Stadt gegen Förster

Der ehemalige Forstleiter Franz Els will die Kahlschläge in der Stockerauer Au stoppen. Die Bürgermeisterin sagt, die Rodungen seien nötig, um den Wald zu retten. Nun droht der Streit zu eskalieren.

DATUM Ausgabe November 2025

Franz Els geht es schlecht. An einem Tag Anfang Oktober steht der ehemalige Forstleiter der Stadtgemeinde Stockerau vor einem rechteckigen Loch in der Wildnis. Durch die Maschen eines Metallzauns blickt er auf rund 5.000 Quadratmeter vollendete Tatsachen. Die Gemeinde hat den neuen Förster so gut wie alle Bäume fällen lassen. Dann hat er die Wurzeln und Sträucher entfernt und den Boden mit dem Häcksler gemulcht. Vom ursprünglichen Wald ist hier fast nichts übrig, es ist ein kompletter Kahlschlag. Die Folge: Das Ökosystem wird an dieser Stelle anfällig für invasive Arten, kleinen Amphibien fehlt plötzlich der Unterschlupf, und den Boden treffen ungewohnt viele Sonnenstrahlen, die ihn austrocknen.

Mehr als 30 Jahre lang lag die Stockerauer Au in der Obhut von Franz Els. Der 69-Jährige verbrachte fast sein gesamtes Berufsleben hier zwischen den Bäumen und Sträuchern. Heute muss Els sich überwinden, auch nur einen Fuß in den Auwald zu setzen. Und wenn er doch hineinradelt, dann nur auf den Wegen, von denen er weiß, dass dort noch alles in Ordnung ist. Doch heute steuert Franz Els gezielt auf den Schmerz zu, er will den Finger in die Wunde legen. Seit seiner Pensionierung im Herbst 2021 hat die Gemeinde Stockerau mit den Kahlschlägen in der Au begonnen und nicht mehr aufgehört. Ihre Begründung: Viele Bäume kranken am Eschentriebsterben, verursacht durch einen zerstörerischen Pilz, der dem Auwald zusetzt. Er ist hoch ansteckend und verbreitet sich von Esche zu Esche über den Wind. 

Els hat bis dato 21 geschlägerte Flächen auf rund 5,4 Hektar penibel kartiert. ›Das ist Wahnsinn‹, sagt er. Den Umgang der Stadtpolitik mit dem Eschentriebsterben findet er falsch und überzogen. Außerdem ist dieser Wald ein Teil der größten zusammenhängenden Auenlandschaft in Österreich und gleich doppelt geschützt, als Natur- und Europaschutzgebiet. Kahlschläge sind deshalb ein No-Go, meint der Pensionist. Weil sich nach Jahren der Diskussion mit der Gemeinde nichts hat ändern lassen, ist Franz Els zum Äußersten bereit. Im April hat er die Stadt bei der Staatsanwaltschaft angezeigt – wegen ›vorsätzlicher Beeinträchtigung der Umwelt‹.

Bürgermeisterin Andrea Völkl nimmt das persönlich. Die ÖVP-Stadtchefin und Franz Els kennen einander gut. Sie sind sich vor 15 Jahren bei einem Tanzkurs begegnet – ein gemeinsames Hobby. Überraschenderweise ist das nicht das Einzige, was die beiden verbindet. Denn Völkl beteuert: ›Ich liebe diese Au.‹ Auch ihr blute beim Anblick des kaputten Waldes das Herz. Doch die Bürgermeisterin ist überzeugt, die Kahlschläge seien der einzige Weg, um den Wald für zukünftige Generationen zu erhalten.

Der endlose Streit über den richtigen Umgang mit der Natur ist inzwischen auch ein Streit über den richtigen Umgang miteinander. Im Gemeinderat diskutieren die Mandatare bis Mitternacht über die Vorgänge im Auwald. ÖVP-Vizebürgermeister Martin Falb, der auch Direktor im ÖVP-Parlamentsklub ist, sagt in einer Sitzung im Frühjahr, von Seiten der Kahlschlaggegner werde mit ›biblischem Hass‹ vorgegangen.

Hinter dem Kleinstadtdrama versteckt sich allerdings ein systemisches Versagen der Republik. Eines, das die EU-Kommission in Form zweier Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich auf den Plan gerufen hat. Einmal 2022, weil Österreich es nicht schafft, auf die Einhaltung europäischer Naturschutzregeln zu achten, die in Europaschutzgebieten gelten. Einmal bereits 2014, weil der Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern immer noch nicht die Rechte gibt, die die EU ihnen vor 20 Jahren in der ›Aarhus-Konvention‹ zugestanden hat – nämlich die Möglichkeit, ihrer Stimme in Umweltverfahren Gehör zu verschaffen. Letzteres Verfahren ist weit fortgeschritten, als nächste Eskalationsstufe steht eine Klage beim Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) an. Bei einer Verurteilung drohen Österreich Strafzahlungen.

In Stockerau kommt beides zusammen. Um abschließend klären zu können, ob der pensionierte Forstleiter Recht hat und die Stadt streng geschützte Natur zerstört, besteht also Handlungsbedarf auf höherer Ebene. Denn Els und seine Anwältin berufen sich vor allem auf europäische Vorschriften und EuGH-Judikatur, die in Österreich noch keine ordnungsgemäße Umsetzung finden. Bis dahin scheint die verzwickte Situation in Stockerau zementiert – zumindest, bis einer nachgibt. Die zwei Gegenspieler sind sich mittlerweile zutiefst unsympathisch, obwohl sie doch eigentlich dasselbe wollen – nämlich die Auenlandschaft mit ihrem Mosaik an verschiedenen Lebensräumen und ihrer Artenvielfalt erhalten.

Um zu verstehen, warum gerade diese 17.000-Einwohner-Gemeinde in Niederösterreich im Brennpunkt der Probleme des österreichischen Naturschutzes liegt, müssen wir ein wenig aus Stockerau herauszoomen.

Die Tullnerfelder Donau-Auen im Norden von Wien sind seit jeher ein Problemkind unter den Europaschutzgebieten. Die Stockerauer Au ist ein kleiner Teil davon. Eingequetscht zwischen einer mit Kraftwerk regulierten Donau und der vierspurigen A22 geht es diesem Auwald nicht gut. In der einflussreichen ›Hotspots‹-Studie des Umweltbundesamts zu Österreichs Schutzgebieten wird das Tullnerfeld als Negativbeispiel erwähnt: Der Status als Natura-2000-Gebiet habe auf die intensive Bewirtschaftung kaum Einfluss, die Schutzgüter seien deshalb bedroht. Das Vertragsverletzungsverfahren zu Europaschutzgebieten greift die Probleme auf, die auch im Tullnerfeld bestehen: schwammige Ziele und Maßnahmen, die es erschweren, bedrohte Arten auch wirksam zu schützen. Laut Berechnungen der niederösterreichischen Umweltanwaltschaft ist in manchen Teilen der Au rund die Hälfte des schützenswerten Bestands von Forstwirten in nicht heimische Hybridpappeln, also schnell wachsende Wirtschaftsbäume, umgewandelt worden.

›Wir waren das letzte gallische Dorf‹, sagt Franz Els. Sein Vorgänger hatte auch mit solchen Bäumen aufgeforstet. Els hat lange Jahre damit verbracht, diese Entwicklung in Stockerau wieder rückgängig zu machen. Der Pensionist stapft durch den Wald, er ist rechts vom Weg mitten ins Gestrüpp abgebogen. Alle paar Meter bleibt er stehen und zupft an den Jungbäumen, die hier überall aus dem Boden sprießen. ›Feldahorn‹, murmelt er: ›Und da: eine Silberpappel.‹ Ein umgekippter Baumstamm liegt herum, durch den Stumpf daneben fressen sich gerade Totholzkäfer. ›Da explodiert das Leben‹, sagt Els. Hier sei der Auwald noch so, wie er sein sollte. ›Und immer, wenn der Mensch eingreift, geht’s schief.‹

Eigentlich hat Franz Els in Schönbrunn Gartenbautechnik gelernt, später war er Wirtschaftshofleiter in Stockerau und hat seit 1990 die Hauptverantwortung als Forstleiter auch für den Auwald übernommen. Darin hat er seine Leidenschaft gefunden. Sein Lehrmeister war ein Berater der Gemeinde aus dem Wildnisgebiet Dürrenstein in der Steiermark. ›Wir könnten Eintritt verlangen für die Au, so ökologisch wertvoll ist sie, hat er immer gesagt‹, erinnert sich Els. Wegen dessen Einfluss hat er seine Rolle als Forstleiter eher als Schutzgebietsbetreuer verstanden.

Das Eschentriebsterben setzt dem Wald erheblich zu. In Österreich ist der Pilz, der die Eschen von innen auffrisst, schon vor 20 Jahren aufgetaucht, und auch heute lässt sich ihm nur schwer Einhalt gebieten. Immerhin ist in der Stockerauer Au gut jeder zweite Baum eine Esche. Doch es gibt Hoffnung. In Zusammenarbeit mit der Universität für Bodenkultur hat die Stadtgemeinde einige immune Eschen in der Au gesetzt, die wiederum immune Nachkommen produzieren sollen. Sozusagen eine sehr langsame Impfung für den Wald.

An dem Projekt hat Franz Els noch vor seiner Pensionierung mitgearbeitet, der neue Förster führt es seither weiter. Els hat sich damals in seinem Wirken als Forstleiter darauf konzentriert, nur die sichtbar kranken Bäume und solche, die Spaziergängern auf den Kopf zu fallen drohten, einzeln mit seinem Team zu fällen. Früher erntete er dafür auch vom zuständigen ÖVP-Stadtrat Anerkennung. Letzterer schloss Kahlschläge kategorisch aus und stellt sich auch heute noch in dieser Sache gegen seine eigene Partei. Genau diese Vorgehensweise soll aber laut Gemeinde dafür gesorgt haben, dass die Kahlschläge in der Au erst notwendig geworden sind.

›Man hätte gar nicht erst so lange zuschauen dürfen‹, sagt hingegen Bürgermeisterin Andrea Völkl. ›Jetzt fallen uns alle kranken Bäume auf einmal um.‹ Deshalb habe die Gemeinde auch einen ausgebildeten Förster angestellt, der mit einer gänzlich anderen Expertise an die Sache herangehe. Die wuchernden Sträucher schnitten außerdem den kleinen Jungbäumen das Licht ab, weshalb es nötig sei, an manchen Stellen eben alles zu entfernen und wieder neue Bäume nachzupflanzen. Es seien ohnehin nur kleine Flächen. Auf den gesamten Stockerauer Aubesitz gerechnet machen die Kahlschläge ein Prozent aus. ›Wir machen uns die Entscheidung nicht leicht‹, sagt Völkl. ›Aber ich kann tausend Sachverständige beauftragen, wenn das Ergebnis nicht der Meinung von Herrn Els entspricht, wird er es nicht gelten lassen.‹

Naturgemäß hat Franz Els für alle angeführten Punkte Gegenargumente. Auch kleine Flächen könnten zusammengenommen einen großen Eingriff darstellen. ›Tod durch tausend Schnitte‹ – so nennt es Franz Els. Diese Sichtweise untermauert auch der EuGH in seiner Rechtsprechung zu ähnlichen Fällen in anderen EU-Ländern.

Els ist Teil des Au-Netzwerks Stockerau, bestehend aus gut einem Dutzend Menschen, darunter mehrere Mandatare der Grünen. Bei Anwalts- und Verfahrenskosten unterstützte auch der Grüne Gemeinderatsklub sowie der Grüne ›Verein zur Förderung für BürgerInneninitiativen‹ die Gruppe finanziell. Deren Mitglieder sind der Meinung, die Stadt sei mit den Kahlschlägen auf Profit aus. In den Rechnungsabschlüssen von Stockerau haben sich die Einnahmen aus dem Holzverkauf von 2022 auf 2023 verdoppelt und liegen seither bei gut 140.000 Euro pro Jahr. ›Wir haben keinen wirtschaftlichen Druck‹, sagt aber Bürgermeisterin Völkl. ›Wir sind ja kein Forstbetrieb, wir leben nicht davon.‹ Sie habe vielmehr das Gefühl, mit dem Aktivismus rund um das Schutzgebiet solle sie als Person bekämpft werden.

Die Au polarisiert in der ganzen Gemeinde, selbst die Stadtpolitik ist gespalten. Ein gemeinsamer Antrag aller Oppositionsparteien, die Kahlschläge sofort zu stoppen, wurde von der Regierungsmehrheit aus SPÖ und ÖVP im März abgelehnt. Vom ›biblischen Hass‹ in der Auseinandersetzung wollen weder Els noch Völkl etwas wissen. Die Stadtchefin ist allerdings der Überzeugung, Els und die Gruppe um ihn hätten sie mit der Strafanzeige politisch anpatzen wollen.

Der ökologische und menschliche Streit um die Au beschäftigt seit diesem Jahr auch die Justiz. Am Landesverwaltungsgericht Niederösterreich läuft aktuell ein Verfahren zu den Kahlschlägen. Es einzuleiten war aber nur durch eine gesetzliche Hintertür möglich. ›Wir hätten sonst keinen Zugang zum Gericht bekommen‹, sagt Fiona List, die Anwältin von Franz Els. Diesen Missstand greift das EU-Vertragsverletzungsverfahren zur Aarhus-Konvention auf, in dem die Vorgänge in Stockerau als Negativbeispiel angeführt werden. Die Gemeinde stellte bei den Naturschutzbehörden nie einen Antrag für die Kahlschläge, sondern holte stets nur Auskünfte ein. Kein Antrag bedeutet keine Naturverträglichkeitsprüfung und auch keine Möglichkeit für das Netzwerk Stockerauer Au, seine Einwände geltend zu machen.

Die Generaldirektion für Umwelt der EU-Kommission erklärt in einem Schreiben: Aus ihrer Sicht sei bei Kahlschlägen in dieser Größenordnung im Europaschutzgebiet ›grundsätzlich‹ eine Prüfung durchzuführen. Das Stockerauer Au-Netzwerk hatte sich zuvor mit einer Beschwerde an die Kommission gewandt. ›Bei Österreichs Behörden wird man einfach nicht gehört, was unionsrechtliche Vorgaben angeht‹, sagt Anwältin Fiona List. Stockerau sei in ihrer Kanzlei kein Einzelfall.

›Wir brauchen keinen Antrag‹, seufzt Völkl. ›Das ist, als würde ich gegen Windmühlen kämpfen.‹ Es ist der Bürgermeisterin anzumerken, dass sie diese Diskussion schon oft geführt hat. Bevor im Auwald irgendetwas gemacht werde, stimme sie sich mit der Naturschutzabteilung des Landes ab. Ein Schreiben von dieser an die Stadtgemeinde aus dem Februar 2024, das DATUM vorliegt, bestätigt Völkls Sicht zwar teilweise. Der Brief weist jedoch auch explizit darauf hin, dass ein Antrag zu stellen wäre, um zu bestimmen, ob es nicht eine Naturverträglichkeitsprüfung brauche. Anträge blieben allerdings weiterhin aus, nur die Kahlschläge setzten sich fort.

Dem pensionierten Forstleiter fällt es nicht leicht, so offen den Konflikt mit seinem einstigen Arbeitgeber zu führen. Schließlich verbindet ihn viel mit der Gemeinde, in der Verwaltung hat er auch seine Frau kennengelernt – sie war jahrzehntelang Stadtbuchhalterin. Trotzdem zeigte er ›seine‹ Bürgermeisterin im April 2025 bei der Staatsanwaltschaft an. ›Wenn es damit nicht zu verhindern ist, dann gar nicht. Bleibt noch Anketten‹, scherzt der ehemalige Forstleiter. 

In der ersten Oktoberwoche wurde das Verfahren nun eingestellt. Andrea Völkl hält die Begründung der Behörde in den Händen. Die bestätige, dass die Stadt sich an alle Vorschriften halte, meint sie. Einsehen konnte DATUM das Dokument nicht. Die Staatsanwaltschaft habe festgestellt, dass die Arbeiten weder willkürlich noch zerstörerisch waren, sondern der Pflege des Waldes dienten, erklärt die Gemeinde auf Anfrage.

Els und seine Anwältin setzen ihre Hoffnungen nun auf das Verfahren am Landesverwaltungsgericht, dort warten sie gerade auf die nächste Verhandlung. Im Auwald hat der ehemalige Forstleiter schon wieder Flächen im Blick, auf denen er Kahlschläge befürchtet. Sollte es im Herbst neue geben, könnte eine erneute Sachverhaltsdarstellung folgen. Auch auf Neuigkeiten aus Brüssel wartet das Au-Netzwerk ›beinahe täglich‹. Schließlich ist die Frist für eine Antwort Österreichs auf die Nachfragen der Kommission schon vor rund zwei Jahren abgelaufen.

›Was bei uns in der Stockerauer Au passiert, interessiert die EU nicht wirklich‹, sagt dagegen Völkl. Wenn Österreich bei Gesetzen säumig ist, sei das Sache des Staates. ›Da müssen sie mit der Republik reden und nicht mit einer kleinen Bürgermeisterin.‹ •

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