Ein neues Land
Seit Péter Magyars Wahlsieg im April bleibt in Ungarn kein Stein auf dem anderen. Kann der Regierungschef die Erwartungen an eine Wiederbelebung der ungarischen Demokratie erfüllen?
Als Krisztián Ungváry wenige Tage nach der ungarischen Parlamentswahl im April einen Seminarraum an der Universität Miskolc betrat, wo er seit nunmehr drei Jahren Geschichte lehrt, empfingen ihn seine Studentinnen und Studenten mit anhaltendem Applaus. Der 56-Jährige nahm die Hommage gerührt entgegen: ›Sie wollten offenbar Danke sagen. Sie wussten, wofür ich stehe. Und auch, für wen ich niemals stand.‹
Ungváry besitzt ein kleines Weingut in der Region Tokaj, wo er edle Weine in kleinen Mengen produziert. Dass er sich eine Zeitlang eher als Winzer denn als Historiker verstand, war allerdings keine freie Entscheidung: Der renommierte Historiker hatte am ›Institut zur Erforschung des Jahres 1956‹ in Budapest gearbeitet, bis dieses 2019 von einer regierungsnahen Einrichtung namens ›Veritas‹ geschluckt wurde. Mit der Forschungsfreiheit war es vorbei; der Kulturkampf brachte endgültig all jene Wissenschaftler zum Schweigen, die sich weigerten, der Mythenbildung der nationalistischen Propaganda zu dienen.
Wer nicht mitspielen wollte, so wie Krisztián Ungváry, der ging. ›Neun von zehn Kollegen haben aus Protest gekündigt‹, sagt er. ›Ich war vier Jahre lang arbeitslos – bis ich eine Stelle in Nordost-Ungarn bekam.‹ Als jemand, der unter anderem zum Aufstand gegen die kommunistische Diktatur forschte, habe er auch den Aufstand gegen Viktor Orbán ›mit großer Genugtuung‹ erlebt, bekennt er. Und das galt nicht nur für ihn: ›Viele meiner Studentinnen und Studenten, die gesehen haben, wie das Land vor die Hunde ging, wollten, dass es ein Ende hat.‹
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