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Willkommener Friedensfanatismus

Über die Sehnsucht nach einer neuen Glaubensgemeinschaft.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe November 2026

Als Absolventin katholischer Schulen sind mir Predigten von der Kanzel nicht fremd. Seltsamerweise hatte ich in Kirchen selten das Gefühl, autoritär angepredigt zu werden. Offenbar waren sich die Predigenden ihres Bedeutungsverlustes in der Gesellschaft bewusst und begegneten ihm mit Bescheidenheit. Die Predigerinnen und Prediger der Moderne sind da anders. Da wird voller Selbstbewusstsein autoritär herumgesermont, am liebsten vermutlich in meiner Zunft, egal ob – wie bei mir – in Kolumnen oder auf moderne Art selbstverliebt in die Kamera des eigenen Social-Media-Kanals. Es ist das Wort zur Lage der Nation, als wäre es der Kompass, nach dem alle anderen lechzen.

Als würden sie es gar als Anleitung zur Kurskorrektur im eigenen Leben ansehen. Zu diesen Wahnsinnigen zähle ich mich nicht. Mir ist die begrenzte Macht des Wortes, insbesondere des geschriebenen Wortes, bewusst – in Zeiten, wo kaum gelesen und reflektiert wird. In denen man sich selbst nicht – zumindest niemals öffentlich – zu sehr in Frage stellt. Schon gar nicht, wenn es um das geht, was man nicht weiß, nicht versteht oder womit man nicht resoniert, weil man längst abgestumpft ist von zu viel Müll, Lärm und Dampf in der eigenen Blase. 

Trotzdem betrachte ich es zuweilen als meine wahnsinnige Zeigefingerpflicht, diese Kakophonie der immer gleichen Figuren, die mit ihren Analysen und Perspektiven ständig genannt und zitiert werden, um andere Figuren zu erweitern. Es sind Menschen, von denen ich mir wünschen würde, dass man ihre Namen kennt, sie zitiert, ihre Predigten anhört – in dieser Gesellschaft, die sich nach einer höheren Autorität sehnt und zugleich der Illusion anhängt, säkular zu sein. Ich wünsche mir, dass diese Menschen unsere Algorithmen bestimmen, statt die Menschenfeinde, denen viel zu viel Bühne geboten wird, auch von den seriösesten Medien und ihren Vertretern. 

Da wäre zum Beispiel Mirjana Spoljaric Egger. Die Schweizer Diplomatin ist die erste Frau an der Spitze des ›Internationalen Komitees vom Roten Kreuz‹, einer Organisation, deren Bedeutung in der heutigen Welt kaum größer sein könnte. Schützt sie doch nicht nur die Opfer von bewaffneten Konflikten, sondern wacht auch über die Einhaltung der Genfer Konventionen, die die Regeln für die Kriegsführung festlegen. Neutral und vertraulich verhandelt das Rote Kreuz seit 160 Jahren mit allen Konfliktparteien. Undankbar ist diese Aufgabe, gerade jetzt, in einer Zeit, in der die Organisation 130 Konflikte weltweit zählt. Selten spricht Spolijaric Egger mit der Presse, aber dieser Tage tat sie es, zuletzt mit der New York Times. Sie will, dass die Menschen verstehen, dass wir in einem Zeitalter des Krieges leben – und dass auch Kriege ihre Regeln haben.

Rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen. Und die trotzdem im Namen eines ›totalen Sieges‹ überschritten werden. ›In der Geschichte hat es niemals einen totalen Sieg gegeben, da gab es nur Tod und Zerstörung‹, sagt Spoljaric Egger. So etwas wie einen notwendigen Krieg gebe es nicht. Allein schon, dass wir uns an Kriege als politisches Mittel zum Zweck, oder gar als Selbstzweck, gewöhnt haben, ist für unsere Zivilisation untragbar. Unser Glauben an den Frieden müsste wieder aktiviert werden. ›Wir müssen auch wieder eine positive Erzählung über die Menschlichkeit, über Frieden, über das Zusammenkommen, die Zusammenarbeit und das Zusammenleben entwickeln. Wir müssen wieder erkennen, dass es die Menschlichkeit ist, die uns zusammenhält, und dass wir sie heute vorrangig schützen müssen, denn wir entwerten fast alles‹, plädiert sie im Gespräch. Amen, möchte man ihr da nur zurufen und hoffen, dass es ihre Worte in den Äther schaffen, viral gehen, mit der Masse resonieren. Und irgendwann eine größere Kanzel finden als die ihrer Gegner, Dampfplauderer und Wichtigtuerinnen. •

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