Von Professoren und Ehrendoktoren 

Über Rechtswissenschaft als Beobachtungspraxis.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe September 2026

Ich bin ja so allein. Kein Mensch hört auf mich, vor allem dann nicht, wenn ich wieder damit anfange, was ich ›publizistisches Ethos‹ nenne. Ethos ist etwas, das nicht durch Gesetze geregelt ist, sondern demgemäß man sich freiwillig verhält. Der Journalismus ist für sein Ethos nicht gerade bekannt, obwohl er genug Moralprediger wie mich recht und schlecht versorgt. 

Es gibt sogar die zum Journalismus analoge Erscheinung der Journaille: ›Der Begriff‹, so sagt es das Lexikon, ›lehnt sich sprachlich an das französische canaille (Gesindel) an. Gemeint sind damit Medien, denen Sensationsgier, Hetze, unseriöse Berichterstattung oder mangelnde journalistische Standards vorgeworfen werden.‹ 

Ich würde mir nie erlauben, die in Österreich weltbekannten einschlägigen Charaktere unter diesen Begriff Journaille zu subsummieren. Sogar ganze Privatsender gehören der Journaille. Ich beschäftige mich ausdrücklich nur mit dem seriösen Journalismus, zum Beispiel mit Peter Filzmaier, dem Professor in Krems an der Donau. 

Zugegeben, der akademisierte Journalismus ist meine Sache nicht. Die Wissenschaft, sogar die ›Politikwissenschaft‹, die sich an der Front der Tagesaktualitäten breit macht, könnte viel zu schnell verkommen: Zu wenig Zeit zum Nachdenken, für das Wissenschaftler bezahlt werden. Journalisten werden bezahlt, damit sie gleich sagen, was immer los ist. Außerdem habe ich das Vorurteil, dass die von der Professur geadelten Analysen im Grunde bloß alles, was eh ein jeder weiß, auf Maturaniveau vortragen. 

Aber mit solchen Urteilen überschreite ich meine Grenzen als Ethiker. Das ethische Problem ist für mich die Omnipräsenz des Professors. Immer wieder erwähne ich Gerd Bachers hygienische Maßnahme, dass niemand (außer im Sport) zugleich in der Krone und im ORF herumanalysieren darf. Nun, Filzmaier, so scheint mir, ist ja auch im Sport nahe daran, die Leichtathletik oder den Fußball zu kommentieren. Er ist ein vielseitig begabter Mensch, wozu ich gratuliere, wenn ich auch weiß, dass für die Wissenschaft einseitig Begabte nicht die schlechtesten in ihrem Fach sind. 

Aber vor einiger Zeit ist Filzmaier sogar mir zu weit gegangen. Er hat, wie man als Journalist zu sagen hat, ›die rote Linie überschritten.‹ Da erklärte er doch diesen idiotischen Vorfall, bei dem ein Gründervater der NEOS sein Wichteltum in der Partei verloren hat. Zum Glück wird er seinen Abgeordnetenstatus behalten, weil er doch dafür steht, ›dass sich in diesem Lande was ändert.‹ Da ändert sich nix, hat mein Vater allen Belangen des Lebens gegenüber sehr richtig festgestellt. 

Der Professor hat im ORF analysiert, was der Fall ist, und ich musste an meinen Vater denken, als ich am nächsten Tag im Standard las, was der Professor auch im ORF schon gesagt hatte. Es war genau dasselbe. Sicher auch, weil sich von einem Tag auf den anderen nichts geändert hat. Filzmaier hält sich eben die Treue, sei es nun im inspirierenden Gespräch für den ORF mit seinem Kumpel Armin Wolf, sei es in der Krone und neuerdings auch im Standard

An der Analyse des Professors hat alles, wie immer, super gestimmt. Es ist gut, dass in unserer gerade noch liberalen Demokratie wenigstens ein Mensch alle seine Talente ausleben kann. An der Omnipräsenz ist gar nichts Verwerfliches. Von Korruption im Sinne eines Gesetzesverstoßes kann schon gar nicht die Rede sein. Niemand macht finstere Geschäfte mit dem sportlichen Professor. Man nimmt ihn bloß überall, weil er gut zu gebrauchen ist. Bitte, seine Erkenntnisse mögen ein wenig vergleichbar sein mit den Fertiggerichten der Kochkunst. Warum Inzersdorfer, wenn es ein Kremser auch tut, der seinen Senf dazu gibt?

Es gibt halt das publizistische Ethos, zu dem Diversität, Verschiedenheit, Pluralismus gehört. Monopole sollten nicht zu sehr überhand nehmen. Rührend, wie der ORF für gleichartige Aufgaben Kathrin Stainer Hämmerle oder sogar den ›Politikberater‹ Thomas Hofer einsetzt – gleichsam als Alibi dafür, dass der Professor ausgerechnet heute keine Zeit hat. Den Professor würde ich heute so gerne fragen, was ist denn das, Herr Professor, ein ›Politikberater‹?

In der Politik bin ich selbsternannter Rechtswissenschaftler. Die Ernennung durch einen selbst ist schon die ganze Wissenschaft. Alles andere, Universität und so, ist schnöde. Man wird mich zu Recht für eitel halten, wenn ich an dieser Stelle darauf hinweise, dass ich nicht nur Doktor, sondern auch Ehrendoktor bin. Die Ehre verdanke ich der Universität Klagenfurt, in der ich oft gelehrt und viel gelernt habe. 

Anders als Kickl habe ich das Philosophiestudium abgeschlossen, was ich ihm nie vorhalten würde, denn in der Philosophie bleibt man ewig Student. Sollte ich die Hitzewellen dieses Sommers überstanden haben, werde ich in einer der nächsten Kolumnen für das DATUM Bemerkungen zu einer interessanten Vorlesung machen, die Kollege Kickl im Parlament, im Hinblick auf Hegel, gehalten hat. Darin ging es darum, dass die ganze Wahrheit immer nur die Wahrheit des Ganzen sein kann!

Unter Rechtswissenschaft verstehe ich also meine Beobachtungen der politischen Rechten, wie sie sich vor allem im Kicklformat präsentiert. Den etwas irren FPÖ-Politiktalk im Parlament habe ich zuletzt in der Fernsehübertragung einer Sitzung zum Thema ORF gesehen. Der ORF ist danach eine Kokain schnupfende Schlangengrube, die ein mieses Programm macht. Schon Plato hatte die Idee, dass Philosophen Könige werden sollten, weshalb der Philosoph Kickl unbedingt Kanzler werden muss, um den ORF höchstpersönlich zum Grundfunk umzugestalten. 

Aber es ist falsch, dass sich meine rechtswissenschaftlichen Beobachtungen auf Kickls Partei und ihre identitären Abgründe beschränken. Anders als in den Überbleibseln des mehr oder weniger liberalen Denkens in Österreich, mache ich keineswegs der ÖVP den Vorwurf, sie würde den rechten Populismus nachahmen. Nein, ich glaube, in der Rechtslastigkeit kommt die ÖVP erst richtig zu sich, auch wenn der große böse Wolf in Niederösterreich Mikl-Leitner politisch bereits auffrisst. Und einen Vize wie den Haimbuchner möchte ich auch nicht haben, wollte ich an mein Überleben glauben. •

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