Weinberge versetzen

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft macht auch vor dem Weinbau nicht halt. Dadurch wird nicht nur die Natur, sondern auch unsere Sprache eintöniger.

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Illustration:
Nele Fierdag
DATUM Ausgabe April 2021

Sommer 2018 in Österreich. Die ganze Weinbranche spürt die Klimaerwärmung wie nie zuvor. Die Ernte startet um Wochen früher als üblich. Lesemaschinen rücken schon im Morgengrauen aus. Sie müssen vor der Hitze des Tages die Trauben in den Keller bringen. In diesem Sommer setzt der Winzer Franz Weninger ein Zeichen : Er gestaltet ein T-Shirt für sich, seine Erntehelfer, Kunden, Freunde und immer mehr Kollegen. › Rage against the machine ‹ steht darauf zu ­lesen. Eine Hand streckt die Leseschere in die Luft wie die Freiheitsstatue ihre Fackel. › lch wollte aufrütteln und unsere Kulturlandschaft in die Köpfe der Weinbauern bekommen. Es ist eine Kleinstruktur, wo sich Obstgärten und Wein abwechseln. Die Handlese als Symbol der Weinbaukultur ! ‹ erzählt er heute. In seinem Blog schreibt er : › War es nicht ganz genau so beim Mähdrescher ? Früher standen hundert Arbeiter mit Sense und Sichel am Feld, heute sind sie alle – bis auf den Fahrer – obsolet.‹ Weninger findet nicht jeden Fortschritt schlecht, meint aber: › Früher konnte man in unserer Region mit 15 Hektar Land das Auskommen finden, heute braucht ein Landwirt 200 Hektar. Selbst dann wird er zum Förderungsempfänger und zum Stimmvieh der Politik degradiert. Ein stolzer, freier Bauer sieht anders aus. ‹

Der Konflikt ist typisch für den gesamten landwirtschaftlichen Strukturwandel. Im internationalen Vergleich sind österreichische Agrarflächen noch klein, ganz besonders im Weinbau. Doch auch hier geht die Entwicklung in eine andere Richtung. Weingüter wachsen zu großen Unternehmen an. Ihre Ma­schi­­nen brauchen Platz. Eine vergrößer­te Fläche ist effizienter und verbraucht verhältnismäßig weniger Treibstoff. Damit verändern sich das Landschaftsbild und der Lebensraum für Fuchs, Fasan, Eidechse und Hummel. › Die Kulturlandschaft ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend ausgeräumt worden ‹, bestätigt Gábor Wichmann, Geschäftsführer von Birdlife Österreich. › Wie bei jeder Form der Landwirtschaft gilt : Wenn sie zu intensiv ist, leidet die Biodiversität und damit auch die Vogelwelt. ‹

› Die Weinbauern kommen immer mehr unter Druck. Seit dem EU-Beitritt haben sich die Preise für Wein nicht erhöht, aber Strom, Diesel und vor allem die Arbeitskraft ist teurer geworden ‹, beklagt Weninger. Die Winzer würden in die gleiche Falle tappen, in die der Ackerbau Jahre zuvor gegangen sei, wenn sie über Industrialisierung versuchen dagegenzuhalten. › Billiger zu produzieren, um zu überleben, können wir in Österreich vergessen. In diesem Segment werden wir nie langfristig mitspielen können ‹, glaubt er.

Statt 16.250 im Jahr 2000 gibt es jetzt nur mehr 7.114 Weinbaubetriebe. Rein rechnerisch bewirtschaftet einer von ihnen aktuell durchschnittlich sechs Hektar. Vor 20 Jahren lag  die durchschnittliche Bewirtschaftungsfläche bei 2,7 Hektar pro Betrieb. Aufgehört haben die Kleinen, gewachsen sind die Gro­ßen. Es gibt immer weniger Weingüter mit weniger als zehn Hektar Fläche. Die Zahl der größeren Betriebe wächst hingegen stetig. Besonders seit 2009 sieht man einen sprunghaften Anstieg der › exportrelevanten Betriebe ‹, wie die Österreich Wein Marketing (ÖWM) Unternehmen ab einer Verkaufsmenge von mehr als 30.000 Litern nennt.

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