Unter Wert
Krisztina Varga* arbeitete 20 Jahre lang als Sozialpädagogin in Ungarn. Heute räumt sie in einem Linzer Supermarkt Regale ein – obwohl Fachkräfte wie sie hierzulande gesucht werden. Warum Österreich die Qualifikationen vieler Migranten nicht nutzt.
Wenn Krisztina Varga* über ihren Beruf spricht, ist ihr anzumerken, wie sehr sie ihn vermisst. Zwei Jahrzehnte lang hat die Ungarin als Sozialpädagogin in einem Kinderheim in Szekszárd gearbeitet. Sie liebte ihren Job. Doch unter der Regierung von Viktor Orbán, erzählt sie, verschlechterten sich die Bedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe zunehmend. Führungspositionen seien mit Menschen besetzt worden, die kaum Erfahrung in diesem Bereich hatten, die Löhne blieben niedrig. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen verließen die Einrichtung. Irgendwann hielt es auch Varga nicht mehr aus.
2018 beschloss sie, Ungarn zu verlassen. Sie ging nach Österreich und wollte sich hier ein neues Leben aufbauen. Ihr Plan war pragmatisch: Erst einmal irgendeinen Job annehmen, um ihre Rechnungen bezahlen zu können, und daneben so schnell wie möglich Deutsch lernen – um danach wieder in ihren Beruf als Sozialpädagogin zurückzukehren.
Acht Jahre später sitzt Krisztina Varga, inzwischen Mitte 40, in der Küche ihrer Linzer Wohnung und erzählt in einem Videotelefonat, wie wenig aus diesem Plan geworden ist. Obwohl ihre Berufsausbildung in Österreich längst anerkannt wurde und sie inzwischen fließend Deutsch spricht, hat sie in ihrem erlernten Job nie Fuß gefasst. Statt Kinder und Jugendliche zu betreuen, räumt sie heute in einem Supermarkt in Linz Regale ein.
Varga ist kein Einzelfall. Viele Zugewanderte landen in Österreich in Jobs weit unter ihrem Ausbildungsniveau: Akademiker fahren Taxi, Buchhalterinnen putzen Büros, ausgebildete Techniker arbeiten im Lager. Die Forschung nennt dieses Missverhältnis Überqualifizierung. Bleiben Betroffene über Jahre in solchen Jobs, kann es zu einer ›schleichenden Dequalifizierung‹ kommen, warnt Julia Bock-Schappelwein, Arbeitsmarktexpertin beim Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO: Arbeitskräfte verlernen Fähigkeiten und Fachwissen – oder können mit den sich rasch verändernden Technologien nicht mehr schritthalten.
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