Im Namen Gottes
Eine christliche Sekte hat sich in Vorarlberg ihr eigenes Reich geschaffen. Anhänger kaufen Häuser auf und ziehen ihre Kinder weitgehend abgeschottet von der Gesellschaft groß. Aussteigerinnen berichten nun, als Kinder und Jugendliche seelische und körperliche Gewalt erfahren zu haben.
Mirjam ist noch ein Kind, als sie lernt, was die Hölle ist. Wer sündigt, endet dort. Und wer dort endet, brennt für immer. Fast jeden Sonntag hört sie diese Drohung. Jahrelang. Wenn sie mit ihrer Familie den Gottesdienst besucht, warnen die Prediger auf der Kanzel vor dem Teufel und der Hölle.
Daheim in ihrem Zimmer versucht Mirjam zu begreifen, wie lange eine Ewigkeit wohl dauert. Und wie es sich anfühlt, für immer zu verbrennen. Abends betet sie zu Gott: ›Falls ich heute gesündigt habe, bitte vergib mir. Wenn ich im Schlaf sterbe – ich will nicht in die Hölle kommen.‹ So erzählt es Mirjam heute.
Sie ist inzwischen 31 Jahre alt. An die Hölle glaubt sie nicht mehr. Aber sie sagt: ›Manchmal wünsch ich mir trotzdem, dass die Hölle für diejenigen existiert, die sie mir beigebracht haben.‹ Mirjam wuchs in einer christlich-fundamentalistischen Gruppe namens ›Gemeinde Gottes‹ auf – zunächst in Deutschland, später in Österreich. Im Jahr 2012 stieg sie aus der Gemeinschaft aus. Doch was sie in ihrer Kindheit und Jugend dort erlebt habe, sagt sie, lasse sie bis heute nicht los.
Anfang August sitzt Mirjam in ihrem Stammcafé im Vorort einer deutschen Großstadt. Ihren Nachnamen und genauen Wohnort möchte sie nicht öffentlich nennen. Nicht weil sie Angst vor Vergeltung habe, sagt sie, sondern weil sie nicht auf ihre Vergangenheit reduziert werden wolle.
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