Eingepflegt

Pflegekräfte aus dem Ausland sollen den Personalmangel im Gesundheitssystem lindern. Zuvor müssen sie allerdings eine Reihe von Hürden nehmen. Die Sprache ist nur eine davon.

DATUM Ausgabe Juni 2023

Wie geht es Ihnen?‹, fragt Eliana. ›Ah, gut‹, antwortet ihr Gegenüber etwas zögerlich. ›Das Wetter heute ist nicht gut. Es regnet‹, sagt sie dann und zieht das ›r‹ etwas länger, als es ein Österreicher machen würde. Die 40-Jährige ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, plaudert gerade aber nicht vom Bettrand aus mit einem Patienten. Eliana Blanco Paloma ist Kolumbianerin, hat vor elf Monaten erstmals österreichischen Boden betreten und sitzt nun, Anfang Mai, in einem Deutsch-Sprachkurs der Caritas-Akademie in Graz. Blanco Paloma ist eine von rund 90 kolumbianischen Pflegekräften, die von der Agentur Talent&Care bis Ende 2022 nach Österreich geholt wurden, um in den heimischen Krankenhäusern die Personalnot zu lindern.

Denn das österreichische Gesundheitssystem krankt an Altersschwäche. Rund ein Drittel der Krankenpfleger geht bis 2030 in Pension, und auch der Anteil der über 65-jährigen Österreicher steigt bis dahin kontinuierlich. Immer mehr Pflegebedürftigen stehen nicht genügend Pflegekräfte gegenüber. Eine demografische Veränderung, die man schon länger kommen gesehen hat. In der vielzitierten Pflegepersonal-Bedarfsprognose von 2019 heißt es, spätestens 2024 könnten die offenen Stellen nicht mehr mit Absolventinnen der heimischen Gesundheits- und Krankenpflege-Ausbildungen gedeckt werden. Schon jetzt seien Maßnahmen zu ergreifen. Laut der Studie braucht Österreich noch in diesem Jahrzehnt 76.000 zusätzliche Pflegekräfte, der ehemalige Gesundheitsminister Anschober (Grüne) prognostizierte im ersten Pandemiejahr gar einen Bedarf von 100.000.

Was all diese Zahlen bedeuten, spüren viele Menschen schon jetzt. ›Das größte Problem ist, dass wir zu wenig Personal haben‹, sagt Anna Papaioannou, vom Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflege-Verband (ÖGKV). Zu wenig Personal bedeute zu wenig Zeit pro Patient und kurzfristige Schichtübernahmen, dazu kommen psychische und physische Belastung und ein Gehalt, das diesen Arbeitsbedingungen nicht entspreche, berichtet eine Diplompflegerin aus dem Grazer Uniklinikum. Ohne Zulagen sei man ›nicht überlebensfähig‹. Laut einer Studie des Gesundheitsministeriums glauben 65 Prozent der Pflegekräfte, dass sie den Job nicht bis zur Pension ausüben werden. ›Die Attraktivität des Berufs hat sehr gelitten und wird weiter leiden, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern‹, sagt Papaioannou.

Ein Teil der Lösung für den Personalmangel sei die gezielte Anwerbung von Pflegepersonal aus dem Ausland, sagt Gesundheitsminister Johannes Rauch von den Grünen Anfang Mai auf einer Pressekonferenz. Die Vermittlungsagentur Talent&Care will noch heuer weitere 400 Pflegekräfte aus Kolumbien und den Philippinen für unsere Krankenhäuser und Pflegeheime rekrutieren. Doch wer sind diese Menschen, die nun die Lücken in Österreichs Gesundheitssystem füllen sollen? Wie geht es Ihnen weit entfernt von ihrer Heimat, in einem fremden Land mit anderer Kultur und Sprache?

Eliana Blanco steht mit Menschen aus Ägypten, Griechenland und Kenia in einem Kreis, ein Schlüsselbund wird herumgeworfen, Namen werden geübt. Die Kolumbianerin hat sich den Deutschkurs in Graz selbst organisiert und finanziert. ›Ich will viel in der Arbeit machen, aber ich nicht versteht alles. Meine Kollegin braucht, dass ich allein arbeite. Das ist indispensable!‹, sagt sie. An den Wänden hängen bunte Kärtchen. Darauf stehen Dinge wie ›Das blaue Hemd‹, ›Der blaue Anzug‹ oder ›Es ist mein Traum…‹

›…andere Länder kennenzulernen‹, meint Blanco auf die Frage, warum sie nach Österreich gekommen ist. In Kolumbien habe eine Diplompflegerin zwar immer Arbeit, nur sei die Bezahlung schlecht. 2014 hat sie ihr Studium abgeschlossen und seitdem auf verschiedenen Stationen in kolumbianischen Krankenhäusern gearbeitet. Während eines Corona-Lockdowns erfuhr sie dann aus der Whatsapp-Story einer Kollegin von den Vermittlungsagenturen. Nach einer ersten Infoveranstaltung musste Blanco eine Entscheidung treffen: Österreich oder Deutschland? Der österreichische Vater eines Freundes habe ihr die Wahl dann erleichtert: ›Er hat gesagt: »Deutschland ist schlecht, Österreich ist besser«.‹

Nach einem Jahr Deutschkurs in ihrem Heimatland steht Eliana Blanco im Sommer 2022 mit anderen kolumbianischen Pflegerinnen in Istanbul am Flughafen und hat Angst. Alle sprechen sehr wenig Englisch und müssen allein zu ihrem Anschlussflug nach Österreich finden. Als sie schließlich um 23 Uhr in Bruck an der Mur ankommen, werden sie von der Pflegeleitung persönlich willkommen geheißen. Sie und ihre drei Kolleginnen bekommen die Schlüssel zu jeweils einer Personalwohnung direkt neben dem Krankenhaus. Am nächsten Tag gehen sie gemeinsam Lebensmittel einkaufen. Ihr neuer Arbeitgeber, die steirische Krankenanstaltengesellschaft KAGES, bezahlt. Die Mitarbeiter im Krankenhaus sammeln für die Kolumbianerinnen Kochtöpfe, die sie selbst nicht mehr brauchen. Für Blanco wird auch ein Fahrrad gespendet.

Als Lizeth Aguirre Diaz im Februar 2022 in Graz ankommt, hat sie nichts außer Kleidung und Pass dabei. Auch sie ist mit Talent&Care von Kolumbien nach Österreich ausgewandert, um hier als diplomierte Pflegerin zu arbeiten. Ihr erster Arbeitstag im LKH Graz West war ›hässlich‹, sagt sie und lacht. Michaela, ihre Stationsleiterin, schmunzelt. Weil Aguirre in Kolumbien nebenher gearbeitet hat, sei der Deutschkurs zu kurz gekommen. ›Am ersten Tag konnte ich nicht verstehen. Du willst arbeiten, aber du kannst nicht. Du kannst nur schauen‹, sagt sie, ›es gibt viel zu tun, und die Leute haben wenig Zeit. Aber du kannst nicht deine Arbeit und eine Sprache lernen‹.

Im Grazer LKH habe sie etwas weniger Stress als in Kolumbien, aber es sei auch ein anderes Gesundheitssystem, gibt Aguirre zu bedenken. Statt 26 Patienten pro Diplompflegerin sind es hier zurzeit nur 15. Eine Diplompflegerin in Kolumbien habe eher mehr patientenferne, organisatorische Aufgaben. ›Aber in Österreich gibt es auch viel Stress. Du hast weniger Patienten, aber du musst alles machen. Duschen, waschen oder Essen eingeben‹, sagt Aguirre. In ihrer Heimat ist das die Aufgabe der Pflegeassistenten.

Ihre Chefin Michaela findet die 27-Jährige sehr motiviert. Sie könne die Kolumbianerin inzwischen wie eine in Österreich ausgebildete Kollegin einsetzen. Das einzige Problem bleibt die Sprache. Vor allem, wenn es schnell gehen muss und Aguirre erschöpft ist: ›Meine Kolleginnen haben meine Hilfe gebraucht, und ich habe gesagt: »Ja, aber kannst du bitte langsam sprechen, ich kann nicht verstehen. Ich bin müde. SO MÜDE.«‹

Im Deutschkurs spitzt Eliana Blanco die Lippen und übt stumm das ›ü‹ in ›müde‹. Die Umlaute machen ihr zu schaffen. Bei ihr auf der Station gibt es auch immer wieder stressige Situationen. Dabei macht sie ungewohnte Erfahrungen: ›Meine Kolleginnen sagen: »Eli, bitte, du musst kurz Pause machen, bitte sitzen.« In Kolumbien ist viel Arbeit. Wenn hier ist viel Arbeit: bitte sitzen‹, sagt sie und lacht.

Blanco fühlt sich wohl in Bruck an der Mur. Von Anfang an haben sie ihre Kolleginnen bei der Eingewöhnung unterstützt. ›Mein erster Arbeitstag war mit Martin, er ist groß. Aber seine Geduld ist größer als ihm!‹, sagt sie. Die Patienten seien rücksichtsvoll und würden versuchen, möglichst ohne Dialekt zu sprechen. Einzig der Pflegebericht macht ihr noch Schwierigkeiten. Der ist auf Deutsch zu schreiben und im Zweifelsfall vor Gericht relevant, weshalb den noch die österreichischen Schwestern ausfüllen. Die Pflegerinnen auf der Station sagen, Blanco sei sehr bemüht und sie würden ihr auch fachlich zutrauen, mehr Aufgaben zu übernehmen. Nur darf die Kolumbianerin das rechtlich nicht.

Trotz ihres fünfjährigen Diplomstudiums und der achtjährigen Praxis-Erfahrung in Kolumbien kann Eliana Blanco auf ihrer Station in Österreich derzeit nur als Pflegeassistentin eingesetzt werden. Sie hat mit der Rot-Weiß-Rot-Karte zwar eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, aber noch keine Nostrifikation. Das bedeutet, Blancos universitärer Abschluss ist in Österreich noch nicht anerkannt. ›Und wir unterscheiden auch zwischen Anerkennung und Nostrifizierung. Damit es noch komplizierter wird‹, sagt Anna Papaioannou vom ÖGKV.

Zur Klarstellung: Anerkennung heißt das Verfahren, das Pflegekräfte aus EU- und EWR-Mitgliedstaaten und der Schweiz durchlaufen, wenn sie in Österreich in einem Gesundheitsberuf arbeiten wollen. Nostrifizieren müssen sich hingegen alle, die keinen Abschluss in oben genannten Ländern vorweisen können. Die Anerkennung geht meist schneller und ist über das Gesundheitsministerium organisiert, während die Nostrifizierung in die Kompetenz der Länder fällt. Und auch auf dieser Ebene sind wieder unterschiedliche Institutionen zuständig. Die jeweiligen Landeshauptleute für Pflegeassistenz sowie Pflegefachassistenz und die Fachhochschulen für die Diplompflegenden.

›So kompliziert und durcheinander, wie es jetzt ist, hat man es unnötig schwer, sich da durchzunavigieren. Vor allem, wenn Deutsch nicht die eigene Muttersprache ist‹, sagt Papaioannou. Wie könnte es einfacher gehen? ›Im Jahr 2023? Mit einer Onlineplattform, auf die man aus dem Ausland bereits zugreifen kann.‹ So sollen die internationalen Pflegekräfte bereits einen Großteil der Formalitäten erledigen können, bevor sie nach Österreich kommen. ›Voraussetzung für all das ist natürlich Sprachniveau B2‹, stellt sie klar.

Und genau das ist Blancos Problem. Sie hat trotz Deutschkurs in Kolumbien noch kein Sprachzertifikat und ergo keine Nostrifikation, obwohl sie schon fast ein Jahr in Österreich ist. Als sie den Einstufungstest bei der Caritas-Akademie macht, wird sie in einen A2-Kurs, also zwei Stufen unter B2, eingeteilt. Sie ist zwar schon etwas fortgeschrittener, aber der Prüfer findet ihre Grammatik noch verbesserungswürdig.

Ähnlich war es bei Lizeth Aguirre. In Kolumbien wurde sie auf Sprachniveau B2 eingestuft, hier in Österreich aber auf A2. Die 27-Jährige hat dann extra noch einen Deutschkurs gemacht und so die Nostrifikation geschafft. ›Unsere Sprache ist unsere große Schwäche‹, sagt Aguirre und meint die Schwierigkeiten mit der Kommunikation. ›Jetzt bin ich zufrieden. Aber die Dialekte verstehe ich nicht immer, es ist kompliziert.‹

Im LKH Graz West wurde mit Anfang Mai die Hälfte von Aguirres Station wegen Personalmangel gesperrt. Auf Blancos Station sind momentan fünf Vollzeitpflegestellen unbesetzt, als Pflegeassistenz füllt sie gerade keine davon wirklich. ›Die Station wird sie nicht retten‹, hört man von Kollegen. Aber das sei auch gar nicht der Anspruch an die Kolumbianerin.

›Es gibt viele Hürden, bis die Menschen wirklich im österreichischen Berufsleben ankommen‹, sagt Monika Riedel, Senior Researcher für Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik am Institut für höhere Studien. Sie höre immer nur von den gleichen Beispielen: ›Und weil das nur punktuelle Geschichten sind, wird die Arbeitssituation der Kolleginnen, die schon da sind, ja nur bedingt besser.‹ Migration sei eben nur einer von vielen Bausteinen. ›Zuerst muss man den Personalmangel in der heimischen Pflege in den Griff kriegen‹, sagt sie. Außerdem stelle sich die Frage, bei welchen Ländern es überhaupt vertretbar sei, Pflegekräfte abzuwerben.

Laut Riedel gibt es in unseren östlichen Nachbarländern nicht mehr viel zu holen. Diese hätten inzwischen selbst Personalschwierigkeiten in der Pflege. ›Das verschiebt das Problem nur‹, sagt Papaioannou vom ÖGKV. Um Löcher in Österreich zu stopfen, reiße man sie anderswo auf. Andreas Reitermayer, Geschäftsführer der Vermittlungsagentur Talent&Care, betont Ende 2022 in einem Interview, dass es in Kolumbien mehr Pflegekräfte gebe, als dort am Arbeitsmarkt gebraucht würden. Rund 12.000 Euro kostet die Krankenhausbetreiber die Vermittlung einer internationalen Pflegekraft über Talent&Care. 

›Es klingt so gut mit der Migration. Ja, wir müssen Pflegekräfte hereinholen. Aber wir sind ja nicht die ersten, die auf die Idee kommen‹, sagt Riedel. Man müsse für internationale Pflegekräfte auch Anreize schaffen, nach Österreich und nicht nach Deutschland, Frankreich oder England zu gehen. Mit dem jetzigen Zustand des Pflegeberufs im Land sei das nicht gegeben. Viele richtige Maßnahmen lägen schon am Tisch, die Politik müsse sie jetzt nur noch umsetzen.

Vor zwei Monaten hat Lizeth Aguirre Diaz ihren achtjährigen Sohn zu sich nachgeholt. Sie wohnen nun zu zweit in einer größeren Wohnung, die ihnen von der KAGES bereitgestellt wurde. Die Zeit getrennt von ihm war schwer für Aguirre, jetzt muss der Kleine sich auch an das neue Land gewöhnen. Ihr Sohn frage sie oft: ›Mama, warum kann ich nicht jeden Tag Reis essen?‹ Und sie antwortet: ›Es ist eben eine andere Kultur.‹

Eliana Blanco Paloma hat ihre Söhne nun ein Jahr lang nicht gesehen. Die zwei studieren zu Hause in Kolumbien und telefonieren täglich mit ihrer Mutter. Blancos Mann hat sie von Dezember bis Februar in Österreich besucht, im Juli kommt er wieder. Wenn sie nicht gerade arbeitet oder Deutsch lernt, macht die Kolumbianerin mit ihren fünf Freundinnen einen Tanzkurs in Kapfenberg. Ihr Nostrifikationsverfahren startet im Herbst, wenn alles gut läuft. Das hat die Agentur organisiert. Mitte Mai hat Blanco zusammen mit anderen kolumbianischen Pflegerinnen einen B2-Sprachtest in Innsbruck absolviert. Die Ergebnisse stehen noch aus, aber: Sie hat ein gutes Gefühl. •

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