Jubelpersische Kriegsversteher

Nur Verzweifelte, Nihilistinnen und religiöse Fanatiker sehen im aktuellen Iran-Krieg eine Erlösung.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe April 2026

Wenn es schwül und stickig ist, wünscht man sich ein Gewitter. Eines, das die Luft reinigt und alles Erstickende und Drückende vertreibt. Auf der Weltbühne äußert sich dieser Wunsch seit geraumer Zeit ähnlich: mit der Vorstellung, dass Krieg dieses reinigende Gewitter sein könnte. Dass alles Erstickende mit einem Bombenschauer erledigt sein werde. Tod und Zerstörung sind in dieser Vorstellung noch nicht einmal Fußnoten. Zu sehr ist man gefangen in dieser Erlösungsfantasie aus religiös anmutendem Fanatismus, der überall auf der Welt – von Washington D.C. über Tel Aviv bis Teheran – um sich greift – und Nihilismus. Die einen sehnen die Apokalypse herbei, weil nur aus dem ultimativen Chaos ein demokratisches Paradies geboren werden kann, die anderen rechtfertigen Krieg als Mittel zum Zweck von Regimestürzen.

Rund um den Iran-Krieg wirkt es fast provokant, ihn zu verurteilen. Insbesondere in iranischen Kreisen, in denen manche glauben, dass eine Gesellschaft nur eine einzige Perspektive hat und diese auch nur von einer einzigen Gesinnungsgemeinschaft wahrhaft vertreten werden darf. Wer es also wagt, den aktuellen Krieg im Iran nicht als Befreiungsschlag gegen die Mörderbanden der Islamischen Republik, die erst im Jänner ein Massaker an der eigenen Bevölkerung verübt haben, zu bezeichnen, wird als Regimeversteherin verleumdet und kann schon einmal mit dem Tod bedroht werden. 

Surreal ist es, wie Menschen in der iranischen Diaspora die Regierungen Israels und der USA anfeuern, ihr Heimatland zu beschießen, in der Hoffnung, sich so des iranischen Repressionsapparats zu entledigen. Umso mehr, wenn ein US-Präsident davon spricht, aus ›Spaß‹ Bomben abzuwerfen und Schiffe zu versenken. Oder ankündigt, dass am Ende dieses Krieges die Landkarte des Irans eine andere sein wird, als bisher. 

Die Islamische Republik hat einen langen Atem. Leider. Denn im Gegensatz zu ihren Angreifern hat sie eine hohe Schmerzgrenze. Ein Regime, das über die Jahrzehnte Tausende Menschen im eigenen Land getötet hat, zuckt nicht mit der Wimper bei ein paar hundert toten Iranern im Bombenhagel.
In Israel und den USA hingegen wird man nervös, bei wenigen toten Landsleuten. Das kann Wahlen kosten. 

Sollte der Krieg bald beendet sein, wie es Trump angekündigt hat, ist zu vermuten, dass sich alle drei Kriegsparteien als Sieger darstellen werden. Donald Trump wird damit prahlen, den Obersten Revolutionsführer Ali Khamenei ausgeschaltet zu haben, Israels Premier Benjamin Netanjahu wird sagen, das Raketenarsenal dezimiert zu haben und die Vertreter der Islamischen Republik, jene, die dann noch übrig sind, werden behaupten: Wir haben den beiden Erzfeinden getrotzt und sitzen – zwar lädiert – immer noch im Sattel. 

Regime change? Klar, andere Köpfe werden dann das Land regieren. Aber sie werden es in bewährter Tradition unterdrücken. Das Regime wird, obgleich personell verändert, dennoch existieren. Es wird ein geschwächtes, angeschlagenes und wütendes sein. Und diese Wut wird sich in erster Linie Bahn brechen in extreme Gewaltakte gegen die eigene Bevölkerung.  Haben Sie das berücksichtigt, lieber Donald, lieber Bibi? Wie viele Leben nach so einem Krieg auf dem Spiel stehen, wenn das Regime noch steht?

Am Ende werden die Menschen im Iran den Preis für diesen Krieg zahlen. Sie tun es bereits. Und auch jene in der Region. Wenn es, eher früher als später, auch viele im Rest der Welt tun, wird man vielleicht einsehen, dass Krieg kein reinigendes Gewitter ist, sondern der toxische Regen, der alles verseucht. •

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