehr, nur seine Arbeit abzuliefern.

Zwar fallen durch demokratisiertes Mäzenatentum Hürden wie Plattenlabel oder Konzerthäuser weg, gleichzeitig unterliegen Künstler nun dem Druck des Publikums. Ob die eigenen Inhalte gut ankommen, zeichnet sich sofort an der Zahl der Patrons ab. Auch auf Twitch geht es nicht um das Produkt, sondern das Gesamtpaket. Wie wirkt der Künstler durch die Kamera? Wie interagiert er mit seinem Publikum? › Das Wichtigste ist, wie sehr liebst du deine Fans? ‹, sagte Jack Conte in einem Interview mit der Zeitschrift Wired. Und wie sehr lieben sie dich zurück? Den Künstler als unnahbaren Star gibt es dadurch nicht mehr, Kunst wird zur Charakterfrage.

Für Jack Conte ist Patreon, so wie es jetzt existiert, erst der Anfang. Doch sowohl Deagal Remyr, als auch Wolfgang Gumpelmaier-Mach sind sich einig, dass Onlineplattformen den Liveauftritt nicht ersetzen werden. › Es wird immer den Wunsch geben, Menschen zu sehen, zu hören, zu riechen, zu tanzen ‹, sagt Remyr. Gleichzeitig werden wohl einige Künstler durch die Pandemie umdenken, was alles online möglich ist, so Gumpelmaier-Mach.

Sie habe sowieso vorgehabt, mehr Inhalte online zu stellen, sagt Sigrid Horn. Gerade plant sie Kollabora­tionen mit anderen Künstlern und Musikvideos zu ihren bereits veröffentlichten Liedern. Ein Fan habe sie kürzlich darauf angesprochen, ob Patreon nicht eine Option für sie wäre, davor hatte sie die Plattform gar nicht gekannt, sagt sie im Gespräch. › Aber jetzt, nachdem du mich gefragt hast, überleg ich mir das mit dem Patreon. ‹ •