Datum Talente

Abgeluchst

In den Kalkalpen verschwanden vor zehn Jahren plötzlich mehrere Luchse eines Artenschutzprogramms spurlos. Was ist mit den Tieren geschehen? Rekonstruktion eines Kriminalfalls.

·
Illustration:
Ūla Šveikauskaitė
DATUM Ausgabe Oktober 2026

Im Nationalpark Kalkalpen steht eine Skulptur. Sie zeigt einen schmiedeeisernen Luchs auf der Jagd, umgeben von dichtem Wald. Dahinter ragen die schroffen Felswände des Reichraminger Hintergebirges in die Höhe.

Das Mahnmal soll Wanderer daran erinnern, warum heute nur noch vier der streng geschützten Tiere durch die Wildnis des Nationalparks ziehen. Grund dafür ist ein Verbrechen, das stellvertretend für die Widerstände steht, auf die Wildtiere hierzulande immer wieder stoßen.

Schon einmal – Ende des 19. Jahrhunderts – galt die größte Raubkatze Europas in ganz Mitteleuropa als ausgerottet. 1998 zieht sie erstmals wieder ihre Fährte durch den Nationalpark und dessen Umgebung. Im  21. Jahrhundert sollte der Luchs mit Bestandsstützungsprojekten endgültig in seine alte Heimat zurückkehren. Aber: ›In drei Jahren könnte der Luchs weg sein‹, sagt Christian Fuxjäger, der seine gesamte berufliche Laufbahn im Nationalpark Kalkalpen den Tieren gewidmet hat. Seit 2001 ist der große, bedächtige Mann als Luchsbeauftragter für die Neuansiedelung der Tiere zuständig – eine Aufgabe, für die er lebt, die ihm aber vor allem Rückschläge beschert hat. Die Website seines Nationalparks listet zwölf Luchse, die als verschollen gelten, tot sind oder nachweislich getötet wurden. Nachwuchs unter den Tieren gab es zuletzt 2018 – und weiterer ist auf Grund ihres inzwischen hohen Alters nicht mehr zu erwarten.

Was Fuxjäger als Leuchtturmprojekt des Artenschutzes begann, entwickelte sich über die Jahre zu einem Kriminalfall, bei dem männliche Luchse im Nationalpark verschwanden und der die Wiederansiedlung der Pinselohren in Österreich in Frage stellte.

Die Ankunft

Es ist der 13. Dezember 2011. Grelle Scheinwerfer erleuchten eine Transportkiste, die auf einer mit Schnee angezuckerten Wiese steht. Ringsum Fotografen mit ihren Kameras im Anschlag. Als Erich Mayrhofer, damals Direktor des Nationalparks Kalkalpen, eine Klappe an der Box nach oben zieht, passiert einen Augenblick lang: nichts. Dann plötzlich stürmt ein Luchs heraus. Unter dem Klicken der Auslöser verschwindet das Tier in den dunklen Wäldern des Reichraminger Hintergebirges – dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Österreichs. Luchsmännchen Juro ist in seiner neuen Heimat angekommen. 

Wenige Monate zuvor wurde bereits die Luchs­katze Freia in das Schutzgebiet entlassen. Beide kommen aus der Schweiz, wo sie von der Stiftung ›KORA – Raubtierökologie und Wildtiermanagement‹ gefangen, untersucht, überstellt und anschließend mit Sendehalsbändern versehen auf freien Fuß gesetzt wurden. Die Freilassung der beiden Tiere markiert den Start des Bestandsstützungsprojekts. 

Und die Voraussetzungen in den nördlichen Kalkalpen könnten kaum besser sein. Hier, im Herzen Österreichs, liegt eine felsige, kaum zersiedelte Region, mit ausreichend Wäldern, reichlich Beutetieren und wenigen Nutztierhaltern. Rund 100 bis 250 Tiere fänden hier, laut dem Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Platz. 

Doch anders als Wölfen fällt es Luchsen schwer, neue Gebiete zu besiedeln. Um dem Bestand in den östlichen Alpen auf die Sprünge zu helfen und eine eigenständige Population aufzubauen, gründete sich deshalb 2008, unter der Federführung des Nationalparks Kalkalpen, die Arbeitsgruppe Luchs OÖ Kalkalpen (LUKA). Auch Vertreter der Jägerschaft, des Naturschutzbundes, der Verwaltung, der Bundesforste und des WWF waren mit an Bord. 

Die Bemühungen waren aber kein naturromantisches Nostalgieprojekt. Die Hoffnungen, die auf dem Vorhaben ruhten, reichten weit über die Grenzen Österreichs hinaus. In ganz Europa laufen seit 1970 Luchs-Wiederansiedlungsprojekte – viele der Bestände blieben jedoch klein und isoliert. Damit die Beutegreifer in Mitteleuropa langfristig wieder Fuß fassen können und gesund bleiben, braucht es genetischen Austausch zwischen den Luchsen in Deutschland, Italien, Slowenien und der Schweiz. Die Luchspopulation in den oberösterreichischen Voralpen sollte sie verbinden, so der Plan.

Doch nicht jeder ist von den Rückkehrern begeistert. Anfang August 2011 – wenige Monate, nachdem Freia entlassen wurde – läutet bei Christian Fuxjäger das Telefon. Der Jäger am anderen Ende der Leitung ist verärgert. In seinem Jagdrevier wurde ein Reh gerissen. Der Schuldige ist für ihn schnell identifiziert: ein Luchs. Seine Frau habe wenige Tage zuvor beobachtet, wie das Tier knapp 50 Meter von der gemeinsamen Jagdhütte, die unweit des Nationalparkgebiets liegt, vorbeispaziert sei. Das Gespräch wird laut, der Anrufer droht: Hätte er das Tier selbst gesehen, hätte er es geschossen. Als Fuxjäger ihn darauf hinweist, dass der Abschuss einer streng geschützten Art eine Straftat sei, entgegnet der Jäger, dass er für die  Jagdpacht 20.000 Euro im halben Jahr zahle und sich sicher nicht von einem Luchs die Rehe wegfressen lasse. Der Name des Jägers: Josef Walch*. 

Christian Fuxjäger wird diesen Namen nicht vergessen.

Das Faschingsfest

Zwei Jahre später sieht es so aus, als würde die Ansiedelung gelingen. Bis Ende 2013 kommen neun Jungtiere zur Welt, und eine weitere Luchskatze aus der Schweiz wurde inzwischen freigelassen. Doch nach dem verheißungsvollen Start schlägt die Stimmung bald um. Immer wieder verschwinden Luchse spurlos aus dem Nationalpark. 

Am 4. August 2013, fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Anruf des Jägers Josef Walch bei Fuxjäger, wird die Polizei zu einem Bootshafen an der Ysper im Bezirk Melk gerufen. Eine Person hatte dort starken Verwesungsgeruch gemeldet. Kurz darauf fischen Beamte zwei tote Luchse aus dem Fluss – verpackt in einem mit Steinen beschwerten Plastiksack. Ob es sich dabei um Tiere aus dem Nationalpark handelt, wird nie geklärt. Die Bezirkshauptmannschaft Melk übergibt die Kadaver kurz nach dem Fund der Tierkörperverwertung. Der WWF kritisiert das Vorgehen öffentlich: ›Statt einer gründlichen Untersuchung der Umstände wurden die Luchse einfach wie Müll entsorgt.‹

Anfang 2014 sind bereits vier männliche Tiere aus dem Nationalpark unauffindbar. Juro ist einer von ihnen. Sein GPS-Halsband, das üblicherweise zweimal täglich Peildaten an Fuxjägers Handy sendet, ist seit zehn Monaten stumm. Auch die Fotofallen in den Wäldern, bei denen sich Juro zuvor regelmäßig blicken ließ, bringen keine neuen Treffer. Schon bald stellen sich Fuxjäger und der Nationalpark die Frage: Könnten die Tiere illegal geschossen worden sein? 

Die Arbeitsgruppe LUKA diskutiert in der Zwischenzeit, ob Juro durch einen neuen männlichen Luchs ersetzt werden soll. Der Widerstand der Jägerschaft innerhalb des Arbeitskreises, der Beschlüsse einstimmig trifft, lässt dieses Vorhaben jedoch vorerst platzen. Ihr Argument: Noch bestehe ja die Möglichkeit, dass Juro wieder auftaucht. 

Im Februar 2014 bekommt Christian Fuxjäger wieder einen Anruf. Ein Mann, der anonym bleiben will, erzählt ihm, dass ein Bekannter in einer Hütte zwei tote Luchse in einer Tiefkühltruhe gesehen hätte. Den Besitzer der Hütte bekommt Fuxjäger nicht aus ihm heraus. Erst später wird klar: Die Hütte gehört dem Schwiegersohn von Josef Walch.

Ungefähr zur selben Zeit findet in einer kleinen 750-Seelen-Gemeinde im Ennstal, nur wenige Kilometer von den Grenzen des Nationalparks entfernt, ein Faschingsumzug statt. ›So an Luchs ho ma glei daschossn, passts auf‹, hallt es aus den Lautsprechern, während ein Faschingswagen mit Hochstand auf der Ladefläche auf den Dorfplatz biegt. Darauf zu lesen: ›Luxkommando – Sondereinheit der Jäger – www.lux.ad‹. Oben sitzen zwei Männer mit Jagdhut, Gamsbart, Sonnenbrille, falschem Bart und einer Gewehrattrappe im Anschlag. Zwei weitere Männer laufen miauend und katzenartige Bewegungen mimend vorneweg – verkleidet als Luchse. Detailtreue ist den Faschingsnarren offensichtlich wichtig: Wie die Pinselohren im nahegelegenen Nationalpark Kalkalpen tragen auch sie ein Sendehalsband. Dann: Maschinengewehrfeuer. Die beiden verkleideten Luchse torkeln über den Dorfplatz und stürzen zu Boden.

Einen schleppen drei Männer in Jagdkleidung weg. Nach dem Zweiten suchen drei Männer in Warnwesten mit der Aufschrift: ›Nationalpark Luchs Suchtrupp‹ und mit einer langen Antenne in der Hand, wie sie auch Fuxjäger zum Orten der Luchse benutzt. Kurz darauf stürmt ein weiterer Mann heran und defibrilliert den angeschossenen Luchs mit zwei Bügeleisen zurück ins Leben. Verhaltener Applaus.

Christian Fuxjäger und die Nationalparkverwaltung wissen zu diesem Zeitpunkt noch nichts von dem Treiben in der Gemeinde. Erst ein Jahr später werden sie durch ein ihnen anonym zugespieltes Video von dem Sittenbild der örtlichen Jägerschaft erfahren und sich auf Facebook ›sehr schockiert und äußerst betroffen‹ die Frage stellen: ›Wie viele Menschen wussten (…) im Februar 2014 vom illegalen Abschuss von Luchsen?‹ 

Als es im April 2014 immer noch kein Lebenszeichen von Juro gibt, erstattet der Nationalpark schließlich Anzeige gegen Unbekannt. 

Die Ermittlung

Was beim Faschingsumzug als vermeintlich harmlose Dorf-Gaudi inszeniert wird, beschreibt für Chefinspektor Othmar Coser gut die Mentalität vor Ort: ›Der Einzige, der im Revier über Leben und Tod entscheidet, ist der Jäger und kein Beutegreifer‹, interpretiert der erfahrene Polizist die Botschaft, die mit dem Luchs-Theater gesendet werden sollte. ›Der Luchs und das Wiederansiedlungsprojekt sind der örtlichen Bevölkerung ein Dorn im Auge.‹ 

Als Coser vom Landeskriminalamt Oberösterreich den Fall übernimmt, stellt er als erstes zwei Thesen auf. Erstens: Auf Grund seiner Erfahrungen mit solchen Verbrechen geht er davon aus, dass nur ein Jäger aus der Gegend für die Tat in Frage kommt. Und zweitens: Er rechnet damit, dass sich der Täter die begehrte Trophäe von einem Präparator seines Vertrauens konservieren lassen wird.

Wo aber eine Ermittlung starten, wenn es keine echten Anhaltspunkte gibt? Coser entscheidet sich für jenes Waldstück, von dem aus Juros GPS-Halsband am 8. Juni 2013 das letzte Signal von sich gegeben hatte. Doch der Beamte, der ihn dort hinbringen soll, ist selbst Jäger und ›hat nicht verstanden, warum das Landeskriminalamt diese Geschichte ermittelt‹, erinnert sich Coser. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dämmert dem Ermittler, dass der Luchs für die Menschen hier vor allem eines ist: ein Raubtier, ein Fremdkörper und ein Konkurrent im Jagdrevier. 

Doch Coser hat jahrzehntelange Berufserfahrung und ist einiges gewohnt. Vor seiner Zeit in der Umweltkriminalität ermittelte er in Fällen von Raub, Einbruch und Gewalt. Er lässt so schnell nicht locker.

Im fraglichen Waldstück entdeckt er in unmittelbarer Nähe des letzten Peilsignals zwei Hochstände. Über die zuständigen Jagdbehörden holt Coser Informationen zu den umliegenden Jagdrevieren ein. Wem gehören sie? Wer hatte Zugang? Und wer war im Ermittlungszeitraum dort unterwegs? Am Ende hält er eine Liste mit 1.300 Namen in Händen. 

Ein Jahr lang befragt Coser Personen dieser Liste, von denen er sich neue Hinweise erhofft. Zeitgleich geht er seiner zweiten These nach und ermittelt bei Tierpräparatoren von Innsbruck bis nach Wien: ohne zählbares Ergebnis.

Ein Jahr später liegen auf dem Tisch der Ermittler erstmals drei konkrete Hinweise: Ein Tierarzt berichtet von zwei Luchskadavern in einer Tiefkühltruhe, ein Forstdirektor von einem erzürnten Jagdpächter und ein Jäger von einem Kollegen, der offen mit zwei Luchstrophäen prahlt. Erstmals zieht Coser eine Verbindung zum Ehepaar Walch. 

An deren Jagdhütte kam Juro immer wieder vorbei. Das zeigen die Bewegungsdaten, die Fuxjäger über die GPS-Halsbänder erstellt hat. Auch an den Tagen vor seinem Verschwinden war das Luch-Männchen dort.

Doch mit Indizien allein lässt sich vor Gericht nichts erreichen. Einmal mehr bestätigt sich, was Coser aus seiner jahrelangen Arbeit in diesem Bereich schon weiß: ›Wildtierkriminalität zu beweisen, ist immer ganz schwer und meist nur mit Glück oder Zufall möglich.‹

Die Aussage

Und siehe da, das Glück ist bald auf Chefinspektor Cosers Seite: Im März 2015 läutet bei einer örtlichen Polizeidienststelle das Telefon.

Stefanie Ludwig* will an diesem Tag ihren Freund wegen Rufmords an­zeigen. Im Wirtshaus habe sie der verheiratete Mann, mit dem sie seit 2010 eine Affäre hat, öffentlich als Hure beschimpft. 

Der diensthabende Beamte nimmt die Frau zunächst nicht ernst – sie ist amtsbekannt. Nicht wegen einer Straftat, sondern als Person mit einem gewissen Hang zu Alkohol und zu Reibereien, erinnert sich Coser. 

Nachdem sie mit ihrem Vorhaben drei weitere Male erfolglos bleibt, ändert Stefanie Ludwig ihre Strategie. Ihr Partner, erzählt sie dem Beamten, habe in seinem Jagdrevier drei Luchse erschossen und zwei davon verkauft. Immer wieder würde er damit prahlen. Auch Fotos der erschossenen Luchse habe sie gesehen, als er diese im Wirtshaus auf seinem Handy herumgezeigt habe.

Sein Name: Josef Walch – jener Jäger, der Fuxjäger bereits 2011 unverhohlen mit dem Luchsabschuss gedroht hatte. 

Die Anruferin beschuldigt auch seine Ehefrau, einen Luchs geschossen zu haben. Zudem habe Walch seiner Gattin aufgetragen, jeden Luchs zu schießen, den sie sieht. 

Der Polizist, der zufällig einen Facebook-Aufruf des Nationalparks mit der Bitte um Informationen aus der Bevölkerung zum Verschwinden der Luchse gelesen hat, wird hellhörig. Er greift zum Hörer und wählt die Durchwahl des Landeskriminalamts. Da ist er endlich: der Zufall, den Chefinspektor Coser so dringend braucht.

Denn Stefanie Ludwig erwähnt noch ein wichtiges Detail: Den Namen eines mit Josef Walch befreundeten Tierpräparators. Für Coser genügt diese Information, um mit einem richterlichen Durchsuchungsbefehl zu erzwingen, was ihm bei seinen vorangegangenen Ermittlungen verwehrt blieb: ein Blick in die 14 vollgefüllten Tiefkühltruhen dieses Präparators. Einer der Plastiksäcke, die Coser dort findet, ist mit Initialen beschriftet, die sich sowohl Josef Walch als auch seiner Frau zuordnen lassen. Der Inhalt des Sacks: ein toter, tiefgefrorener Luchs.

Die Ermittler nehmen eine DNA-Probe und schicken Fotos zur Fellbeschau an das Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Denn wie der menschliche Fingerabdruck ist auch das Fleckenmuster eines Luchses einzigartig.

Die Ergebnisse, die wenig später aus der Bundeshauptstadt zurückkommen, überraschen sowohl Coser als auch Fuxjäger. Der tote Luchs stammt zwar aus dem Nationalpark. Aber es ist nicht der verschwundene Juro. Stattdessen handelt es sich um B7 – ein Jungtier aus dem ersten dokumentierten Luchsnachwuchs in den Alpen seit 150 Jahren und einer von Juros Söhnen.

Zu diesem Zeitpunkt steht das Wiederansiedlungsprogramm des Nationalparks bereits auf der Kippe. Ob in der Region noch männliche Luchse unterwegs sind, die für Nachwuchs sorgen können, ist ungewiss. Was im Februar 2015 noch am Widerstand der Jägerschaft gescheitert war, soll nun schnellstmöglich nachgeholt werden: die Ansiedlung eines neuen Luchsmännchens in die Kalkalpen. Doch mittlerweile hegt die KORA-Stiftung Zweifel daran, ob der Nationalpark die Sicherheit der bereitgestellten Schweizer Luchse garantieren kann – und will vorerst keine neuen Tiere nach Österreich bringen. 

Der Prozess

Für 5. November 2015 ist die erste Verhandlung rund um das Verschwinden der Luchse im Nationalpark Kalkalpen angesetzt. Doch auf der blauen Anklagebank des großen Schwurgerichtsaals des Landesgericht Steyr sitzt an diesem Tag nicht Josef Walch, sondern seine Frau, Luise Walch*.

Nach dem Fund von B7 gestand sie dessen Abschuss. Coser geht bis heute davon aus, dass dieses Geständnis unter den Eheleuten so vereinbart wurde.

Vor Gericht bekennt sich Luise Walch nicht schuldig. Der Abschuss sei ein ›blödes Versehen‹ gewesen, den sie im Zeugenstand so schildert: ›Ich bin auf dem besagten Hochstand gesessen. Ich wollte schon nach Hause gehen, weil es schon sehr dunkel war und habe noch einmal rundherum durch das Gebiet geschaut. Auf einmal habe ich eine Bewegung gesehen. Mein erster Gedanke war, dass es ein Fuchs war. Ich habe sofort zum Gewehr gegriffen, und als ich ihn wieder im Glas gesehen habe, habe ich geschossen und damit war es für mich erledigt.‹ 

Was sie an diesem Abend tatsächlich erlegt hat, habe sie erst am nächsten Tag gesehen, als ihr Mann in dem steilen Gelände für sie Nachschau hielt. Dass ein Luchs in ihrem Revier unterwegs sein könnte, habe sie schlicht nicht gewusst. Nachdem ihr Mann noch ein Foto von ihr und dem Luchs gemacht habe, habe sie das Tier anschließend zum Präparator gebracht. 

Die Ausführungen der Angeklagten überzeugen an diesem Tag jedoch niemanden im Saal. Der gerichtlich bestellte Sachverständige hält fest: ›Ein durchschnittlicher Jäger kennt den Unterschied zwischen Fuchs und Luchs.‹ Neben dem eigenen Geständnis wiegt vor allem die Aussage der Ex-Geliebten ihres Mannes schwer. Stefanie Ludwig wiederholt vor Gericht, was sie den Ermittlern bereits zuvor erzählt hatte. Neben Luise Walch belastet sie dabei auch deren Ehemann erneut. Auf die Frage, ob auch die zwei toten Luchse aus der Ysper auf das Konto von Josef Walch gehen, habe sie nie eine direkte Antwort von ihm bekommen. Vor Gericht sagt sie dazu: ›Da hat er mich nur angegrinst.‹ 

Josef Walch äußert sich nicht zu den Vorwürfen und macht von seinem Recht Gebrauch, sich der Aussage zu verweigern. Luise Walch aber wird schuldig gesprochen. Zur Geldstrafe von 1.920 Euro kommen Schadenersatzansprüche des Nationalparks Kalkalpen in Höhe von 12.101 Euro. Letztere werden erst ein Jahr später, am 22. Dezember 2016, durch den Obersten Gerichtshof bestätigt. Für den Nationalpark Kalkalpen, der seinen gesetzlichen Auftrag, ›bedrohte Tierarten zu fördern und zu schützen‹ zwischenzeitlich in Frage gestellt sah, ein wegweisendes Urteil.

Und Juro? Sein Kadaver konnte bis heute nicht gefunden werden. Die Justiz brachte den Fall trotzdem zu einem Ende. Am 26. September 2016 wird Josef Walch vom Oberlandesgericht Linz in zweiter Instanz rechtskräftig schuldig gesprochen, ›zu einem unbekannten Zeitpunkt zwischen Februar 2012 und August 2013‹ Juro erschossen zu haben. Die Drohung, die er gegenüber Fuxjäger 2011 ausgesprochen hatte, sieht das Gericht als ›ausreichendes Motiv für das angelastete Verhalten‹. Die Dichte an Indizien und besonders die ›massiv belastenden Angaben der Zeugin‹ Stefanie Ludwig genügen für eine Verurteilung – auch ohne Kadaver. Josef Walch fasst eine Geldstrafe von 11.160 Euro aus, zusätzlich zahlt auch er 12.101 Euro Schadenersatz an den Nationalpark.

Das Nachspiel

Im Reichraminger Hintergebirge, wo 2011 bei der Freilassung der ersten Luchse noch die Kameras klickten, hat sich an einem Novembertag 2017 erneut eine Gruppe von Menschen zusammengefunden. Auch Christian Fuxjäger und Othmar Coser sind unter den Anwesenden. Doch an diesem Tag entlässt Nationalparkdirektor Erich Mayrhofer keinen neuen Luchs in die Wildnis der Kalkalpen. Heute enthüllt er das schmiedeeiserne Luchs-Mahnmal.

Was Mayrhofer an diesem Tag sagt, klingt bis heute nach: ›Die Luchsskulptur wird uns in Zukunft entweder daran erinnern, dass hier die Initiative zur Wiedereinbürgerung der Luchse ihren Anfang nahm, oder aber daran, dass durch die Ignoranz einiger Menschen die Luchse ein weiteres Mal ausgerottet wurden.‹

Zunächst bewirken die Gerichtsurteile gegen das Ehepaar Walch etwas: Nach deren Verurteilungen und einer Verschärfung des oberösterreichischen Jagdrechts kann die Schweizer KORA-Stiftung überzeugt werden, noch einmal grünes Licht zu geben: 2017 werden zwei neue Luchse im Nationalpark Kalkalpen entlassen. Nur: Fünf Jahre später gelten auch sie als verschollen.

Aufgeben will Christian Fuxjäger trotzdem nicht. 20 Tiere sollen in den kommenden Jahren in den Wäldern der Nationalparks Kalkalpen und Gesäuse, ins Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal und in die Quellschutzwälder der Stadt Wien in Niederösterreich freigelassen werden. ›Wenn der politische Wille und ein Beschluss da sind, lässt sich das Projekt in drei bis vier Jahren verwirklichen‹, sagt der Luchsforscher. Die Verhandlungen mit allen Beteiligten laufen. Es ist ein letzter Versuch, die österreichische Luchs-Population vor dem erneuten Aussterben zu bewahren.  ›Das ist die einzige Chance‹, sagt Fuxjäger, ›sonst war alles umsonst.‹ •

* Name von der Redaktion geändert

Sie können die gesamte Ausgabe, in der dieser Artikel erschien, als ePaper kaufen:

Diese Ausgabe als ePaper für € 6,00 kaufen