Urlaub am Rande des Weltuntergangs

Wie ein Foto Idylle und Dystopie des Sommers zusammenführt.

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Fotografie:
APA-Images/AFP/Maximilien Lamy
DATUM Ausgabe September 2026

Der Sommer 2026 brach sämtliche Hitzerekorde. Befeuert vom menschgemachten Klimawandel wüteten Waldbrände in immer mehr Regionen – etwa in der Nähe von Bordeaux. Das Foto eines ­Paares, das dort wie in der ersten Reihe eines Open­Air-Kinos am Strand des Sees Étang de Lacanau sitzt, wurde zum Symbol für Europas Umgang mit der ­Klimakrise.

Die Bildanordnung entspricht einem klassischen Urlaubsfoto mit Blick auf den Horizont. Nur schauen die beiden nicht in den blauen Himmel oder in den Sonnenaufgang, sondern vom Strandidyll aus der Katastrophe entgegen. Wenn sich am gegenüberliegenden Ufer gewaltige Feuerwolken aufbauschen, hat das etwas Elementares. Feuer, Wasser und das Flimmern in der Luft sind effektvoll. Sie üben eine hypnotische Wirkung aus. 

Was aussieht wie eine dystopische Szene aus einem Wes-Anderson-Film ist tatsächlich der Handy-Schnappschuss eines Urlaubers. Besonders rasch ging er um die Welt, weil Maximilien Lamy, der das Bild Ende Juli geschossen hat, zwar kein professioneller Fotograf ist, aber bei der Nachrichtenagentur AFP arbeitet. Als Fotoredakteur hat er ein geschultes Auge. Sein Foto zeigt symbolisch, wie schwer sich die Menschheit im Umgang mit den Folgen der Klimakrise tut. Lamy zitiert einen R.E.M.-Song: ›It’s the End of the World as We Know It. And I Feel Fine‹.

Wie ästhetisch darf man die Klimakrise bebildern? Was machen solche Fotos mit uns? ›Die Menschen auf den sicheren Liegestühlen sind wir selbst, wenn wir auf unseren Bildschirmen diese Bilder sehen‹, sagt die Kunsthistorikerin Birgit Schneider. Sie forscht an der Uni Potsdam zu Klima, Ökologie, Umwelt und Desinformation und hält Verurteilungen hier für nicht angebracht. ›In das Urlaubsfoto bricht die Realität ein. Diese krassen Gegensätze hätte Adorno eine dialektische Montage genannt‹, erläutert sie.

Schneider ortet einen Gewohnheitseffekt und spricht von der ›kognitiven Dissonanz‹: ›Wir können die Katastrophenbotschaft nicht angemessen annehmen und reagieren immer gleich, nämlich passiv.‹ Durch diesen Reflex würden wir uns vor dem Horror schützen wollen, meint die Medienwissenschaftlerin. Ihr kommt dabei Greta Thunbergs Forderung: ›I want you to panic!‹ in den Sinn. ›In einem Bericht über die Waldbrände in Spanien meinte eine Frau, sie fühle sich wie im Film‹, sagt Schneider. Das zeige, wie schwer wir uns damit tun, den Ernst der Lage zu begreifen. 

›Crisis? What Crisis?‹ fragte einst der Titel eines Supertramp-Albums aus dem Jahr 1975. Auf dem Cover chillt ein Mann in einer verwüsteten Industriegegend; Cocktail, Zeitung und Radio in Griffweite. Die Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke, ­saurer Regen und Artenschwund waren damals schon Thema. Im selben Jahr prägte der Klimaforscher Wallace Broecker den Begriff ›global warming‹. Er stellte erstmals einen Zusammenhang mit dem Ausstoß von Treibhausgasen her. Ein halbes Jahrhundert ähnelt ein Urlaubsschappschuss der pop-kulturellen Inszenierung verdrängter Katastrophen.

Der britische Forschungsverbund Climate Visuals empfiehlt möglichst lokale, konkrete und konstruktive Bilder zur Klimaberichterstattung. Sie sollten die Bedeutung für jeden Einzelnen zeigen. Wichtig ist außerdem, die Bilder in Kontext zu setzen und zu ­erklären, dass der Klimawandel die Gefahr für Waldbrände massiv erhört. 

Birgit Schneider wünscht sich außerdem Fotos, die zeigen, wie es nach dem Waldbrand aussieht. Die Forscherin plant, mit ihren Studierenden für ein Seminar in eine betroffene Gegend zu fahren, um die eigene Wahrnehmung zu schärfen.

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