Gott des religiösen Transfers
Wie sich die evangelikale Landschaft Österreichs verändert hat.
Die ›Gemeinde Gottes‹ im Vorarlberger Klostertal hat ihre Wurzeln in den USA, gelangte über Deutschland nach Österreich und ist damit auch ein Beispiel für einen religiösen Transfer, der hierzulande oft wenig beachtet wird.
Es lässt sich nicht exakt feststellen, wie stark die Zahl der evangelikalen Gemeinden in Österreich in den letzten Jahren gestiegen ist. Sie sind oft nur in kleinen Gemeinden und Wohnungen aktiv, wie ich selbst im Zuge einer Recherche vor Jahren feststellte. Seit 2001 gibt es keine staatliche Religionszählung mehr. Die evangelikalen Bewegungen haben in Österreich vor allem durch die stärkere Missionsarbeit der Amerikaner und die dichtere internationale Vernetzung an Bedeutung gewonnen.
›God, we thank you for this man, for the wisdom you have given him.‹ ›This man‹ war im Juni 2019 Sebastian Kurz. Die Weisheit, für die Gott gedankt wurde, hat ihn einen Monat zuvor seine eigene Bundesregierung zu Fall bringen lassen. Der Auftritt vor 10.000 Anhängern der christlichen Initiative ›Awakening Austria‹ hatte kurz für Aufregung gesorgt. Danach ließ sich allerdings nicht behaupten, dass Österreich im Mega-Event in der Wiener Stadthalle ›erweckt‹ worden sei – auch wenn Christoph Schönborn dort aufgetreten ist.
Der Auftritt des Kardinals mutete seltsam an. Denn die evangelikalen Freikirchen, die sich in der Stadthalle versammelt hatten, können in der Ausübung ihres Glaubens ruhig als Gegenentwurf zur katholischen Kirche europäischer Prägung gesehen werden: Statt formeller Messrituale freie Gestaltung des Gottesdienstes unter Einbeziehung der Anwesenden; statt automatischer Aufnahme durch die Taufe, bewusste Entscheidung für Gott; statt der Taufe von Babys oder Kleinkindern, ausschließlich Erwachsenentaufen; statt ungefragter Mitgliedschaft in der Kirche, Bekenntnis zur persönlichen Bekehrung; statt generalisiertes Gottvertrauen, persönliche Erfahrung, eben Damaskus-Erlebnis; statt den bibellastigen Predigten in katholischen Messen, tägliches Studium der Bibel auch als Richtschnur von Tag zu Tag. Überdies zielen Freikirchen auf das ganze Leben ihrer Mitglieder ab, geben der Familie den zentralen Stellenwert, bestimmen den Schulunterricht, die Kleidung und die überragende Bedeutung der Gemeinde und der Gemeinschaft.
All diese Grundzüge der evangelikalen Kirchen stammen von den amerikanischen Mega-Kirchen und den Vernetzungen der Freikirchen in den USA – mit einem Missionsauftrag. Es gibt einzelne Kooperationen zwischen europäischen und amerikanischen Freikirchen, die sich in anderen europäischen Ländern engagieren, wie zum Beispiel die Rumänische Gemeinde. Seit 1984, beginnend im Flüchtlingslager Traiskirchen, agiert sie in Österreich. Oder der Auftrag zur Mission wird nicht von einzelnen US-Kirchen in Kooperation mit österreichischen ausgegeben, sondern von dichten Netzwerken, wie eben ›Awakening Austria‹. Wobei nicht ganz klar ist, ob Österreich erwachen oder erweckt werden soll. •