Sagen Sie niemals Speicherteich zu ihm
Den Skigebieten geht der Schnee aus. Für die künstliche Beschneiung sprengen sie immer mehr Wasserreservoirs ins Gebirge. Was macht das mit dem alpinen Ökosystem?
In Cortina d’Ampezzo, unweit der olympischen Abfahrtpiste Tofana, eingebettet in einem Nadelwald, liegt ein Teich. Glaubt man der Beschreibung auf der Website, ist er ein Touristenmagnet. Denn er verfügt über ›bezaubernden Charme‹, vor allem aufgrund seiner ›besonderen Herzform‹. Und ja, mit viel Fantasie sieht Po’ Druscié aus der Vogelperspektive tatsächlich aus wie ein Herz. Doch bei dem Teich handelt es sich um kein Naturgewässer, sondern um eine menschengemachte Notwendigkeit. In ihm werden 96 Millionen Liter Wasser gesammelt, die zu Kunstschnee werden: die Grundlage, damit die Olympioniken um Abfahrtsgold die Piste hinabjagen konnten.
Nicht nur alle olympischen Sportstätten wurden künstlich beschneit, sondern auch 90 Prozent der Pisten im Land. Zu diesem Zweck wurden inzwischen 165 Wasserreservoirs in das Gebirge gesprengt oder aus dem Boden gebaggert. Auch Österreichs Skigebiete brauchen sie. Planungsbüros und Erdbauunternehmen verdienen an ihrer Errichtung. Betreiber von Skigebieten flankieren sie mit Liegesesseln. Touristiker preisen sie an, als Teiche, die sich so in die Landschaft einfügen würden, als wären sie schon immer da. Forscher und Umweltschützer warnen vor zerstörten Berglandschaften und gestörten Bächen: Was passiert da gerade?
Durch die Erderwärmung schrumpfen die Zeiträume, in denen Schnee-Erzeuger laufen können. Gebiete brauchen in kürzeren Zeiträumen große Mengen an Wasser, um vor und während der Saison Schnee zu produzieren – und Reservoirs, um es zu speichern. Dafür reißen sie große Mulden in die Landschaft und zapfen Gewässer an, von denen viele bereits stark unter menschlichem Einfluss leiden. Mit der Klimaanpassung steigert die Wintertourismusindustrie den Druck auf eine Ressource, die in einer immer wärmeren Zukunft knapper wird: das Wasser.
›Wer sieht, wie diese Wasserreservoirs errichtet werden, merkt, dass sie nichts mit natürlichen Gewässern zu tun haben‹, sagt Johannes Kostenzer. Der 61-Jährige ist Umweltanwalt des Landes Tirol. Er hat Parteistellung bei umweltrechtlichen Gerichtsverfahren, darf im Sinne der Natur und kommender Generationen auch Beschwerde einreichen. Bevor es dazu kommt, sitzt er oft an einem Tisch in seinem Innsbrucker Büro mit Vertretern von Planungsbüros und Seilbahnbetreibern zusammen, die neue Reservoirs bauen wollen. Kostenzer sagt: Sie werden jährlich mehr.
455 Stück zählte der Seilbahn-Fachverband in der Österreichischen Wirtschaftskammer (WKO) vor drei Jahren. In die größten passen mehr als 400 Millionen Liter Wasser, fast genug, um den Zicksee im Seewinkel zu füllen.
›Skigebiete mit neu errichteten Beschneiungsanlagen sind nahezu alpine Industriezonen‹, sagt Kostenzer. Sie verfügen über lange Leitungsnetzwerke für Druckluft, Wasser und Strom, Rückhaltebecken, Entnahmebauwerke, Pumpstationen, Betriebsgebäude, Kühlturmanlagen und eben Wasserreservoirs. Dafür wird viel Material bewegt. Am Stubaier Gletscher zündete man 20 Tonnen Sprengstoff und hob 80.000 Kubikmeter Felsen aus, um ein neues Reservoir zu bauen. Die Mulden bedeckt man in der Regel mit Schichten aus Vlies, Schotter und Kunststoff-Folie. ›Meistens dichtet man auch noch mit einer Asphaltdecke ab‹, berichtet der Biologe.
Den Aufwand soll man nicht sehen. ›Wir planen Speicherteiche, die auf Laien so wirken, als wären sie Bergseen, die immer schon dagewesen sind‹, erzählt Christian Weiler. Der 56-Jährige ist Co-Geschäftsführer von Klenkhart & Partner, einem Unternehmen mit Sitz im Tiroler Absam, das bereits 120 Reservoirs geplant hat. ›Früher, als man noch punktuell beschneit hat, entnahm man das Wasser aus benachbarten Bächen‹, erzählt er. Mittlerweile plant sein Unternehmen oft große Reservoirs dort, wo einmal kleinere waren. Viele Betreiber wollen mit einem Reservoir die gesamte Beschneiungsanlage im Gebiet versorgen. Das ist ein wirtschaftlicher Vorteil in Zeiten, in denen es immer seltener kalt genug ist, um Propellermaschinen und Schneilanzen einzuschalten. Viel Wasser bevorratet zu haben erlaubt flexibel Schnee zu produzieren – und das vor und während der Skisaison.
Weil immer mehr Reservoirs entstehen, gibt es kaum mehr mögliche Standorte, an denen keine besonders hochwertigen Biotope zerstört werden. ›Jeder neue Bau bedeutet problematische Eingriffe im Hochgebirge‹, mahnt Johannes Kostenzer. Immer öfter wollen Gebiete in natürlichen Mulden im Hochgebirge bauen, in denen sich Moorbereiche befinden. So etwa 2018, als die Silvretta-Montafon-Holding den ›Schwarzköpfle-See‹ in ein Kar mit einem Hochmoor plante. Dort sei eine Senke, sagte damals dessen Geschäftsführer Peter Marko: ›Die muss man nur ausbaggern. Dann sieht man nur noch einen natürlichen Bergsee.‹ Nach heftigen Einwänden sagte das Gebiet das Projekt schließlich ab. Doch auch in den vergangenen Jahren waren immer wieder Moorbereiche durch den Bau oder die Erweiterung von Beschneiungsanlagen betroffen. Das berichtet neben anderen etwa die Salzburger Umweltanwaltschaft.
Auch auf Bergkuppen entstanden Reservoirs. Mit ihren weißen, abgerundeten Wällen sähen sie aus wie Klobrillen, scherzen manche. ›Wir planen nur in den seltensten Fällen auf einer Kuppe‹, sagt Christian Weiler, ›sondern eher auf darunter liegenden Hangrücken.‹ Das sei ein Vorteil. Denn je höher das Wasser, desto effizienter kann man es zu den darunter liegenden Schneeerzeugern leiten.
Vor dem ersten Spatenstich stellen Betreiber einen Antrag auf eine naturschutzrechtliche Bewilligung, die je nach Bundesland andere Stellen ausstellen. Nachdem die Unterlagen geprüft wurden, folgen Gutachten, Lokalaugenschein und Verhandlung. Mit der Bewilligung kann die Behörde Maßnahmen vorschreiben, um Schäden für die Natur zu begrenzen. Christian Weiler erzählt, bei den meisten der Reservoirs, die sein Unternehmen geplant hat, habe man in der Nähe kleine Biotope, etwa Teiche, angelegt. Vor dem Bau würde man zudem Gras und Erde in Blöcken abtragen und damit die Wälle bedecken. Fassen die Reservoirs mehr als 275 Millionen Liter Wasser, ist eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) Pflicht.
Doch: Wie viel Wasser braucht es dafür und woher kommt es? Vor fünf Jahren beantworteten Experten des Ministeriums für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (BMLUK) diese Frage. Sie durchforsteten auch die Wasserbücher: öffentliche Register, in denen vermerkt ist, wie viel aus welchen Quellen entnommen werden darf. Das Ergebnis: 48 Milliarden Liter landen auf heimischen Pisten. Genug, um den Fuschlsee halbvoll zu füllen.
Wie einst, als sich in den noch kleineren Reservoirs sammelte, was in ihrem Einzugsgebiet rund ums Jahr vom Himmel fiel, ist es heute nicht mehr. ›Im vergangenen Jahrzehnt hat sich das massiv verändert. Das Wasser, das aus dem Einzugsgebiet der Reservoirs anfällt, ist der geringere Anteil‹, beobachtet Johannes Kostenzer. Ein Zehntel dessen, was auf Pisten landet, war einst Grundwasser. Der Rest, 43 Milliarden Liter, stammt aus Oberflächengewässern. Das bedeutet, es floss durch Bäche oder Flüsse, befand sich in Teichen oder Seen. ›Viele Tiroler Speicherseen werden befüllt, indem Wasser aus Bächen und Flüssen bis zu tausend Höhenmeter nach oben gepumpt wird‹, so der Tiroler Umweltanwalt.
Ein Großteil dessen, was sich in Po’ Druscié sammelt, floss zuvor durch den Fluss Boite. Silverio Lacedelli, ein Umweltaktivist aus Cortina, hat zusammengetragen, wie viel Wasser das Skigebiet braucht. 98 Liter Wasser pro Sekunde schluckt dessen Beschneiungsanlage, berichtet er Anfang Februar. ›Seit kurzem läuft sie rund um die Uhr.‹ In Livigno, wo sich Snowboarder und Freestyle-Skifahrer messen, dürfen dieses Jahr bis zu 1,4 Milliarden Liter aus dem Gebirgsfluss Spöl entnommen werden. Dort, wie auch in Antholz und Bormio, entstanden vor den olympischen Winterspielen neue Reservoirs.
In Italien wie in Österreich muss die Wasserentnahme bewilligt werden. Wer den Antrag hierzulande bearbeitet, unterscheidet sich je nach Bundesland. Der Ablauf ist wie folgt: Die Behörde unterzieht den Antrag des Betreibers einer Vorprüfung. Danach gibt es eine wasserrechtliche Verhandlung, auf der man Umweltfolgen diskutiert. Mit der Bewilligung schreibt die Behörde dann auch vor, wie viel Wasser wann entnommen werden darf und wie viel Restwasser bleiben muss. In Tirol beispielsweise gilt die Bewilligung für Beschneiungsanlagen 25 Jahre, bevor erneut geprüft und fallweise angepasst wird.
›Die Nutzungsanforderungen an kleine Bäche nehmen zu‹, sagt Franz Greimel von der Universität für Bodenkultur in Wien (BOKU). Der Ökohydrologe hat gemeinsam mit Biologen den Zustand kleiner Bäche im Osten des Landes erhoben. Ein großes Problem, erklärt der 43-Jährige, sind fehlende Informationen: ›Man weiß oft gar nicht genau, wie hoch das Wasserdargebot ist. Dabei braucht es das, um zu wissen, ob die Entnahme überhaupt möglich ist.‹ Die Erderwärmung schwächt die Lebensnetzwerke in kleinen Bächen bereits merklich. Jede Entnahme ist ein weiterer Stressfaktor. Franz Greimel plädiert deswegen für weitläufigere, längere Messungen und ein digitales Wasser-Dashboard. Schließlich gehöre das Nass allen. Da sollte jeder sehen können, wer es verbraucht.
Auch Georg Niedrist von der Universität Innsbruck widmet sich seit vielen Jahren Fließgewässern, vor allem denen in Tirol. Seine Forschung zeigte, dass sich die Gewässer merklich erwärmen. Die Restwassermenge, die vorgegeben ist, bemisst sich an einem Extremwert. Konkret etwa am niedrigsten Wert, den Bach oder Fluss in einer gewissen Anzahl von Jahren führte. ›Deshalb ist die Restwassermenge sozusagen eine Mindestabsicherung und garantiert nicht unbedingt, dass die Entnahme auch ökologisch unbedenklich ist‹, erklärt der Gewässerökologe. Weniger Wasser in einem Bach bedeutet, dass dieser seichter wird und sich schneller erwärmt. ›Das sind Prozesse, die sich von selbst verstärken‹, sagt Niedrist.
Das Land Tirol schreibt auf Nachfrage, man verzeichne keine ›signifikante Zunahme‹ der Wasserentnahme aus Bächen und Flüssen. Dennoch sei in den vergangenen Jahren der Wasserbedarf für den Skibetrieb gestiegen. Gebiete füllen die ›Speicherteiche‹ vornehmlich mehrfach im Jahr nach, und zwar ›vor allem in Zeiten höherer Abflüsse, aber auch durch die Wiederverwendung von Schmelzwässern‹, heißt es aus der Pressestelle des Landes Tirol.
Während das geschieht, verändert die Erderwärmung hydrologische Prozesse. Manche Tiroler Gebirgsbäche führen bereits im Spätsommer kaum oder gar kein Wasser mehr, berichtet Gewässerökologe Niedrist: ›Wir sehen das bereits in kleinen Einzugsgebieten und es wird zunehmen.‹ So verändern sich die Bedingungen, an die Wasserpflanzen, Insekten und Fische angepasst sind. Viele alpine Fließgewässer sind bereits belastet, etwa durch Verbauungen oder stoffliche Einträge wie Nährstoffe aus der landwirtschaftlichen Düngung. Selbst wenn die Wasserentnahme wenig erscheint, können die vielen Belastungen sich summieren und Gewässer an ihre Belastungsgrenzen bringen.
Der Druck aufs Wasser steigt und wird es laut der BMLUK-Studie weiter tun. Mitte des Jahrhunderts werden dann 65 Milliarden Liter Wasser auf den Pisten landen – mehr als in den Mattsee passen. Bis zu zehn Milliarden Liter stammen dann aus Brunnen und Quellen, also dem Grundwasser. ›Regional kann es auch zu einem verstärkten Einsatz von Grundwasser für die Beschneiung kommen‹, steht in der Studie. Die Grundwasser-Ressourcen könnten bis dahin um fast ein Viertel sinken.
Italien hat bereits Probleme. Nach dem Dürrejahr 2022 und dem trockenen Winter verordnete die Südtiroler Landesregierung Ende März 2023 ein Beschneiverbot. Laut dem Forschungsinstitut Eurac Research brauchen Südtiroler Schnee-Erzeuger bis zu 10 Milliarden Liter. Das sind 12 Prozent dessen, was in ganz Südtirol an Trinkwasser verbraucht wird. Umweltschützer sprechen hinter vorgehaltener Hand von einem Wasserkampf. In Tesero, wo die olympischen Langlaufbewerbe stattfanden, zapft man Trinkwasserbrunnen für den Schnee auf den Loipen an.
Christian Weiler von Klenkhart & Partner glaubt nicht, dass der Skibetrieb in Zukunft mehr Wasser brauchen wird. ›Der Trend geht genau in die andere Richtung‹, sagt er. Betreiber würden sich bemühen, sparsamer damit umzugehen. ›Wir werden in Zukunft ein vernünftiges Wassermanagement haben und viele größere Speicherteiche, die bei der Schneeschmelze im Frühjahr befüllt werden‹, glaubt Weiler. Immer mehr Gebiete messen unter anderem laufend, wo wieviel Schnee auf den Pisten liegt, um ressourcenschonender zu beschneien. Die Richtung stimmt – meint zumindest der Unternehmer.
Die Forschung zeigt hingegen: Die Temperaturen werden weiter steigen. Und damit werden wohl noch mehr Reservoirs entstehen. Der Mensch wird weiter in die Natur eingreifen und so verschieben, was wir natürlich nennen. Den Zustand, den die Natur in unserer Kindheit hatte, empfinden wir als normal. Die Kinder von heute spazieren um Reservoirs im Hochgebirge und nennen sie Speicherteiche. So verändert sich mit den Generationen unser Bild von Natürlichkeit. Das nennt sich Shifting-Baseline-Syndrom. Um ihm entgegenzuwirken, kann man sich klarmachen: Das, was ins Gebirge gebaut wurde und wird, sind keine Teiche, sondern betonierte Betriebsabsicherungen. Auch jene, die ein bisschen so aussehen wie ein Herz. •