Kostbarer Dreck

Wir verlieren unsere wichtigste Ressource – den Boden auf Österreichs Äckern. Erst wenige Bauern kämpfen bewusst dagegen an.

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Illustration:
Alexandra Turban
DATUM Ausgabe November 2021

Franz Brunner macht das nicht zum ersten Mal. Erst steigt er in seinen schwarzen Lederschuhen zwei Schritte zurück, um Anlauf zu nehmen. Dann scheint alles gleichzeitig zu passieren: Er hebt in einer fließenden Bewegung 40 Zentimeter vom Boden ab, seine Füße landen auf der Oberkante des Spatens, seine Hände umfassen den Griff, sein Oberkörper im froschgrünen T-Shirt lehnt sich nach vorne. Der Spaten sinkt unter Franz Brunners Gewicht weich in die Erde. Dann steigt Brunner auf den Ackerboden. Mit einem Ruck am Griff des Spatens dreht er ein Stück Erde um. Mit zwei Fingern zieht er eine zierliche Hirsepflanze heraus und legt sie auf seine Handfläche. An ihren Wurzeln kleben Erdbrocken, so groß wie Kaffeebohnen. Seit Jahrzehnten führt der Landwirt diese Choreografie durch, manchmal mehrere Male am Tag, meist alleine. Heute stehen im Halbkreis um ihn 15 Landwirte, drei Frauen und zwölf Männer. Sie kritzeln Notizen in karierte Blöcke. Sie nehmen Erdbrocken in die Hand, saugen ihren Geruch ein, lassen sie zwischen Daumen und Zeigefinger zerbröseln. Sie alle sind an diesem Septembernachmittag in zwei Kleinbussen aus Bayern angereist, um zu lernen, was Franz Brunner hier richtig macht.

2,6 Millionen Hektar Fläche werden in Österreich landwirtschaftlich genutzt. Rund die Hälfte davon, immerhin 16 Prozent der Staatsfläche, sind Ackerland. Es ist Land, dessen Gesundheit untrennbar mit unserer verknüpft ist. Wir brauchen Ackererde zum Überleben. Sie filtert unser Trinkwasser, kann vor Hochwasserschäden schützen und co2 speichern. Nicht zuletzt ernährt sie unsere Nahrungspflanzen und damit jeden von uns. Und sie ist bedroht. Auf einem Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche der eu erodiert schon heute mehr Erde, als wieder aufgebaut wird. Mehr als 60 Prozent der landwirtschaftlichen Böden der eu sind ungesund. Dürre- und Starkregenereignisse werden sich in den kommenden Jahrzehnten häufen und immer mehr fruchtbaren Oberboden abtragen. Wohin das für nachfolgende Generationen führen kann, beschreibt der us-amerikanische Geomorphologe David Mont­gomery in seinem Buch ›Dreck‹. Darin erzählt er eine Kulturgeschichte des Umgangs mit fruchtbarem Boden. Sein durch weltumspannende, historische Beispiele untermauertes Fazit: Jene Kulturen, die ihren Ackerboden abgetragen haben, gingen wenige Jahrzehnte danach unter. Könnte das auch mit Österreich passieren?

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Wörter: 2706

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Lesezeit: ~15 Minuten

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