›Ich sehe eine Lücke im Kinderschutz‹
Die Leiterin der Bundesstelle für Sektenfragen Ulrike Schiesser über moderne Menschenfänger, verzweifelte Angehörige und den Reiz geschlossener Gemeinschaften.
Frau Schiesser, wir schreiben in dieser Ausgabe über die ›Gemeinde Gottes‹, eine christlich-fundamentalistische Gruppe. Aussteigerinnen berichten von seelischer und körperlicher Gewalt in der Vergangenheit. Als Bundesstelle haben Sie bereits zu der Gemeinschaft publiziert, nur das Ausmaß der Vorwürfe kannten selbst Sie nicht. Wieso eigentlich?
Ulrike Schiesser: Wir sind keine Ermittlungsbehörde und recherchieren nicht investigativ zu einzelnen Gemeinschaften. Wir erfahren von problematischen Entwicklungen vor allem durch das, was uns Betroffene und Angehörige in der Beratung erzählen und durch Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen. Wenn sich daraus der Verdacht auf eine akute Gefährdung ergibt, geben wir diese Information an die zuständigen Behörden weiter.
Wir haben dann eine Reihe von Indikatoren, nach denen wir Gefährdungen einschätzen: Wie stark grenzt sich eine Gemeinschaft nach außen ab? Welche problematischen oder schädigenden Vorstellungen werden vermittelt? Wie stark werden Menschen kontrolliert oder unter Druck gesetzt? Und besonders wichtig: Gibt es Hinweise auf eine Gefährdung von Kindern und Jugendlichen? Wenn Minderjährige betroffen sein könnten, schauen wir besonders genau hin.
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