„Leute schauen mir zu, um nicht allein zu sein“

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Fotografie:
Ursula Röck
DATUM Ausgabe März 2024

Name: Rebecca Raschun, alias JustBecci, 30

 Beruf: Streamerin

Wieso sind Sie Streamerin geworden?

Ich spiele Videospiele, seit ich vier Jahre alt bin. Damals noch am PC meines Vaters. Vor zwölf Jahren begann ich dann, mich dabei live zu filmen. Ich wollte immer Moderatorin werden, und beim Zocken in eine Kamera zu quatschen, war recht nah dran.

Was müssen Sie für den Beruf gut können? 

Ich muss mit mir selbst sprechen können. Als ich angefangen habe, hatte ich einen Zuschauer. Und der schrieb nichts im Chat. Also musste ich mit mir selbst sprechen. Ich habe mir selbst erzählt, was ich da gerade im Videospiel mache. In dem Job muss man auf jeden Fall ein bisschen aus sich rausgehen können.

Wie funktioniert der Beruf einer Streamerin grundsätzlich?

Im Grunde schauen mir andere Menschen dabei zu, wie ich Videospiele spiele und darüber spreche. Das Ganze ist natürlich sehr interaktiv, weil ich auf meine Zuschauer, die im Chat schreiben, live reagieren kann. Ich streame am späten Nachmittag für zwei bis drei Stunden, drei- bis viermal die Woche. Als Streamerin muss ich außerdem eine Internet-Persönlichkeit sein. Ich habe Social-Media-Kanäle, um dort Bilder zu posten, Videos zu produzieren und so weiter.

Das klingt ein wenig wie Influencer zu sein, nur mit Zocken.

Ich mag das Wort Influencer nicht gern, aber ja, eigentlich sind wir Influencer. Wir sind auch auf Kooperationen angewiesen, in denen wir Videospiele bewerben. Das bedeutet, ein Entwickler gibt uns gratis Zugang zu einem Spiel und ein Honorar. Dafür streamen wir zu dem Spiel und bewerten es.

Bekommen Sie auch Geld von Ihren Zuschauern?

Ja. Zuschauer können mich für fünf, zehn oder 25 Euro monatlich abonnieren. Als Streamerin mit meiner Reichweite bekomme ich dann die Hälfte, die Streamingplattform Twitch die andere. Leute können mir aber auch, während ich streame, Geld schicken. Twitch löst dann einen Alarm aus. Bei mir beginnt zum Beispiel ein Song über Sushi zu spielen, weil ich immer sage, dass Spenden in meinen Sushi-Konsum wandern. Ich habe aber auch Anpassungen, je nach Höhe. Wenn jemand 69 Euro spendet, dann kommt der Pornhub-Sound. Ich habe auch Kolleginnen, die von den Spenden allein leben können.

Wie viel verdienen Sie netto mit dem Streamen?

Früher habe ich ausschließlich auf Twitch gearbeitet. Da kamen dann knappe 2.000 Euro im Monat zusammen. Allerdings ist das ein unsicheres Einkommen, weil man als Streamer von Spenden, Abos und Kooperationen abhängig ist. Wenn die Fans nicht mehr zahlen wollen, steht man ohne Einkommen da. Mittlerweile moderiere ich auch Veranstaltungen in der Spieleszene und arbeite als Sprecherin. So komme ich auf gute 3.000 Euro netto.

Gibt es auch unangenehme User?

Früher war es schlimmer als heute. Aber gerade bei kompetitiven Spielen, die schwierig sind, kommentieren Leute oft sexistisch, dass ich besser in die Küche gehen solle, oder sie fragen mich, was ich von Fußfetischen halte. Mittlerweile sehe ich aber kaum noch etwas davon. Ich habe einen unbezahlten Moderator im Hintergrund, der alles in Echtzeit löscht. Das ist ein Fan, der sowieso alle meine Streams schaut.

Warum schauen Ihnen überhaupt Leute beim Zocken zu? 

Streamern zuzuschauen ist für viele wie ein Fernsehprogramm. Wenn sie von der Arbeit heimkommen, wollen sie abschalten. Manche Leute hören meine Streams auch einfach wie einen Podcast, also ohne Bild. Es geht weniger um die Spiele und mehr darum, im Hintergrund etwas laufen zu haben. Leute schauen mir auch zu, um nicht allein zu sein. •

Zahlen und Daten

Twitch wird von Twitch Interactive betrieben, einer Tochtergesellschaft von Amazon. 

Die Streamingplattform selbst erwirtschaftete im Jahr 2022 einen geschätzten Umsatz von 2,8 Milliarden Dollar

7,6 Millionen Twitch-Nutzer streamen einmal pro Monat auf der Plattform. 22,4 Milliarden Stunden an
Inhalten wurden 2022 auf der Plattform konsumiert.