Refugees warten

Wie Österreich bei der Integration von Asylwerbern versagt.

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Illustration:
Francesco Ciccolella
DATUM Ausgabe Oktober 2016

Die Asylwerber sollen sich wenn möglich nicht auf der Straße aufhalten. Diese Regel gilt in Gramatneusiedl, einer Gemeinde südöstlich von Wien, für die vierzig Männer unter den sechzig Asylwerbern im Ort. Darum sitzen sie meistens in ihren Zimmern, in denen sie warten, seit zehn, seit elf, seit zwölf Monaten, und gehen selten auf die Straße. Die Leute, heißt es, würden das nicht wollen. Diese Geschichte handelt davon.

Und von Sebastian Schirl-Winkelmaier, der im September 2015, als die ersten Geflüchteten nach Gramatneusiedl kommen, ganz vorne im Saal steht und sie mit einem kräftigen ›Welcome!‹ begrüßt. Der in der Zeit der Willkommenskultur zu einem freiwilligen Helfer wird und sich an diesem Tag fragt: ›Wäre ich nicht hier, wer würde sich um die Menschen kümmern?‹ Es ist der Moment, in dem er die Verantwortung übernimmt. Was er damals nicht weiß: Er wird sie bis heute tragen. Jetzt, ein Jahr später, fragt er sich: wie lange noch?

Es wird um eine junge irakische Familie gehen, die nach ihrem ersten Jahr in Österreich von einer kleinen Gemeinde in die Stadt zieht in der Hoffnung auf eine größere Chance. Und nun erkennt: ›Wir sind verloren.‹ Und um jene ältere Frau, die sich in dieser Gemeinde um sie gekümmert hat und die jetzt eine Frage quält: ›Warum sind sie einfach gegangen?‹

Es wird um die Bedeutungskraft einer orangefarbenen Arbeitsjacke gehen.

Und um einen Bürgermeister, der, anders als die meisten Bürgermeister im Land, freiwillig und schon im August 2015 Menschen aus Syrien und dem Irak aufgenommen hat. Der die Versorgung und Integration der Geflüchteten als eine Situation ansah, die es zu lösen gilt. Johannes Pressl, Bürgermeister von Ardagger, ÖVP-Mitglied, fühlt sich vorbereitet in diesem Spätsommer 2015. Er hat sich einen Plan zurechtgelegt. Pressl ist optimistisch. Heute sagt er: ›So, wie ich mir das vorgestellt habe, funktioniert das nicht.‹

Dies ist die Geschichte einer Ernüchterung. Sie handelt von den 120.000 Menschen, die seit Jänner 2015 in Österreich um Asyl angesucht haben. Und von denen, die sie seither unterstützen. Sie sagen: So schaffen wir das nicht.

Die Frage der kurzfristigen Unterbringung wurde inzwischen zu einer der langfristigen Integration. Viele, die angekommen sind, werden bleiben, wahrscheinlich für immer. Sie brauchen jetzt Deutschkurse, Arbeit, eine Wohnung. Von allem gibt es zu wenig. Es fehlen Ressourcen und staatliche Strukturen, und vor allem fehlt: ein landesweiter Plan. Es gibt ihn bis heute nicht.

Von Woche zu Woche bringt die Integrationsfrage neue Schlagworte hervor: Residenzpflicht, Kompetenzchecks, Ein-Euro-Jobs, Mindestsicherung, Burkaverbot. Politdebatten, Leitartikel und TV-Diskussionen arbeiten sich an ihr ab. Ob Österreich diese Aufgabe bewältigt oder an ihr scheitert, wird sich nicht in den Redaktionen und Fernsehstudios des Landes entscheiden. Nicht in den Büros der Ministerien, Wirtschaftsverbände, Kirchen und Gewerkschaften. Es wird in den Städten und hunderten Gemeinden des Landes entschieden werden. An Orten wie Ardagger und Gramatneusiedl.

›Manchmal komme ich mir wie ein Trottel vor‹
Gramatneusiedl liegt im niederösterreichischen Indus­trieviertel, noch Bezirk Wien-Umgebung, nach dessen Auflösung bald Bruck an der Leitha, ein Autofahrer braucht von hier zwanzig Minuten in die Hauptstadt Wien. Die Gemeinde zählt 3.140 Einwohner und seit rund einem Jahr sechzig Asylwerber. Es sind großteils junge Männer aus Afghanistan, die in privaten Unterkünften wohnen. Der Flüchtlingschef, so nennen sie ihn hier, ist Sebastian Schirl-Winkelmaier.

›Manchmal‹, sagt er, ›komme ich mir schon wie ein Trottel vor.‹ Es ist ein heißer Tag Anfang September, Schirl-Winkelmaier, ein großgewachsener, schlanker Mann, sitzt in einem silbernen Familienvan. Auf dem Autoboden kugeln Stofftiere und Spielsachen durch die Gegend. Schirl-Winkelmaier, 38 Jahre alt, ist vierfacher Vater, Lehrer in einer polytechnischen Schule in Wien, und lebt mit seiner Familie in Gramatneusiedl. Dort sitzt er auch als Grünen-Politiker im Gemeinderat.

Vor einem Jahr hat er eine Hilfsinitiative ins Leben gerufen, weil er die Bilder von den Menschen an den Grenzen gesehen hatte, weil er im Flüchtlingscamp Traiskirchen war und am Hauptbahnhof in Wien. Am 24. September 2015 kamen die ersten Asylwerber nach Gramatneusiedl, seither kümmert er sich um sie. Auch jetzt ist er auf dem Weg in eine Unterkunft, er holt ein paar Burschen ab und bringt sie zum Volleyballplatz. In seiner Freizeit organisiert Schirl-Winkelmaier private Deutschkurse und Benefizkonzerte. Er sammelt Spenden, vermittelt gemeinnützige Arbeit, sucht Freizeitbeschäftigungen, fährt zum Arzt, hilft bei Amtswegen, schlichtet Streitigkeiten. Und wenn ihm Leute aus dem Ort von angeblichen Kriminaltaten der Asylwerber berichten, dann ist er es, der bei der Polizeistelle nachfragt, ob es Schwierigkeiten gegeben hat. ›Und dann‹, sagt er, ›war eh nix.‹

Wer Schirl-Winkelmaier dabei zusieht, wie er mit den Flüchtlingen umgeht oder mit den Gramatneusiedlern spricht, der wird zwei Dinge erkennen: Er ist ein geduldiger Mensch. Und er ist ausgelaugt. ›Es würde schon helfen, wenn zumindest der gesamte Gemeinderat Verantwortung übernehmen würde‹, sagt er. Aber bis auf ein paar Kollegen würden sich alle raushalten. ›Die Bürgermeisterin hat gleich zu Beginn klargemacht, dass sie da nichts tun kann, dass das private Initiativen übernehmen müssen.‹ Von allen Seiten bekommt er jetzt Mails weitergeleitet, Anfragen vom Bund oder vom Land Niederösterreich oder von Hilfsorganisationen. ›Weil ich ja der Flüchtlingschef bin.‹

Taucht ein neues Problem auf oder eine Frage, dann endet das oft in einem Telefonmarathon. Und der läuft in etwa so: Das Ministerium muss sich darum kümmern, das ist Sache des Betreibers, das ist Sache des Vermieters, das ist Sache des Landes, das ist Sache der Polizei, das ist Sache der Caritas, nein, es ist die Sache des Betreibers, das ist Sache des Vermieters!

›Nach der Helfereuphorie treten jetzt Ermüdungserscheinungen ein‹, sagt Salzburgs Rotkreuz-Chefin.

Hier zeigt sich im Kleinen, woran es im Großen fehlt: einer bundesweiten Koordination. Die Zuständigkeiten sind unklar aufgeteilt. Angebot und Qualität der Betreuung sind in Salzburg nicht dieselben wie in Tirol. Der Bund schafft es nicht, sich auf eine einheiltliche Mindestsicherung für Flüchtlinge zu einigen.

Währenddessen kämpft Schirl-Winkelmaier in Gramatneusiedl um Spenden für Fahrscheine, es wird immer schwieriger, sie aufzutreiben. Oder Freiwillige, die Deutschkurse geben. Weil auch sie müde sind. Die Hilfs­initiative bröckelt, von den anfänglich fünfzig sind vielleicht 15 Leute übriggeblieben. ›Es würde schon helfen, wenn es zumindest einen Plan gäbe, damit man weiß, wie man mit dem Ganzen umgehen soll‹, sagt er. ›Und vielleicht, irgendwann einmal, ein Danke.‹

Sebastian Schirl-Winkelmaier leistet hier das, was der Staat versäumt. Der Staat, sagt der Soziologe und Inte­grationsexperte Kenan Güngör, ist strukturell überfordert. ›Das System ist zu viel auf Freiwillige gestützt.‹ Und die Folge daraus ist das, was Sabine Kornberger-Scheuch ›Burn-out der Freiwilligkeit‹ nennt. Sie ist Landesgeschäftsführerin des Roten Kreuzes Salzburg und die größte private Betreiberin von Asylwerberunterkünften in ihrem Bundesland. 550 Menschen sind unter ihrer Obhut. ›Nach der anfänglichen Helfereuphorie‹, sagt sie, ›treten jetzt massive Ermüdungserscheinungen ein.‹

Was klar ist: Es braucht eine Professionalisierung in der Betreuung. ›Aber überall einen Sozialarbeiter einzusetzen wäre nicht finanzierbar‹, sagt Güngör. ›Wir werden auch auf Freiwillige angewiesen sein.‹ Außerdem habe ehrenamtliches Engagement einen wichtigen Effekt: Wenn die Menschen sehen, dass ihnen Leute freiwillig helfen, dann bringen sie ihnen mehr Respekt, mehr Vertrauen entgegen. Es entsteht eine persönlichere Bindung und eine andere Verantwortung, sagt Güngör. Sie bemühen sich mehr als bei Menschen, die dafür bezahlt werden. Am Anfang gab es sehr viele Sprinter, sagt der Integrationsexperte. ›Jetzt brauchen wir Marathonläufer.‹ Es müssten Strukturen geschaffen werden, die den Helfern helfen. Die Menschen wie Sebastian Schirl-Winkelmaier entlasten.

Auf dem Weg in die Unterkunft steuert Schirl-Winkelmaier seinen Wagen nach Marienthal. Links und rechts ziehen sich lange zweigeschoßige Gebäude, in denen früher einmal die Arbeiter einer Textilfabrik wohnten. Marien­thal ist heute eine Siedlung in Gramatneusiedl und ein historisch bedeutender Ort. Hier entstand im Jahr 1933 die Studie ›Die Arbeitslosen von Marienthal‹, die als Meilenstein der empirischen Sozialforschung und als Mutter aller Arbeitsmarkstudien gilt. Anfang 1930 schloss hier die Textilfabrik, fast die gesamte Bevölkerung wurde arbeitslos. Die Forschergruppe rund um die Sozialwissenschaftler Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld hat in Marien­thal erstmals die Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit beschrieben. Anders als bis dahin angenommen äußert sie sich nicht in Revolte, sondern in Resignation, Antriebslosigkeit und Isolation. Ein paar hundert Meter entfernt leben heute die neuen Arbeitslosen von Marien­thal. Sie heißen Omar, Bahar, Amin, Karim.

Alles ist anders, wenn Omar die orangefarbene Arbeitsjacke anhat.

Die Eingangstür steht einen Spalt offen, es läuft leise Musik. Das Wohnzimmer wirkt wie ein Ort, der aus der Zeit gefallen ist. Omar geht zum Kühlschrank neben dem Sofa, öffnet die Tür und bleibt davor stehen. Für ein paar Sekunden verharrt sein Blick auf dem schwachen Licht, das aus dem Inneren des Kühlschranks dringt. Dann greift er nach der Flasche Pepsi, die in der untersten Ablage liegt, geht zurück zum Sofa und setzt sich wieder. Langsam schraubt er den Plastikverschluss auf. Am Esstisch vor dem Fenster sitzen drei Mitbewohner von Omar. Bahar, einer von ihnen, zupft sein Handy aus der Hosentasche. Nach und nach schlurfen weitere junge Männer durch die Wohnzimmertür und setzen sich an den Esstisch oder zu Omar aufs Sofa. Ihre Schultern hängen. Omar füllt Pepsi in das Glas am Couchtisch.

Hin und wieder zucken Schultern
Die Kohlensäure zischt. Ein Dutzend Männer haben sich im Raum versammelt. Sie sitzen und schauen. Ihre Augen sind leer.
Wie geht es euch?
Niemand sagt ein Wort.
Wie verbringt ihr eure Zeit?
Keine Antwort. Hin und wieder zucken Schultern in der Runde. Wenn sie zurückblicken auf das vergangene Jahr, dann will ihnen nichts einfallen, was der Mühe wert wäre, erzählt zu werden.
Aber irgendwas müsst ihr doch gemacht haben.
Dann sagt Omar: ›Wir haben gewartet.‹
Die Frage, die Sebastian Schirl-Winkelmaier am häufigsten gestellt wird, ist diese: Hast du Arbeit für mich? Und er kann ihnen immer nur eine anbieten: die Pflege der Grünanlagen der Gemeinde. Dort dürfen Asylwerber zwischen drei und fünf Euro die Stunde verdienen und nicht mehr als 110 Euro im Monat. Weil aber alle für die Gemeinde arbeiten wollen, kommt jeder nur alle zwei bis drei Monate dran. ›Das ist das größte Problem‹, sagt Schirl-Winkelmaier. Das Nichtstun. Die Unsicherheit. Das Warten, ohne zu wissen, wann es ein Ende hat. Mit der Angst, dass es schlecht ausgeht.

›Wir haben nicht so viele Freunde hier‹, sagt Omar. Er ist 27 Jahre alt, verheiratet, seine Frau ist in Afghanistan. Omar und seine zwanzig Mitbewohner verbringen die meiste Zeit in diesem Haus. ›Die Gramatneusiedler wollen nicht, dass wir auf der Straße herumgehen.‹ Das stimmt leider, sagt Schirl-Winkelmaier, seit der Silvesternacht in Köln ist das so. Aber alles sei anders, sagt Omar, wenn sie die orangefarbene Jacke anhaben. Sobald sie auf den Wiesen Gramatneusiedls stehen und sich die Arbeitsuniform der Gemeinde überziehen, gehen Gramatneusiedler auf sie zu. Omar sagt: ›Sie sagen dann: Arbeit. Gut.‹ Das letzte Mal, als es so heiß war, habe ihn sogar eine Frau gefragt, ob er ein Glas Wasser will. ›Aber genau da konnte ich es nicht annehmen‹, sagt er und lacht. ›Es war Ramadan.‹

Er würde jede Arbeit machen, sagt Omar. Er müsse sein Leben in Ordnung bringen. In Afghanistan hat er Management studiert, das Studium aber nicht abgeschlossen. ›Wenn wir schneller arbeiten könnten, dann könnten wir schneller für uns Verantwortung übernehmen‹, sagt er. ›Das ist doch gut für die Regierung, oder?‹

Viele Integrationsexperten würden das gerne sehen: eine Öffnung des Arbeitsmarkts nach drei Monaten für Asylwerber. Für diejenigen, die ziemlich sicher Asyl erhalten werden. Das wären heute zum Beispiel Menschen aus Syrien. Auch Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarkservice Österreich (AMS), hat sich vor zwei Jahren dafür ausgesprochen. ›Jetzt muss ich politisch zur Kenntnis nehmen, dass das nicht erwünscht ist‹, sagt er. Dass es zu einer Öffnung kommt, ist derzeit sehr unrealistisch. Der Staat will keine Anreize schaffen, die weitere Flüchtlinge ins Land ziehen könnten. Kopf pocht auf das, was schon seit Jahren gefordert wird: schnellere Asylverfahren. Und: währenddessen mehr professionelle Deutschkurse. ›Momentan erleben wir, dass Leute zu uns kommen, die eineinhalb, zwei Jahre im Asylverfahren waren, kein Wort Deutsch können und auch überhaupt kein Angebot hatten‹, sagt Kopf. ›Wir produzieren Langzeitarbeitslose, bevor wir beginnen, sie zu integrieren.‹

Falls Omar hierblieben darf, will er das, was die meisten wollen: schnell eine Arbeit. Irgendeine. ›Das ist aber eine Sackgasse‹, sagt Kopf. ›Wenn wir die Menschen in Hilfsarbeit drängen, werden wir womöglich Arbeitslose von morgen schaffen.‹ Es macht Sinn, sagt Kopf, die mitgebrachten Kompetenzen zu nutzen oder die Menschen für Bereiche zu qualifizieren, in denen es einen Mangel an Arbeitskräften gibt. ›Das ist zum Beispiel Metall in Oberösterreich, Industrie in der Steiermark oder der Tourismusbereich, wo wir jetzt schon ausländische Arbeitskräfte brauchen, um Jobs zu besetzen.‹ Johannes Kopf wäre auch dafür, dass zumindest Lehrstellen für Asylwerber geöffnet werden.

›Es hat sich vieles verändert‹
Johannes Pressl ist aufgeregt. Er wird gleich über ein Thema sprechen, das kaum einen kaltlässt im Land. Hunderttausende werden ihm dabei zusehen. Er ist sich sicher: Danach wird er mit Mails und Anrufen überhäuft werden. Und er weiß, es werden nicht nur positive Rückmeldungen sein. Es ist der 19. Jänner 2016, kurz nach 22 Uhr, Scheinwerferlicht und Kameras sind auf Pressl gerichtet. Neben ihm sitzt ›ZiB 2‹-Anchorman Armin Wolf.

Während der Bürgermeister von Ardagger an diesem Winterabend im ORF-Studio sitzt, verharren nach wie vor 10.000 Menschen, die nach Österreich geflüchtet sind, in Not- und Transitquartieren – und das, obwohl in 832 der 2.100 Gemeinden des Landes kein einziger Geflüchteter untergebracht ist. In Ardagger ist das anders. Bereits im August 2015 hat die Gemeinde 33 Menschen aus Syrien und dem Irak aufgenommen. Gemeinsam mit den Einwohnern organisierte Pressl Wohnungen für die Ankommenden, Freiwillige halfen bei der Einrichtung, hießen die Menschen willkommen, organisierten Deutschkurse. Es lief gut. Das ist auch der Grund, warum Pressl heute ein Interview in der ›ZiB 2‹ gibt. Er ist nicht einer jener Bürgermeister, die sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sträuben. Er ist heute als Vorzeigebürgermeister hier. Im Interview erzählt Pressl, wie es funktionieren kann.

Einst dachte Johannes Pressl: 33 Menschen auf 3.500 Einwohner zu integrieren ist kein Problem. Er hat sich geirrt.

Neun Monate nach dem TV-Auftritt sagt Pressl: ›Wie soll ich sagen? Es hat sich vieles verändert.‹ Es ist ein Montagmorgen Anfang September, Pressl sitzt in einem kleinen Café gegenüber dem Gemeindeamt von Ardagger, dicke Regenwolken hängen am Himmel. Ardagger liegt nahe Amstetten, ist ländlich geprägt, auf 47 Quadratkilometer verteilen sich 3.500 Einwohner.

Es hat eine Zeit gegeben, in der sich Pressl dachte: 33 Menschen auf 3.500 Einwohner, die zu integrieren ist kein Problem. ›Meine Grundannahme war: Ich baue relativ rasch ein System auf, beginne frühzeitig mit der Integration und schaue, dass sie selbstständig zurechtkommen‹, sagt er. ›Und dann, dachte ich, werden sie so ähnlich denken wie wir: Sie werden Freunde gewonnen haben, in Vereinen dabei sein, ihre Kinder werden hier zur Schule gehen, sie werden einen Anker gefunden haben.‹ Aber Pressl hat sich geirrt.

Die Menschen sind nicht in den Vereinen. Und auch nicht in der Dorfgemeinschaft. Viele wollen nicht einmal bleiben. Und das ist ein landesweites Phänomen: Laut einer Studie des Gemeindebunds will das nur ein Drittel. Sobald sie einen positiven Asylbescheid haben, zieht es die meisten Menschen in die Städte. Zwei von drei Geflüchteten leben heute in Wien.

Vor ein paar Tagen haben auch Anaas und Terouz, ein junges Ehepaar aus dem Irak, ihre drei kleinen Kinder eingepackt und sich von Ardagger in die Hauptstadt aufgemacht. ›Ich glaube, dass sie dieses gesellschaftliche System in den Gemeinden gar nicht kennen‹, sagt Pressl. ›Und sie mehr Wert auf Familienstruktur legen.‹ Wer durch die Straßen Ardaggers geht und mit den Einwohnern spricht, wird erkennen, dass es auch hier viele Vorbehalte gibt. Auch sie grenzen sich ab.

Soziologe Güngör sieht noch ein anderes Problem im ländlichen Raum: ›Die Gemeinden sind mehr und mehr zu Schlaforten geworden.‹ Fern der Vereinskultur gibt es dort kaum Begegnungsmöglichkeiten. Und: Auf dem Land fehlen oft Jobs, die Menschen pendeln in die Arbeit oder wandern ab. Landflucht ist ein europaweites Phänomen – unabhängig von der Herkunft des Einzelnen. Für die Geflüchteten können vor allem die weiten Wege ein Problem sein. Die meisten haben kein Auto, und häufig fehlt es an guter öffentlicher Anbindung. Da kann es schon einmal passieren, dass sie zwei Stunden im Bus sitzen, um zum nächsten Deutschkurs zu kommen. Wenn sich kein Hilfsnetzwerk in den Gemeinden bildet, sei auch die Gefahr der Vereinsamung und Isolierung größer als in der Stadt. ›Fremde bleiben im ländlichen Raum länger fremd‹, sagt Güngör. ›Wenn sie aber einmal in der Gemeinschaft sind, dann sind sie wirklich drinnen.‹

Johannes Pressl wünscht sich das. Aber auch in Ardagger ziehen sich die freiwilligen Helfer zurück. Weil sie das Gefühl haben, dass ihre Bemühungen ins Leere gehen. Und das hat mitunter mit dem Wegziehen von Anaas und Terouz zu tun. Die Familie hatte eine Hauspatin, eine Frau Mitte fünfzig, die sich in Gemeinde und Kirche engagiert und sich auch um sie mütterlich gekümmert hat. Dass sie gegangen sind, hat sie getroffen. Als Pressl sie nach dem Kontakt der beiden in Wien fragt, schreibt sie: ›Adresse habe ich leider keine. Sie sind gegangen, als hätte es mich nie gegeben. Ohne auf Wiedersehen oder nur das eine Wort: Danke. Keine Nachricht. So ist es, es ist eine andere Welt. Es war einmal. Ich bereue nichts. Ich bin mir sicher, ich habe eine gute Tat getan, und ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass es ihnen in Wien besser geht. Resi.‹

Mehr will sie dazu nicht sagen. Pressl sagt, er ist sich sicher, dass Anaas und Tourez dankbar waren für das, was die Ardagginger für sie getan haben. ›Sie haben es halt nicht in dem erwarteten Ausmaß ausgedrückt.‹ Die Helfer, sagt Pressl, erwarten sich, dass ihre Hilfe wertgeschätzt wird. Ein Danke, eine Freundschaft, die bleibt. Und ein Wegzug, sagt er, tut besonders weh.

Das, was Johannes Pressl schildert, ist die Beschreibung eines Mechanismus, der im vergangenen Jahr zu vielen enttäuschten Helfern geführt hat. Die Voraussetzung für Freiwilligkeit, sagt Güngör, sind positive Zuschreibungen. Die Person muss erstens hilfsbedürftig und zweitens gut sein. Der Helfer erwartet sich eine bestimmte Dankbarkeit und Demut von dieser Person. Und wenn sie zusätzlich ein Gast ist, sagt Güngör, dann muss sie noch dankbarer, noch demütiger sein.

Zwanzig Tage nachdem Anaas mit seiner Familie Ardagger verlassen hat, steht er vor einer Wohnungstür im sechsten Wiener Gemeindebezirk und braucht drei Versuche, bis er den Schlüssel ins Türschloss bringt. Er wirkt gehetzt. In der Zweizimmerwohnung erwarten ihn Tourez, seine Frau, und Kindergeschrei.

Friseur statt Informatiker
Anaas ist 31 Jahre alt, Tourez 26, beide haben im Irak Informatik studiert, beide keinen Abschluss. Aber Anaas ist auch Friseur, und genau dafür sucht er jetzt eine Stelle. ›In Ardagger waren alle sehr gut zu uns, Resi, der Bürgermeister‹, sagt Anaas. ›Das werden wir nie vergessen.‹ Aber in Ardagger sah er keine Zukunft für sich und seine Familie. ›Es gibt dort wenig Arbeit, auf den Deutschkurs in Amstetten hätte ich fünf Monate warten müssen.‹ Aber so lange, sagt er, kann er nicht warten. ›Ich muss mich um meine Familie kümmern.‹

Tourez bleibt vorerst bei den Kindern daheim, für Anaas beginnt ein Kraftakt: Er muss schnell besser Deutsch lernen, Job suchen, eine Bleibe. Er hatte heute seinen ersten AMS-Termin, morgen beginnt der Sprachkurs, übermorgen Wohnungsbesichtigung. Er kann nur vorübergehend hierbleiben. Die Wohnung gehört einem irakischen Freund, der schon länger in Wien lebt. Das Wohnen sei in Ardagger besser gewesen, sagt Anaas, auch für die Kinder. Da gibt es mehr Platz, mehr Grün, niedrigere Preise. ›Ich weiß nicht, ob ich es hier schaffen werde.‹

Aus den Wohnberatungen für Migranten und Flüchtlinge wird man immer das Gleiche hören: Ohne Unterstützung von außen ist es fast unmöglich. Der österreichische Wohnungsmarkt ist generell angespannt, vor allem fehlt es an leistbarem Wohnraum. Im Moment sind landesweit zwischen 40.000 und 45.000 Wohneinheiten verfügbar, jährlich werden circa genauso viele gebaut. Wegen des Flüchtlingsandrangs im vergangenen Jahr braucht es laut Prognosen des Innenministeriums bis 2020 zusätzlich 150.000 Wohnungen. Das Bauvolumen muss über die nächsten drei Jahre verdoppelt werden, um den Bedarf zu decken. Und auch in Wien, wo die meisten Geflüchteten hingehen und noch 20.600 Asylwerber in der Grundversorgung sind, haben die Bedarfsplaner die Fluchtbewegung nicht eingerechnet. Auch ohne sie wächst die Hauptstadt, in zehn Jahren werden hier vermutlich zwei Millionen Menschen leben.

Für eine Anstellung braucht er eine Wohnadresse. Und um eine Wohnung mieten zu können braucht er einen Job. Wie, fragt sich Anaas, soll er das machen?

›Es gibt keinen leistbaren Wohnraum, in Wien zahlst du für eine Einzimmerwohnung 500 Euro‹, sagt Katerina Kratzmann, die bis Juli 2016 das Österreich-Büro der Internationalen Organisation für Migration leitete. ›Unter den anerkannten Flüchtlingen gibt es eine sehr starke versteckte Obdachlosigkeit.‹ Menschen, die von einer Couch auf die nächste ziehen oder, wie Anaas und Tourez, bei einem Freund unterkommen. Der Gemeindebau bleibt für sie verschlossen, fünf Jahre müssten sie dafür in der Stadt gewohnt haben, davon zwei durchgängig an einer Anschrift. Aber auf dem freien Wohnungsmarkt sind sie verloren.

Die Suche nach einer Bleibe wird für Anaas ein Teufelskreis. Er weiß nicht, wie er das Geld für Kaution und Maklerprovision aufbringen soll. Er hat noch keinen Job. Für eine Anstellung braucht er aber eine fixe Wohnadresse. Und um eine Wohnung mieten zu können, braucht er wiederum einen Job. Die meisten Vermieter wollen einen Lohnzettel sehen. Weil sich, im Gegensatz zur Mindest­sicherung, Gehälter pfänden lassen. Nebenbei soll er sein Deutsch verbessern, um überhaupt eine Chance auf Arbeit zu haben. Wie, fragt sich Anaas, soll er das machen?

Es gibt Initiativen, die Geld sammeln, NGOs, die Mittel vorstrecken, um die Geflüchteten hier zu unterstützen. Aber es reicht bei weitem nicht für alle. Die Rotkreuz-Chefin in Salzburg spricht ein zusätzliches ­Problem an: Viele Vermieter wollen sie nicht in ihren Wohnungen. Keine Frauen mit Kopftüchern oder Menschen mit anderer Hautfarbe. Andere wollen es nur ein einziges Mal. In Salzburg suchen gerade 700 Geflüchtete eine Wohnung, auch Sabine Kornberger-Scheuch hat über das Rote Kreuz Plätze vermittelt. ›Aber dann zogen in eine Dreizimmerwohnung zehn Leute‹, sagt sie. ›Uns haben die Vermieter angerufen und gefragt, ob wir ­verrückt sind.‹ Ein zweites Mal werden sie keine Wohnungen an Geflüchtete vermieten. Es ist ein Teufelskreis.

›Es ist ein Unfall passiert‹
Will man einen Punkt finden, an dem man erklären kann, warum Integration in Österreich oft scheitert, dann könnte man es an dieser Stelle tun: Wir brauchen schnellere Asylverfahren. Darüber sind sich alle einig. Hier passiert auch etwas, das Personal der Asylbehörden wurde vor kurzem aufgestockt. Zusätzliche 500 Stellen sollen die Verfahren beschleunigen. Das ist eine gute Nachricht. Aber: Es ist auch eine schlechte Nachricht.

›Wenn sie nach drei Monaten einen positiven Asylbescheid bekommen, dann haben sie kaum Zeit, sich zurecht­zufinden‹, sagt Kornberger-Scheuch. Vier Monate bleiben sie danach noch in der Grundversorgung, dann müssen sie ausziehen. Und auch wenn Omar und seine Mit­be­woh­ner in Gramatneusiedl das Warten zum Verzweifeln bringt: Sie haben zumindest in dieser Zeit noch Menschen wie ­Sebastian Schirl-Winkelmaier, die ihnen helfen. ›Wenn sie den Bescheid haben, sind sie in der Regel allein, keiner kümmert sich‹, sagt Kornberger-Scheuch. ›Sie sprechen meistens nicht so gut Deutsch, haben keinen Job und sind ein Fall für die Mindestsicherung.‹ Diese Menschen würden eine Nachbetreuung brauchen. Sie denkt an eine Art betreutes Wohnen, das es bereits für ältere Menschen in Österreich gibt. An eine individuelle Integrationshilfe vor Ort, die den Menschen im ersten Jahr zur Seite steht.

Während der Staat es nicht schafft, den Menschen einen Start zu ermöglichen, drohen die Regierenden mit Strafen für schlechte Sprachkenntnisse, Burkaverboten und der Kürzung von Sozialgeldern für Flüchtlinge. ›Der Diskurs über die Verbote und Bestrafungen verzerrt das Bild‹, sagt Soziologe Kenan Güngör. Es wird – wie bei den Menschen mit österreichischer Staatbürgerschaft – auch unter den Geflüchteten Menschen geben, die Sozialsysteme ausnutzen, und solche, die weniger motiviert sind, Deutsch zu lernen. ›Aber oft wird nur dieser kleine Teil in der Öffentlichkeit kommuniziert‹, sagt Güngör. Das führe zu einer desintegrativen Stimmung. ›Die Politik kommuniziert: Es ist ein Unfall passiert – und jetzt müssen wir versuchen, die Folgen des Unfalls zu kompensieren.‹ Durch die Verbotskultur im Staatsdiskurs soll eine indirekte Abstrafung passieren. ›Auf der anderen Seite sollen wir damit aber gut umgehen und diese Menschen schnell integrieren‹, sagt Güngör. So funktioniert das nicht.

Während Anaas vom AMS zum Deutschkurs läuft, will die ÖVP die Mindestsicherung für Flüchtlinge von 837 auf 560 Euro kürzen. Weil – wie der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll in einer Pressekonferenz Ende September verkündet hat – ›wir nicht dulden, dass sich Sozialschmarotzer durchsetzen‹.

Während Außenminister Sebastian Kurz von Kürzungen für ›Integrationsunwillige‹ spricht, warten tausende auf einen Deutschkurs.

Während die Menschen rufen ›Integriert euch!‹, fragen sich Omar und Anaas: ›Wie?‹