›Die Männer sind das System – und zugleich Unterdrückte‹
Um das Verhältnis der Geschlechter steht es derzeit nicht gut, findet die Feministin und Autorin Marlene Streeruwitz. Hier erklärt sie, warum der Mann wieder zum Hausvater wird – und Bundeskanzler Christian Stocker zurücktreten sollte.
Frau Streeruwitz, sind Sie oft verzweifelt?
Marlene Streeruwitz: Ja, das bin ich dauernd.
Im Vorjahr veröffentlichten Sie auf Ihrer Website eine Zeitlang jede Woche ein Gedicht. Die Reihe heißt: ›Texte der Verzweiflung über die Armseligkeit der Wahrheiten.‹ Woher kommt diese Verzweiflung?
Den ersten Text habe ich zur Inauguration von Donald Trump geschrieben. Es geht um dieses Ausgeliefertsein. Darum, dass wir gezwungen sind, unter diesen Umständen zu leben.
In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, Trump sei die ›idealtypische Repräsentation des Hausvaters‹. Was macht den Hausvater aus?
Der Hausvater bestimmt über Hof und Familie. Er sitzt beim Sonntagstisch und schreit, dass alle dumm sind und er als Einziger weiß, wie man es richtig macht. Die Frau und das Kind sind dem ausgeliefert, weil der Hausvater nicht nur das Recht hat, sondern auch der Erhalter ist. Heute können Männer wieder Hausväter sein, weil es die Machtverhältnisse zulassen. Trump ist der Superhausvater. Er spricht nicht aus einer öffentlichen, sondern aus einer privaten Perspektive heraus. Das hat nichts mehr mit politischen Vorstellungen zu tun, das ist nur ein zusammengebasteltes Selbstwollen. Die Schimpf-Tiraden des Hausvaters vom Sonntagstisch hält Trump als Reden an die Nation.
In Österreich wurde die sogenannte Hausvater-Ordnung, also die rechtliche Stellung des Mannes als Haupt der Familie, 1975 abgeschafft. Seither hat sich an der Position der Frauen aber doch vieles verändert.
Formal ist das richtig. Aber die Vorstellung, dass die Frau gleich viel wert ist wie der Mann, ist nicht durchgesetzt. Das Hausvater-Modell schimmert noch immer durch, und daher muss eine verstehen, was das früher für Frauen bedeutet hat: Der Mann hat 1811 die Bestimmungsgewalt über die Frau und die Kinder erhalten – das heißt, er hatte das Schlüsselrecht und er konnte die Frau festsetzen. Eine alte Verwandte erzählte mir eine Geschichte, die ich auch im Buch beschreibe: Immer, wenn ihr Vater die Mutter wieder schwanger gemacht hatte, band er sie ans Bett fest und holte die Engelmacherin. Das ist Patriarchat. Das ist Hausvaterschaft.
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