Das ist nicht zum Lachen!
Über die Komik des Scheiterns und die tröstliche Erkenntnis, dass wir am Ende alle Verlierer sind.
Ich bin wieder einmal hervorgetreten, und zwar im bezahlten, aber privaten Rahmen. Der Hausherr bestellte bei mir zu seinem Geburtstag einen Vortrag über das Lustige, und ich bin ein Spezialist für das Lustige, denn ich hab’ nichts zu lachen. Ich kann mir aber denken, was lustig wäre. Ich bin also wieder einmal hervorgetreten als Humortheoretiker, als eine vor allem bei den professionell Lustigen nicht sehr beliebte Gattung Mensch. Ich habe Lust, meinen privaten Auftritt fortzuspinnen, wozu bin ich bei DATUM Kolumnist?
Ich erinnere mich an meine glanzvollen Zeiten als Humortheoretiker, vor allem an zwei Items zum Thema: Ich hielt einst einen Vortrag mit dem Titel: ›Warum es in Afrika keine Komiker gibt.‹ Ich habe keine Ahnung mehr, was ich behauptet habe und ob die Behauptung überhaupt stimmt. Ich fürchte, meine Antwort auf die Frage, die keiner stellt, war etwas simpel: ›In Afrika gibt es keine Komiker, weil sie dort keine brauchen.‹
Das zweite Erlebnis war das Treffen mit einem anderen Humortheortiker bei irgendeiner Humortheoretikerversammlung in Deutschland – oder war’s in der Schweiz? Die Humortheoretiker bilden nämlich eine Humortheoretiker-Internationale, auch um zu demonstrieren, dass sie einander nicht sonderlich mögen. Das ist genauso wie bei Medizinerkongressen oder Historikerversammlungen. Ich traf auf einen Humortheoretiker, den ich mochte, auch weil er auf eine Weise anders als ich dachte: Er war ein Schüler des Soziologen Luhmann und als solcher lehnte er ästhetische Wertungen ab. Interessant war für ihn nur, wie der Witz technisch verläuft und überhaupt nicht, ob man ihn gut oder schlecht findet. Diese Wissenschaftlichkeit könnte ich nie betreiben, mir wär’s einfach zu fad. Wenn ich schon mal lachen musste, will ich mir nachträglich nicht die Laune verderben.
Neuerdings bin ich auf ein Problem gekommen (gestoßen worden), das ich einem Fernsehsender verdanke. Der Sender nennt sich Welt und ich kann alle beruhigen, er ist nicht die Welt. Die Welt hat eine eigene Rubrik, in der ausgewiesene Quatschköpfe der Bundesrepublik Deutschland sagen sollen, wer für sie heute der ›Gewinner‹ ist, und wer der ›Verlierer‹. ›Success and failure‹ sagen die Amerikaner und ein paar Looser sitzen überall herum und sagen, wer für sie die Gewinner und die Verlierer sind. Da ist, soziologisch gesehen, etwas Merkwürdiges im Gange, wovon ich berichten möchte.
Donald Duck, der – in der Übersetzung von Dr. Erika Fuchs – genial quakte, war ein Verlierer und ich fürchte, er war ein autoritärer Charakter: Wurde er zum Beispiel Parkwächter, dann kehrte er mit eisernem Besen sein Areal auf. Aber es gelang ihm immer wieder, kläglich zu scheitern. Er war der größte Looser von ganz Entenhausen, und hätte es seine Neffen Tick, Trick und Track nicht gegeben, er wäre schneller untergangen, als man es mitbekommen hätte.
Homer Simpson, der Vater in der Simpson-Serie (die Comic-Serie mit den gelben Figuren) ist ein Trottel. Er arbeitet im Atomkraftwerk, das – nomen est omen – einem Mister Burns gehört. Der Trottel ist ›auf Arbeit‹ am weitesten von sich weg, und am nächsten steht er sich in Moe’s Bar. ›Bier her‹ ist Homers Wahlspruch und obendrein ist der Mann auch noch verfressen, auf die stumpfe, freudlos gierige Art, die ich als adipöser Mensch gut kenne. Hätte Homer Simpson nicht Marge, seine liebende Gattin, er wäre untergegangen wie nichts.
So muss ich mich fragen, wie ist das möglich, dass in einer Gesellschaft, die Verlierer verachtet, ja, sie als ekelhaft empfindet, Darstellungen erfolgreich kursieren, in der die Verlierer bis ans Liebenswerte komisch sind? Ich will noch ein Beispiel nennen, weil es ein Schauspiel ist, in dem Success and Failure einander gegenüberstehen. In der Serie ›Two and a Half Men‹ verkörpert Charlie Sheen Charlie Harper, den Taugenichts, der aber Erfolg hat. Vor allem hat er Geld, ohne zu arbeiten. Er schreibt nämlich unfassbar doofe Jingles für die Werbung. Bei Charlie wohnt parasitär sein Bruder, zahlt keine Miete, spielt sich auf, scheitert am laufenden Band.
Es ist ein Running Gag in der Serie, dass dieser Bruder, Alan Harper, seinen Abschluss als Chiropraktiker in Mexiko, in Guadalajara gemacht hat, also nicht gerade an einem Ort für Sieger, nicht einmal für Sieger in der Chiropraktikerbranche. Der Verlierer Alan Harper hatte vor seinem mexikanischen Abschluss die California State University in Long Beach besucht, schaffte es aber nicht ins Medizinstudium. Sein Abschluss ist ein Doctor of Chiropractic (DC.), also ein Berufsdoktorgrad – kein medizinischer Doktor (M.D.).
Sein Bruder Charlie (und nicht nur er) zieht ihn damit auf, dass er ›kein richtiger Arzt‹ sei. Aber was der Chiropraktiker so richtig ist, von ganzem Herzen, ist ein Parasit. Im Laufe der Handlung gibt er seine Praxis schnell auf, um sich seiner einzig wahren Bestimmung, dem Parasitentum zu widmen.
Es ist ein vielleicht gar nicht beabsichtigter moralisierender Wink mit dem Zaunpfahl, durch den die zynische Fernsehserie durchblicken lässt, dass einer nicht arbeitet und damit Erfolg und Geld hat, während der andere vom Erfolgreichen lebt, dafür aber die Mühen der Erniedrigung auf sich nehmen muss. Der Parasit bezahlt seine Art von Erfolg durch andauernde Beschämung, die er nur ertragen kann, weil er sich an sie gewöhnt hat.
Und das ist lustig? Dass ich darüber lache, kann ich nicht leugnen. Aber warum, weiß ich nicht so genau. Ich vermute, es hat damit zu tun, dass im Spiel des Lebens eh alle Verlierer sind, zumindest am Ende, und dass man der eigenen Lächerlichkeit begegnet und sie unterhaltsam finden kann. In der Solidarisierung mit den Verlierern liegt die Chance, sich nicht selber andauernd überfordern zu müssen. Die sogenannten Medien und große Teile der Kunst wirken und werken im Entlastungsgewerbe, und Lachen entlastet – ein wenig.
Man kann blöd lachen, aber auch klug. Für blöd halte ich die Entgegensetzung von Optimismus und Pessimismus, kommt es doch weder auf das eine noch auf das andere an. Was zählt ist der Realismus, mit dem man optimistisch sein kann oder pessimistisch sein muss. Wären die Menschen intelligente Wesen, dann ginge ihnen bei einem Witz, den jüngst der Pianist Igor Levit erzählt hat, ein Licht auf: ›Was sagt der jüdische Pessimist? Er sagt: Schlimmer kann es nicht werden. Was sagt der jüdische Optimist: Doch.‹ •