›Es ist ein körperlich extrem anstrengender Job‹
Name: Anna Perlaki, 40
Beruf: Fiaker-Fahrerin in Wien
Wenn man in der Innenstadt Fiaker vorbeifahren sieht, sitzen meist Männer oben am Kutschbock. Wie ist es als Frau in diesem männlich geprägten Beruf?
Als ich vor 14 Jahren den Fiaker-Führerschein gemacht habe, wurde ich von meinen Kollegen überhaupt nicht ernstgenommen. Es ist ein körperlich extrem anstrengender Job, du bist den ganzen Tag in Bewegung. Ich musste zeigen, dass ich mithalten kann. Mittlerweile ist aber ein gegenseitiger Respekt und Zusammenhalt da.
Wie zeigt sich der?
Zum Beispiel, wenn ein Pferd ein Hufeisen verliert. Dann hilft man sich gegenseitig. Das finde ich schön, weil daran sieht man, dass das Pferdewohl über der Konkurrenz steht.
Wieso sind Sie Fiaker-Fahrerin geworden?
Ich liebe Pferde. Neben meinem Studium habe ich als Reitlehrerin und Nationalpark-Rangerin gearbeitet, aber das waren beides Jobs für die Sommersaison. Im Winter, als das Geld knapp war, habe ich in einer Anzeige in einer Pferde-Fachzeitschrift gesehen, dass Fiaker-Fahrer gesucht werden. Da habe ich mir gedacht, ich probiere es mal aus.
Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?
Wenn ich in der Früh in den Stall komme und von 30 Pferden genau meine den Kopf heben, zu mir kommen und sich kraulen lassen. Ich merke, dass sie sich freuen, mich zu sehen. Es ist schön, mit einem anderen Lebewesen so partnerschaftlich zusammenzuarbeiten.
Fahren Sie immer mit denselben Pferden?
Ja, ich habe drei Pferde, die sich regelmäßig abwechseln. Zwei goldene Palominos, Akazie und Ginger, und eine weiße Schimmelstute, Khylie.
Gerade ging eine Frau an Ihrer Kutsche vorbei und sagte: ›Schande, Schande!‹ Das Thema Fiaker polarisiert, Tierschützer sprechen von Tierquälerei. Was sagen Sie dazu?
Es ist furchtbar. Natürlich gibt es auch unter den Fiaker-Fahrern schwarze Schafe, aber ich mache meinen Job gerne und sorge gut für meine Pferde. Ich finde es eine Frechheit, dass ich mich an meinem Arbeitsplatz aufs Derbste beschimpfen und sogar anspucken lassen muss.
Das ist Ihnen schon einmal passiert?
Ja, so etwas passiert täglich. Einmal hat mich ein Mann auch Hure und eine Schande für die Gesellschaft genannt. Das hat nichts mehr mit Kritik zu tun, sondern ist pure Hetze.
Warum haben viele Menschen so ein schlechtes Bild von Fiakern?
Ich glaube, da ist viel Unwissen dabei. Menschen denken, wenn mir heiß ist, dann muss dem Tier auch heiß sein. Oder wenn das Pferd mit abgeknicktem Bein und halb geschlossenen Augen am Standplatz steht, dann muss es todmüde und geschunden sein. Nein, das ist die ganz normale Ruheposition. So stehen sie auf der Koppel auch.
Sobald die Temperatur 35 Grad erreicht, dürfen Sie nicht mehr fahren. Wie beeinflusst Sie diese Regel bei der Berufsausübung?
Es ist für viele Fiakerbetriebe existenzbedrohend, weil wir vor allem diesen Sommer viele Tage deshalb nicht fahren konnten. Dabei merke ich, dass Hitze bei meinen Mädels gar kein Thema ist. Die schwitzen nicht einmal, auch wenn wir bei 34,7 Grad fahren.
Manche Tierschützer fordern ein Fiaker-Fahrverbot ab 30 Grad, andere wollen sie komplett verbieten.
Ich fände es schade, wenn Fiaker aus der Stadt verschwinden. Diese Kutschen fahren seit über 300 Jahren durch Wien. Und die Pferde bringen ein bisschen Leben in die Innenstadt. Es gibt Kinder, die haben nur Tierkontakt, wenn sie eine Taube sehen.
Wie viel verdienen Sie als Fiaker-Fahrerin?
Ich bin hauptberuflich Landwirtin und pferdegestützter Coach, also bin ich nur geringfügig angestellt und verdiene dementsprechend. Laut WKO liegt das Mindestgehalt bei Vollzeit bei etwa 1.800 Euro brutto. Reich wird man mit dem Beruf also nicht. Mit Pferden arbeitet man aus Leidenschaft, nicht fürs Geld.
Zahlen und Daten
Die ersten Fiaker fuhren in Wien bereits um 1670. Derzeit gibt es in Wien 22 aktive Fiakerbetriebe mit 130 Kutschen und 310 Pferden. Fiakerpferde dürfen bis zu 18 Tage im Monat und höchstens drei Tage am Stück arbeiten.
Jeden Tag fahren bis zu 58 Fiaker-Gespanne in Wien. Die Standplätze befinden sich am Stephansplatz, Michaelerplatz, Albertina-platz, Petersplatz und Burgtheater/Volksgarten.
In Österreich gibt es neben Wien Fiakerbetriebe außerdem noch in Salzburg, Innsbruck und Krems.
Quellen: Wien Geschichte Wiki & WKO