Unsern täglichen Mord gib uns heute
Warum man ›Crime Scene Games‹ spielen kann, wenn gerade nicht Sonntag ist.
Es ist gar nicht so einfach, sich als Gruppe erwachsener Menschen darauf zu einigen, was man abendfüllend miteinander spielen möchte. Der eine kann nicht zeichnen und hat deshalb etwas gegen Activity (schuldig im Sinne der Anklage). Die andere hat panische Angst davor, bei Trivial Pursuit ihre Bildungslücken zu offenbaren. Auf zu komplexe Strategiespiele hat nach einem langen Arbeitstag sowieso keiner mehr Lust, zumal dafür meist mehrstündiges Regelstudium Voraussetzung ist.
Ein Trinkspiel vielleicht? Also bitte, wir sind doch keine 20 mehr und müssen morgen früh raus!
Na gut, dann also ein Crime Scene Game, das spielerische Äquivalent zu einem Tatort-Fernsehabend. Das Verbrechen, dem wir uns nähern, hat allerdings bereits im Jahr 1824 stattgefunden und in einer recht kompakten Schachtel Platz. Letzteres hat den Nachteil, dass die aufzuspürenden Hinweise auf dem Szenenbild, das den Konzertsaal des Kärntnertortheaters zeigt, so winzig klein sind, dass manch ein Teilnehmer ob beginnender Weitsichtigkeit von diesem Teil der Spielmechanik ausgeschlossen bleibt (jep, schon wieder ich). Darüber hinaus zieht es einem bei der einleitenden Geschichte vor platten Klischees glatt die Gamaschen aus (›Du betrittst den Tatort und spürst es sofort. Hier ist etwas Schreckliches passiert.‹)
Das alles ist insofern nicht so schlimm, als die holprige Story nur als Aufhänger dient, um die verschiedenen Text- und Bildrätsel notdürftig miteinander zu verknüpfen, die das eigentliche Spiel bilden und in der Gruppe durchaus Spaß machen.
Auf die zusätzlichen Hinweise, derer man sich bedienen kann, wenn ein Rätsel zu schwierig ist, müssen wir nur ein einziges Mal zurückgreifen. Nach gut zwei Stunden haben wir dann als Wiener Polizeipräsident den Doppelmord während der Uraufführung von Beethovens Neunter erfolgreich aufgeklärt (auch wenn wir dafür, so viel sei verraten, unser Liebesleben opfern mussten).
Na gut, gemeinsam bei der abendlichen Tatort-Folge mitzuraten, hätte womöglich auch nicht weniger Spaß gemacht. Aber es ist halt nicht immer Sonntag. •
Spiel: Wien 1824 · Autor: Arttu Tuominen · Verlag: Piatnik