Die Stadt im Fragment
Der japanische Fotograf Daido Moriyama dokumentiert seit sechs Jahrzehnten die Straßen Tokios. Seine Arbeiten haben die Street Photography nachhaltig verändert.
In extremer Nahaufnahme erscheint ein angeschnittenes Gesicht mit halb geöffnetem Mund. Der Blick ist nur zu erahnen. Was zunächst wie eine intime Szene wirkt, wird durch eine Spiegelung an der oberen rechten Ecke enttarnt. Urbane Strukturen weisen das Bild als ein Werbeplakat aus, das durch eine Scheibe abfotografiert wurde. Dieses Foto, das Nutzen vorhandener Bilder im öffentlichen Raum, die Aneignung und Überlagerung ist eines der zentralen Methoden des japanischen Fotografen Daido Moriyama (*1938, Osaka).
Mit seinen Arbeiten stellt er bis heute unsere Sehgewohnheiten infrage und erweitert seit sechs Jahrzehnten die Grenzen der Street Photography. Seine Fotografien werden als roh, körnig und unscharf beschrieben und sind oft aus ungewöhnlichen Perspektiven aufgenommen – Eigenschaften, die eine ganze Generation von Fotograf*innen prägen.
Moriyama beginnt Mitte der 1960er-Jahre in einer Zeit rasanter Modernisierung in Tokio zu fotografieren. Seine Bilder thematisieren den urbanen Raum, den Einzug westlicher Konsumkultur sowie die Macht der Bilder in der Werbung und den Massenmedien. Früh setzt er sich mit der Frage auseinander, wie Bilder zirkulieren und welche Bedeutung ihnen zugeschrieben wird. Beeinflusst von Künstlern wie Andy Warhol und William Klein experimentiert er mit Fragmentierung, Überbelichtungen und extremen Vergrößerungen. Bis heute fotografiert Moriyama in den Straßen und schafft es, ein urbanes Bewusstsein in Bilder zu bannen.
›Daido Moriyama. A Retrospective‹ ist eine der umfassendsten Ausstellungen zum Werk des Fotografen und ist bis zum 10. Mai im Foto Arsenal Wien zu sehen. Eine Monografie, erschienen im Prestel-Verlag, begleitet die Ausstellung. •
Marit Lena Herrmann ist Kurator*in am Foto Arsenal Wien, dem neuen Ausstellungshaus für Fotografie und ›Lens Based Media‹ in Österreich. www.fotoarsenalwien.at