Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung
Gedanken über öffentlich-rechtliche Romantik und das österreichische Talent, schlecht gelaunt recht zu haben.
Ich rätsle herum, was denn das ist: ›Humor‹. Die Idee, dass Humor ein Rätsel ist, verdanke ich der Fernsehserie ›Liebesg’schichten und Heiratssachen‹. Gott sei Dank gibt es im Standard ein Nest, in dem Menschen leben, die ›Liebesg’schichten und Heiratssachen‹ super finden. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass der Standard deshalb so rosafarben ist, weil das Papier sich dafür geniert.
Jedenfalls entlastet mich die Zeitung von der Schuld, als Einziger den Jammer der öffentlich-rechtlichen Partnersuche zu beklagen. Das Klagen darüber muss einfach bleiben, das Leben ist sonst schwer genug. Man sieht ja auch die Erfolge, wenn die zum Paar gewordenen Menschen einander glücklich vor der Kamera abschlecken. Die Corona-Impfung ist sicher gesünder als dieser Anblick.
Mein Trost ist die Kabarettistin Eva Maria Marold: Auf der Bühne stellt sie die Frage, wie sie denn als einsame Frau endlich zu einem Mann kommen könne: ›Für die Liebesgeschichten bin ich mir zu schade. Wenn ich mich zum Trottel machen möchte, dann‹, sagt sie professionell, ›soll das Publikum dafür zahlen‹. Mich bringt das auf die Idee, dass diese harmlosen, netten Teddybär-Menschen vielleicht eh vom ORF bezahlt werden. Aber Recherchen des Falter ergaben: Kein Skandal, die sind alle echt.
Zum Humor: Es gibt den Schauspielerwitz, in dem der Mime auftrumpft: ›Ich hatte eine große Rolle. Sie hieß: der Statist.‹ Inzwischen habe ich eine Ahnung, was jene Menschen unter Humor verstehen, die gratis fürs Fernsehen auftreten.
Aber ich will mir eine andere Überlegung nicht ersparen: Was ist Klugheit? Von Fall zu Fall jeweils etwas anderes. Die Klugheit ist konkret und aus ihren Konkretionen resultiert auf Dauer eine Grundhaltung. Ganz allgemein habe ich die Antwort auf die Frage, woran man Klugheit erkennt, dem Bundespräsidenten zu verdanken. Nicht im großen Rahmen, sondern in einem kleineren, aber doch offiziellen Rahmen hielt Van der Bellen eine Rede, die auch mich betraf: Ich wurde Mitglied des Kunstsenats und erhielt das Goldene Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Ich war nicht der Einzige, den man so auszeichnete, aber für meine Eitelkeit reichte es. Die Eitelkeit verhindert Gott sei Dank wenigstens meinen berechtigten Zweifel daran, dass ich in einen Senat aufgenommen wurde, dem Größen wie Peter Kubelka oder Gerhard Rühm angehören.
Ich dachte, jetzt, mit einem Ehrenkreuz bedacht, bin ich alt. Ich dachte auch, dass die ausgezeichneten Alten in der Feierstunde des Jahres 2025 jünger geworden sind: Zu meiner Zeit hatten solche Menschen etwas Arthur-Schnitzler-haftes, heute sind wir schon Doderer-Figuren.
Das ›Österreichische‹ – was immer es auch ist, es hat mit Ironie zu tun. Ich lese mir jeden Morgen zur Stärkung meines Patriotismus die Passage aus Doderers ›Strudlhofstiege‹ über die Mühle und den Müller vor. Nach Doderer klappert nämlich die Mühle gar nicht. Das sei nur, spricht der Dichter, ›eine Erfindung sangesfroher Gesellen, bei denen ich für mein Teil mich keineswegs niederlassen möchte, und je mehr Lieder sie haben desto weniger. Die Mühle klappert nicht. Sie rumpelt, rattert und vibriert.‹ Was für eine geniale Mischung aus schlechter Laune, genannt Grant, Rechthaben und ironischer Selbstbelustigung.
Doderer delegitimiert und demontiert ein Volkslied: ›Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, / klipp klapp, bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach, / klipp klapp.‹ Doderers Text beweist, dass man Witz haben und zugleich schlecht gelaunt sein kann. Er beweist, dass man unbedingt recht haben will, vor allem gegen das gemeinhin Akzeptierte, dass aber auch andere etwas davon haben können, wenn ein Narziss einmal recht hat.
Die Klugheit, die Van der Bellen zum Besten gibt, entnehme ich seiner dreistufigen Rede angesichts der Ehrenkreuzverteilung. Erstens begegnete er der Feierlichkeit durchaus mit Ironie: Wenn Menschen einander ›aus der Masse‹ herausheben, ist das durchaus ironiefähig. Zweitens war er sich selbst gegenüber ironisch: Ohne seine Mitarbeiter, sagte er, würde es in der Hofburg nicht gut laufen – er selbst sei ja ›nur der Präsident‹.
Drittens wusste er durchaus, wann Pathos angebracht ist. Das heißt: Im Notfall würde er nie den Ernst der Lage verkennen. Um Gottes willen, Van der Bellen ist viel klüger, als er im Fernsehen erscheinen darf, wenn er als aufmunternder Mahner das Wort zum großen Publikum richtet.
Selbstironie scheint mir stets passend, auch wenn sie nur ausgeartete Eitelkeit sein mag: nicht unbedingt glanzvoll, aber man bleibt bei aller Selbstironie im Mittelpunkt. Unironische Selbstkritik würde alles noch schlimmer machen. Selbstironiker können sich mit dem Argument verteidigen, dass sie sich wunderbarerweise nicht ›so ernst‹ nehmen. Aber das ist die Crux. Wie kann man anderen zumuten, dass man nicht einmal sich selbst ernst nimmt. Den Nachdruck meiner Ernsthaftigkeit verdient der Gesprächspartner.
Andererseits kenne ich jemanden, der sich im Beobachten der allgemeinen Komödie der Eitelkeit gut gefällt, aber nicht bemerkt, wie sehr er selber ein Teil davon ist. Dieser Mensch hat keinen Humor. Er müsste wenigstens ironiefähig sein, um den Ansprüchen zu genügen, die er an andere stellt. Aber er ist – im Ernst – immer der Beste. Immer ist er besser dran als die Deppen, die aus ihren Verwicklungen und ihren stumpfsinnigen Wickeln nicht herauskommen.
Ich weiß also, was die Menschen auf der fernsehgerechten Suche nach Liebe unter Humor verstehen. Das Fernsehen ist einfach gestrickt und ›Humor‹ ist für ›die breite Masse‹ schlicht ›gute Laune‹. Schlecht aufgelegt ist man selber, und am ehesten kommt die gute Laune von außen, als Injektion von einem Partner, der alleweil happy ist.
Es könnte mit dem Humor komplizierter sein, dachte ich, als ich Florian Silbereisen im Fernsehen hörte, wie er von Andy Borg – im Ernst – sagte, der Andy Borg, der hätte den ›Wiener Schmäh‹ gepachtet. Silbereisen gehört zur Kulturindustrie des deutschen Schlagers, zu einer Großfirma, die unermüdlich fürs Fernsehen produziert. Er ist der zweitschlechteste deutsche Schauspieler, was er in der Fernsehserie ›Traumschiff‹ als Kapitän beweist.
Das Traumschiff beschäftigt auch Harald Schmidt, den zweitschlechtesten deutschen Entertainer. Vom Satiriker Schmidt hat man allerdings die Verachtung für das gelernt, was er jetzt selber tut und womit er sich und die deutsche Verblödungsindustrie bereichert. Schmidt möge – keine Ironie – in Ruhe und Frieden sein hohes Honorar einstecken, und er verachte heiter die Trotteln, die im ganzen Jahr nicht so viel verdienen wie er am Tag, und die auch im Novemberwetter zur Arbeit eilen und nicht in der Karibik kreuzen müssen. Er hat es sich verdient. •