›Wir müssen lernen, uns vor den richtigen Dingen zu fürchten‹
Demokratie kann nicht funktionieren, wenn niemand mehr Geduld hat, auf ihre Resultate zu warten, sagt der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev. Ein Gespräch über langweilige Pessimisten – und Existenzangst als gesellschaftliches Bindemittel.
DATUM: Herr Krastev, vor einigen Jahren sagten Sie, sie seien weder Optimist noch Pessimist, sondern besorgt und hoffnungsvoll zugleich. Stimmt das noch?
Ivan Krastev: Ja, ich bin weder optimistischer noch pessimistischer geworden. Ich mag es nicht, wenn Menschen einen dazu drängen, optimistisch zu sein. Es gibt ein berühmtes Buch der amerikanischen Soziologin Barbara Ehrenreich, ›Bright-Sided‹, das mir immer sehr gefallen hat. Gerade in den 1990er-Jahren herrschte in den USA die Vorstellung, man müsse allem mit Optimismus begegnen. Ehrenreich erkrankte an Krebs und bekam daraufhin Nachrichten von Freunden, die ihr schrieben: Was für ein Glück du hast! Jetzt kannst du zeigen, wie stark du bist! Sie dachte sich: Sind diese Leute verrückt? Soll ich mich jetzt auch noch darüber freuen, dass ich Krebs habe? Ich finde diesen Fetisch des Optimismus lächerlich. Aber vollkommen pessimistisch zu sein, ist auch nicht besonders interessant.
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