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Früher schwieg man darüber

Warum es eine neue Debatte über die Gesundheit von Politikern braucht.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe November 2026

Es ist der Abend des 23. November 1986. Im Fernsehen hat eben Alois Mock (ÖVP) seine Stellungnahme zum Ergebnis der Nationalratswahl abgegeben. In der Redaktion läutet das Telefon. ›Alois Mock hat Parkinson‹, lässt ein bekannter Tiroler Arzt wissen und legt auf. Wie ist das mit dem Arztgeheimnis? Wie mit den Ferndiagnosen? Nun, Alois Mock wirkte steif und abwesend. Der Schock der unerwarteten Wahlniederlage war ihm anzusehen. Aber Parkinson? 

Mehr als fünf Jahre später sollte sich die Führung der ÖVP gezwungen sehen, ein ärztliches Gutachten vorzulegen, in dem Mock gute Gesundheit attestiert wurde. Es entsprach nicht der Wahrheit. Dennoch brachte Mock, immer schwerer gezeichnet von der Krankheit und unter Aufwand ungeheurer Disziplin, die Verhandlungen zu Österreichs EU-Beitritt zu Ende.

Die Episode war ein klarer Fall von Täuschung – in einer Zeit, in der Transparenz in der Politik noch als Fremdwort galt. 

Der Umgang mit Krankheiten von Politikern war in Österreich lange Zeit ambivalent, wenn nicht sogar verlogen – wie bei so vielem in der Beziehung zwischen Öffentlichkeit und Politik hierzulande. Es wurde viel gemunkelt, nichts bestätigt – wie beim Krankheitsverlauf  von Bruno Kreisky. Auf ihn wollte oder konnte die SPÖ vor der Wahl 1983 trotz seiner schweren Nierenerkrankung und Dialyse-Erfordernissen nicht verzichten. Es wurde viel getuschelt. Kreisky erwähnte seine Einschränkungen öffentlich nie. Auch von einem früheren Herzinfarkt hat die Öffentlichkeit nie etwas erfahren.  

Wie das Beispiel Mocks zeigt, trauten Politiker lange Zeit der Öffentlichkeit nicht genügend Empathie zu. Sie befürchteten, Krankheit werde schnell als Unfähigkeit zur Amtsausübung ausgelegt. 

Diese Angst vor Schwäche löste 1996 beinahe eine Staatskrise aus. Bundespräsident Thomas Klestil wurde mit einer schweren Autoimmunkrankheit ins AKH eingeliefert. Niemand wurde verständigt: nicht der Nationalratspräsident Heinz Fischer, nicht der Bundeskanzler Franz Vranitzky. Klestil schwebte tagelang in Lebensgefahr. Aber auch dieser dramatische Vorfall hat nach Bekanntwerden keine nachhaltige Diskussion darüber ausgelöst, ob das Recht eines Politikers auf die Geheimhaltung seines Gesundheitszustandes absolut ist. 

Seither hat sich viel verändert. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer hat ihre Krebserkrankung unaufgeregt und sachlich öffentlich gemacht, die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky ihre sehr offensiv. Alle haben das Recht auf ihren ganz eigenen Umgang mit diesen Schicksalsfragen. Der Öffentlichkeit soll das Recht auf Information jedoch nicht vorenthalten werden. Zudem nehmen es sich die Sozialen Medien ohnehin einfach. In unserer so stark polarisierten Gesellschaft ist allerdings zu befürchten, dass die Öffentlichkeit durch unangemessene Reaktionen dazu beiträgt, dass das Informationsrecht doch wieder in Frage gestellt wird. 

Der Umgang der SPÖ mit dem an Krebs erkrankten Finanzminister Markus Marterbauer sollte endlich eine seriöse Diskussion über das Dreieck Politik-Gesundheit-Transparenz auslösen. Ganz unabhängig von der Entscheidung des Finanzministers, was er sich trotz Krebserkranung beruflich zumutet. •

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