Wie es ist … Kollektivverträge zu verhandeln
Ein guter Verhandlungstag beginnt mit dem Händeschütteln. Das klingt banal, ist aber ziemlich wichtig, weil die Gegenseite und wir uns damit signalisieren, dass die Verhandlungen letztlich ein gemeinsames Projekt sind. Wenn wir später aneinander krachen, hilft es, sich diesen Gedanken in Erinnerung zu rufen.
Ich verhandle für die Gewerkschaftsseite und habe dafür ein Team um mich, das ich leite. Wir treffen uns meistens um neun Uhr morgens. In der Vorbesprechung teilen wir dann die Rollen auf. Es gibt Personen im Team, die durchaus die Aufgabe haben, etwas Lärm zu machen. Als Leiterin bringe ich hingegen Ruhe in die Verhandlungen.
Wenn wir uns alle mit Informationen aus den Betriebsräten und den aktuellen Wirtschaftsdaten auf den neuesten Stand gebracht haben, treffen wir die Arbeitgeberseite.
Wir achten darauf, dass wir in Räumen verhandeln, in denen man die Fenster aufmachen kann. Manchmal dauern Verhandlungstage nämlich extrem lang, und da hilft frische Luft. Vergangenes Jahr haben wir am letzten Verhandlungstag um halb drei in der Früh das Büro verlassen. Weil ich um 6:15 Uhr einen Medientermin hatte, habe ich gleich durchgemacht.
Auch unsere Sitzordnung ist wichtig. Als Verhandlungsleiterin sitze ich immer dem Leiter der Gegenseite gegenüber. Zu Beginn vereinbaren wir die Rahmenbedingungen: Dauer, Pausen, Essen. Vor allem Letzteres ist überlebenswichtig. Das Schlimmste ist, wenn das Verhandlungsgegenüber hungrig ist. Weil ich für unterschiedliche Branchen verhandle, fallen mir auch gewisse Unterschiede auf: Der Elektroindustrie ist das Siezen wichtig, den Vertretern des Sozialbereichs die regelmäßigen Rauchpausen. Wenn wir anstehen, helfen Pausen meistens.
Ich habe über die Jahre schon einige Verhandlungstrainings gemacht, in denen ich diverse Taktiken gelernt habe. Aber ich halte nichts davon, jemanden übers Ohr zu hauen. Dann habe ich vielleicht einen kurzfristigen Sieg, aber die Woche drauf will es mir mein Gegenüber wieder heimzahlen. Und wir kennen unsere Verhandlungspartner ja oft schon seit Jahren. Da macht es mehr Sinn, Beziehungen zu pflegen, als sie zu zerstören.
Was nicht bedeutet, dass wir nie streiten. Ich habe als Chefverhandlerin auch schon Verhandlungen abgebrochen. Bei den letzten Verhandlungen in der Elektroindustire im Mai wurde uns etwa in der dritten Verhandlungsrunde eine Lohnerhöhung von nur einem Prozent angeboten, obwohl wir 3,5 Prozent gefordert hatten. Da sind wir als Team nach wenigen Stunden Verhandlung aufgestanden und gegangen.
So ein ›reinigendes Gewitter‹, bei dem jemand explodiert und klar die Meinung sagt, das kann einen gewissen Drive in die Verhandlungen bringen. Aber mir kommt vor, dass es das immer weniger gibt. Früher gab es mehr Heferln – also Menschen, die plötzlich aufspringen und herumschreien.
Die Verhandlungen selbst sind aber nur ein kleiner Teil des ganzen Prozesses. Schon Monate vorher versammeln wir unsere Betriebsräte, fahren in die Bundesländer und befragen Beschäftigte, um ihre größten Anliegen herauszufinden. Bis zum fertigen Kollektivvertrag dauert es meistens um die sechs Monate. Wir müssen am Ende nämlich noch Rechtstexte ausformulieren, und da dürfen keine Fehler passieren. Sonst verhandeln wir etwas aus, das sich bei der nächsten Gehaltsauszahlung nicht am Gehaltszettel der Angestellten widerspiegelt. Und dann wäre alles umsonst gewesen. •
Zur Person:
Eva Scherz (51) verhandelt seit mehr als 20 Jahren Kollektivverträge für die Gewerkschaft GPA. Aktuell ist sie Chefverhandlerin für den privaten Gesundheits- und Sozialbereich sowie für die Elektro- und Elektronikindustrie.