ICE kalt
Beamte der US-Einwanderungsbehörde jagen bei Razzien Menschen durch die Straßen und trennen Familien gewaltsam. Fotos dokumentieren diese beispiellosen Momente in den USA.
Seine Augen sind vor Angst geweitet. ›Greift mich nicht so an. Ich habe nichts Falsches getan‹, fleht der schmächtige Kolumbianer, während er sich aus dem Griff von drei bulligen Männern zu befreien versucht. Es sind Beamte der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE), die ihn am 27. Oktober 2025 am US-Einwanderungsgericht in Manhattan festnehmen.
David Dee Delgado hat die Szene fotografiert. ›Ich wünschte, ich hätte diese Fotos nie machen müssen‹, sagt er. Fotos von Menschen, die verfolgt und von ihren Familien weggezerrt werden.
Delgado ist einer von mehreren preisgekrönten Pressefotografen, die Mitte November im Bronx Documentary Center in New York am Podium sitzen. Sie haben Kriege im Irak, im Kosovo und der Ukraine fotografiert, Naturkatastrophen auf Haiti und andere verheerende Notlagen durch die Kameralinse gesehen und für ihre Arbeit Pulitzer-Preise erhalten.
Doch die Dramen, um die es an diesem Tag geht, spielen sich mitten in New York City ab. In den Gängen des Jacob K. Javits Federal Building, wo die Einwanderungsbehörde ihren Sitz hat. Von ihr verlangt Donald Trump eine Million Abschiebungen pro Jahr. Rund 60.000 Menschen befinden sich derzeit in Abschiebehaft. Einer Erhebung des US-Senders NPR zufolge sind allein heuer mindestens 20 Menschen in ICE-Gewahrsam gestorben – so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Die Behörde geht äußerst hart vor. ICE-Beamte jagen bei Razzien Menschen auf der Straße und schrecken auch nicht vor Festnahmen am Arbeitsplatz zurück – selbst, wenn es sich dabei um einen Kindergarten handelt und die Kleinen schluchzend miterleben, wie ihre Betreuerin abgeführt wird. ›Die Welt muss diese Ungerechtigkeit sehen‹, sagt Delgado. ›Ein Bild kann ohne Worte zeigen, was falsch ist und nicht vertuscht werden soll.‹
Migranten, die den Ladungen der Behörde, den sogenannten ›Check-in-Sessions‹, nachkommen, werden häufig direkt im Einwanderungsgericht überrumpelt. Das bewaffnete, teilweise vermummte Personal geht dabei oft gewaltsam vor. Bei einem Tumult Ende September wurde ein Videograf der türkischen Nachrichtenagentur ›Anadolu‹ so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Ein Ministeriumssprecher erklärte daraufhin, dass die Beamten das Recht gehabt hätten, sich zu verteidigen; sie seien ›von Pressevertretern umringt worden, was die Arbeit behinderte‹.
Die Fotografin Madison Swart, die für die New York Times, die Washington Post und andere internationale Medien arbeitet, sagt: Die Dokumentation von ICE-Festnahmen sei der härteste Job, den sie je geleistet habe. Über brutale Abschiebungen habe sie schon öfter berichtet, aber diese Art von Schmerz sei anders. ›Unzählige Leben werden in Echtzeit zerstört.‹ Am herzzerreißendsten sei es, die Trennungen von Familien zu fotografieren.
›Im Grunde geht es darum, als neutraler Beobachter und akribischer Chronist zu dienen‹, sagt David Dee Delgado. Um diese beispiellosen Momente in der Geschichte der USA festzuhalten. •