Wie es ist … eine Höhle zu erforschen
Es ist ständig kalt, du bist die ganze Zeit nass und es ist anstrengend. Die Höhle ist ein komplexes Abenteuer, bei dem man viele Dinge unter einen Hut bringen muss. Tauchen, klettern, campen – genau das macht das Höhlenforschen für mich so speziell. Den Beruf Höhlenforscher gibt es allerdings nicht, ebenso wenig wie eine staatlich anerkannte Ausbildung. Der Verband Österreichischer Höhlenforschung bietet zwar Kurse an, aber das meiste habe ich mir selbst beigebracht – bis auf das Höhlentauchen.
Angefangen hat bei mir alles mit einer winzigen Höhle auf der ›Hohen Wand‹ in Niederösterreich. Dort bin ich damals reingekrochen – alleine. Den Rucksack in einen Müllsack verpackt, damit er nicht dreckig wird, und mit nur einer Lampe. Eigentlich fahrlässig, aber jeder fängt mal dumm an. Dort stand ich dann und habe spaßeshalber mit einem Maßband die Höhle vermessen. Danach ging es relativ schnell, und ich wurde vom völligen Anfänger zum richtigen Hobby-Höhlenforscher.
Über den Verband der Österreichischen Höhlenforschung bin ich auch auf die Höhle in Niederösterreich, südlich von Sankt Pölten, gestoßen, die ich seit 2017 mit einem fünfköpfigen Team erforsche. Dort gibt es einen fast 100 Meter langen, mit Wasser gefüllten Siphon, durch den man nur tauchend kommt. Diese Mühe hat sich vor uns noch nie jemand gemacht. Vom Eingang bis zu unserem Lagerplatz sind wir zehn Stunden unterwegs – mit bis zu 40 Kilogramm schweren, klobigen Säcken voll Ausrüstung. In der sogenannten Schlammröhre – ein extrem enger und steiler Abschnitt – müssen wir damit liegend durch den Matsch rutschen und uns mühsam hochkämpfen. Allein für diese Stelle benötigen wir zwei Stunden, obwohl sie nur 100 Meter lang ist.
Das Wichtigste in solchen Situationen: keine Panik. Im Grunde gilt: Wenn du reinkommst, kommst du auch wieder raus – normalerweise. Bergab sollte man allerdings immer mit den Füßen voran. Wenn man kopfüber stecken bleibt, ist man sehr schnell tot.
Unsere längste Tour in der Höhle dauerte fünf Tage. Die Forschungsarbeit selbst – also Neuland erkunden und vermessen – ist anstrengend. Das Schlafen im Biwak finde ich aber sehr gemütlich. In meiner Jogginghose ein bisschen frieren, meine Eierspeise futtern und mich dann in die Hängematte kuscheln – ich liebe es! Ungemütlich wird es immer erst am nächsten Tag, wenn ich den nassen, stinkenden Neoprenanzug vom Vortag anziehen muss.
In einer Höhle geht es immer auch ums Überleben. Aus einer Kleinigkeit kann rasch eine brenzlige Situation entstehen. Hilfe gibt es dort unten keine. Verletzungen müssen wir selbst versorgen. Deswegen überlege ich mir schon vorab alle möglichen Szenarien. Eine blutspritzende Arterie? Dafür habe ich Kabelbinder mit.
Warum ich das alles mache? Ich wollte schon immer etwas Neues entdecken. An der Oberfläche ist das kaum noch möglich. Wenn ich unter der Erde meinen Fuß an einen Ort setze, der noch nie zuvor betreten wurde und das Licht meiner Lampe die Höhle zum ersten Mal seit Millionen von Jahren ausleuchtet, dann weiß ich: es war das Risiko schon wert. •
Zur Person:
Andreas Grammel (34) kommt aus Niederösterreich. Wenn er nicht gerade seinem regulären Job als Chemieverfahrenstechniker bei der OMV nachgeht, findet man ihn beim Paragleiten, Bergsteigen, Tauchen oder: in Höhlen.