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Menschenbilder

Der Fotograf Peter Rigaud verbindet in seinen Porträts kunstvolle Inszenierung mit einem Gespür für jene Augenblicke, die einen tiefen Einblick in sein Gegenüber erlauben.

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Fotografie:
Peter Rigaud
DATUM Ausgabe November 2026

›Die Fotografie gilt als sicherstes Indiz einer Vergangenheit, die nicht mehr existiert, als ­fortexistierender Abdruck eines vergangenen Augenblicks.‹ Aleida Assmann

Frontal in die Kamera ­blickend, das Gesicht teilweise verschattet, schaut einen ein Paar stahlblaue Augen an. Das Porträt von Alexej Nawalny entstand am 30 . September 2020, kurz nachdem er aus dem Krankenhaus Charité in Berlin entlassen worden war. Nach 32-tägiger Behandlung hatte er einen Giftanschlag überlebt, und Peter Rigaud (*1968, Salzburg) porträtierte ihn, als die warme Morgensonne hinter dem Alexanderplatz in Berlin gerade aufging und horizontal von Osten durch die Fenster des Büro­gebäudes schien. Nawalnys Körper spiegelte und verdoppelte sich in einer Glasscheibe, während die Sonne zudem den Schatten des Fotografen auf seine Brust warf.

Wie so häufig in den Arbeiten von ­Rigaud entstand so ein ­spannungsreiches, komplexes Zusammenspiel aus Kom­position und der intensiven Präsenz des Porträtierten. ­Rigaud ist ein Meister darin, diese Momente achtsam einzufangen, während er geschickt inszeniert und gleichzeitig ­atmosphärische Raumkom­positionen schafft. Es entsteht ein Gefüge aus Raum, Person und einer Konstellation, die nur in diesem Moment möglich ist.

Das Medium Fotografie schafft hier, wie auch sonst in Rigauds Bildern, nicht nur ­Abbilder, sondern wird zum Resonanzkörper und Spiegel einer Auseinandersetzung mit dem, was war und nicht mehr ist. Nawalny kehrt rund vier Monate später – am 17. Januar 2021 – zurück nach Moskau. Dort wird er sofort inhaftiert und stirbt drei Jahre später, im Februar 2024. Das Porträt und mit ihr die Fotografie wird so zum mahnenden Erinnerungsträger. Darin wird ihr tieferer Sinn greifbar, wenn so Formen der Verarbeitung und gleichzeitigen Fortexistenz geschaffen werden. Genau diese tiefen Einblicke in das Gegenüber ­gelingen Rigaud in vielen ­seiner Porträts – sei es von Christoph Waltz, Angela­ Merkel, Marina Abramovic oder vielen anderen. •

Felix Hoffmann ist Kunst- und Kulturwissenschaftler und Direktor des Foto Arsenal Wien. www.fotoarsenalwien.at 

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