Liebe Leserinnen und Leser!
Wann haben wir eigentlich aufgehört, an eine bessere Zukunft zu glauben? Angesichts der vielen Krisen erscheint inzwischen jeder Gedanke an Fortschritt als bloße Realitätsverweigerung. Wer trotzdem zuversichtlich bleibt, gerät schnell unter den Verdacht, weltfremd zu sein: Hast du die Nachrichten nicht gelesen?!
Die US-amerikanische Schriftstellerin Rebecca Solnit hat dafür einen schönen Vergleich gefunden: ›Verzweiflung ist wie eine schwarze Lederjacke. Jeder glaubt, darin cool auszusehen.‹ Hoffnung dagegen wird schnell mit Naivität gleichgesetzt. Aber Hoffnung ist etwas anderes als blinder Optimismus: Es geht nicht um die Überzeugung, dass schon alles gut gehen wird. Sondern um den Glauben daran, dass es besser werden könnte – und dass wir selbst etwas dazu beitragen können.
›Früher war die Zukunft ein Projekt‹, sagt der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev, den mein Kollege Anatol Vitouch und ich für die Coverstrecke dieser Ausgabe interviewt haben. Heute sei die Zukunft vor allem eine Frage von Prognosen geworden: Wie hoch wird die Durchschnittstemperatur in 30 Jahren sein? Wie alt unsere Gesellschaft? ›Die Vorstellung, dass wir die Zukunft selbst gestalten können, ist verschwunden‹, sagt Krastev.
Es ist schon bemerkenswert: Wir bringen inzwischen erstaunlich viel Fantasie auf, wenn es darum geht, uns den Weltuntergang auszumalen. Wir können uns vorstellen, dass unsere Demokratien zusammenbrechen oder die Künstliche Intelligenz die gesamte Menschheit auslöscht – aber dass sich Menschen mit einem durchschnittlichen Einkommen wieder problemlos eine Wohnung leisten können? Das klingt schon fast utopisch.
Auch in der politischen Debatte geht es immer öfter darum, Schlimmeres zu verhindern, und immer seltener darum, was wir eigentlich erreichen wollen. Wer aber nur noch den Status quo verteidigt, überlässt das Versprechen auf Veränderung jenen, die besonders einfache und radikale Antworten anbieten.
Mit unserer Coverstrecke wollen wir deshalb für einen Moment die Perspektive wechseln. Wir haben Menschen aus Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft gefragt, was sich heute ändern müsste, damit wir in fünf Jahren besser dastehen als heute. Es geht um leistbares Wohnen und Klimaschutz, um die Verteidigung Europas, unsere gemeinsame Öffentlichkeit, den Kampf gegen Rechtsextremismus – und auch darum, wie wir wieder mehr zu lachen haben können.
Was Sie sonst noch in dieser Ausgabe erwartet: Unsere Autorin Julia Löwenstein begann als Quereinsteigerin an einer sogenannten Brennpunktschule in Wien zu unterrichten. Doch bald musste sie feststellen, dass im österreichischen Schulsystem die Jugendlichen und guter Unterricht nicht immer im Mittelpunkt stehen. In einer ebenso unterhaltsamen wie ernüchternden Geschichte erzählt sie, warum sie schließlich wieder kündigte.
Derin Erenoğlu wiederum hat sich mit dem Erbe der russischen Journalistin Anna Politkowskaja beschäftigt, die für ihre kremlkritische Berichterstattung vor zwanzig Jahren in ihrer Wohnung in Moskau erschossen wurde. Erenoğlu traf Politkowskajas Enkelin, die fünf Monate nach ihrer Ermordung zur Welt kam. Sie trägt heute das Vermächtnis ihrer Großmutter weiter – trotz der Gefahren, die damit verbunden sind.
Ich wünsche Ihnen eine gute Lektüre!
Ihre Christina Pausackl
christina.pausackl@datum.at