Und was, wenn sie es abschalten?
›Mythos‹, ein leistungsfähiges neues KI-Werkzeug, demonstriert eine unbequeme Wahrheit: Die Technologien, auf die Europa für seine digitale Sicherheit angewiesen ist, kontrollieren andere.
Die meisten Österreicherinnen und Österreicher haben wahrscheinlich noch nie von der Cybersecurity-Behörde ENISA gehört. Nur wenige werden den ›Cybersecurity Act 2‹ jemals lesen. Und noch weniger wissen vermutlich, was eine ›Zero-Day-Vulnerability‹ ist.
Was all das mit ihrem Alltag zu tun hat, werden sie allerdings sehr schnell merken, wenn eine Sicherheitslücke plötzlich ganz konkrete Folgen hat: wenn der Bankomat nicht mehr funktioniert, weil ein Cyberangriff die IT-Infrastruktur der Bank lahmgelegt hat. Wenn das Krankenhaus sie abweist, weil die Patientendaten nicht verfügbar sind. Wenn die Supermarktregale leer bleiben, weil die Logistiksoftware außer Betrieb gesetzt wurde. Wenn in einer Jännernacht die Heizung ausfällt, weil die Steuerungssysteme des Energienetzes nicht erreichbar sind.
Wie ernst solche Szenarien inzwischen genommen werden, zeigte sich Anfang Mai 2026, als 30 Mitglieder des Europäischen Parlaments sich in einem offenen Brief an die Europäische Kommission wandten. Schon der allererste Satz klang dramatisch: ›Ein Wettlauf gegen die Zeit hat begonnen, und Europa ist nicht vorbereitet.‹
Auslöser war ›Claude Mythos‹, ein neues KI-Modell, das vom US-Unternehmen ›Anthropic‹ entwickelt wurde und wohl das disruptivste Cybersicherheitswerkzeug ist, das je gebaut wurde. Als Anthropics eigene Sicherheitsforscher es intern testeten, stellten sie fest, dass Mythos selbstständig Tausende bislang unbekannte Schwachstellen in allen wichtigen Betriebssystemen und Webbrowsern identifizieren und sofort funktionierende Exploits – also Wege, diese Schwachstellen auszunutzen – dafür generieren konnte. Einige dieser Fehler hatten jahrzehntelang unentdeckt in weit verbreiteter Software geschlummert: ein 27 Jahre alter Fehler im Betriebssystem ›OpenBSD‹, eine 16 Jahre alte Schwachstelle in einer Videoverarbeitungsbibliothek, die von Milliarden Geräten genutzt wird. Mythos fand solche sogenannten ›Zero-Day‹-Schwachstellen ohne menschliche Anleitung, innerhalb der Zeit, die eine einfache Suchanfrage benötigt.
Zero-Day-Schwachstellen sind Sicherheitslücken, die bislang nicht bekannt und deshalb auch nicht behoben sind. Der Name verweist darauf, dass die Entwickler keinen zeitlichen Vorsprung haben, um die Lücke zu schließen, bevor sie ausgenutzt werden kann. Solche Schwachstellen sind die wertvollste Währung in der digitalen Kriegsführung: Wer sie zuerst findet, kann sie unsichtbar gegen jedes System nutzen, auf dem die verwundbare Software läuft. Was Mythos beunruhigend machte, war nicht allein, dass es diese Schwachstellen finden konnte. Es waren das Ausmaß und die Geschwindigkeit: Es fand selbstständig Tausende davon, und das sogar in Software, die als besonders sicher und gut getestet galt.
Anthropic kam zum Schluss, dass das Modell für eine allgemeine Veröffentlichung zu gefährlich sei, und beschränkte den Zugang im Rahmen einer Initiative namens ›Project Glasswing‹ auf rund vierzig handverlesene Organisationen: US-Technologiekonzerne, darunter Amazon, Apple, Microsoft und Google. Europa stand nicht auf der Liste.
Was darauf folgte, zeigt in komprimierter Form genau, wie digitale Abhängigkeit in der Praxis funktioniert.
Nach wochenlangen Verhandlungen erklärte sich Anthropic Anfang Juni bereit, ENISA, der Cybersicherheitsagentur der EU, Zugang zu gewähren, womit sie die erste europäische Institution wurde, die in Project Glasswing aufgenommen wurde. Wenige Tage später erließ das US-Handelsministerium eine Exportkontrollanordnung, die Anthropic anwies, den Zugang zu Mythos für alle ausländischen Staatsangehörigen überall auf der Welt auszusetzen. Als Begründung wurden Bedenken hinsichtlich der nationalen Sicherheit und Berichte über einen ›Jailbreak‹ genannt, mit dem sich die Sicherheitsvorkehrungen des Modells umgehen ließen.
Weil Anthropic die Nutzer nicht zuverlässig auf ihre Staatsangehörigkeit überprüfen konnte, deaktivierte es das Modell für alle, Berichten zufolge auch für die US-amerikanische National Security Agency. Die EU hatte also zunächst Zugang erhalten, nur um ihn innerhalb weniger Tage wieder zu verlieren. Anfang Juli hob das US-Handelsministerium die Beschränkung wieder auf, wobei der Zugang weiterhin auf eine kleine Gruppe überprüfter Organisationen beschränkt blieb. Über die genauen Bedingungen für den Zugang der ENISA wird noch verhandelt.
Selten wurde die Dynamik so deutlich sichtbar: Der Zugang zu einem Werkzeug mit direkten Auswirkungen auf die europäische Sicherheitsinfrastruktur wurde nicht durch einen Vertrag und nicht durch ein Gesetz entschieden, sondern von einem privaten Unternehmen in Kalifornien – und entsprechend der wechselnden Prioritäten Washingtons wieder entzogen und erneut gewährt.
Zu den Unterzeichnern des Briefes an die Europäische Kommission gehörte die tschechische Europaabgeordnete Markéta Gregorová, die sich auch in der Plenardebatte über KI und Cybersicherheit im EU-Parlament in Straßburg zu Wort meldete. Gregorová ist Berichterstatterin des Parlaments für den ›Cybersecurity Act 2‹ im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie, also jene Person, die das Gesetz auf parlamentarischer Seite vorantreibt und verhandelt. Sie vertritt die ›Tschechische Piratenpartei‹, eine Bewegung, die auf digitalen Rechten, Transparenz und der Ablehnung von Massenüberwachung aufbaut und gewählte Vertreter in ganz Europa hat. Ihr Motto lautet: ›Das Internet ist unser Meer.‹
Die Mythos-Episode, sagt Gregorová gegenüber DATUM, lese sie ›weniger als bewusste Brüskierung Europas, sondern vielmehr als kommerzielle und sicherheitspolitische Entscheidung‹. Aber der Effekt ist derselbe: Beim Zugang zu den modernsten defensiven Werkzeugen bestimme Europa derzeit nicht die Spielregeln, sondern müsse sich nach den Vorgaben anderer richten.
Der Zeitpunkt hätte kaum symbolträchtiger sein können. Seit Jahren positioniert sich die EU als weltweit einflussreichster digitaler Regulator und prägt die globalen Debatten durch die DSGVO, das weltweit erste umfassende Datenschutzgesetz. Dieses Gesetz zwingt jedes in Europa tätige Unternehmen dazu, strenge Standards dafür einzuhalten, wie personenbezogene Daten erhoben, gespeichert und verwendet werden. Außerdem gibt es weitere Regulative wie den ›AI Act‹, den ›Digital Services Act‹ und eine ganze Reihe anderer Gesetze.
Doch die Mythos-Episode zeigt die Grenzen der Regulierung in einer Welt, in der technologische Fähigkeiten in den Händen einer kleinen Zahl privater Unternehmen konzentriert sind. Während die EU noch über den Zugang zu Mythos verhandelte, hatte OpenAI ihr bereits im Mai Zugang zu seinem eigenen auf Cybersicherheit ausgerichteten Modell GPT-5.5-Cyber gewährt: Auch hier war Europa wieder abhängig vom Wohlwollen eines einzelnen US-amerikanischen Unternehmens.
Die eingangs geschilderten Folgen von Cyberattacken sind keineswegs hypothetische Szenarien. Im September 2020 zwang ein Ransomware-Angriff das Universitätsklinikum Düsseldorf dazu, seine Notaufnahme zu schließen. Eine Frau in kritischem Zustand starb, nachdem ihr Krankenwagen in eine andere Klinik umgeleitet worden war – einer der ersten dokumentierten Fälle, in denen ein Cyberangriff unmittelbar ein Menschenleben kostete. Im Mai 2021 griff eine Ransomware-Gruppe namens ›Conti‹ den irischen nationalen Gesundheitsdienst an und legte landesweit sämtliche IT-Systeme lahm. Krankenhäuser sagten Termine ab, schalteten Diagnosegeräte ab und griffen wochenlang wieder auf Papierakten zurück. Die Wiederherstellung kostete schätzungsweise hundert Millionen Euro. 2022 wurde schließlich das Krankenhaus von Corbeil-Essonnes nahe Paris angegriffen. Nachdem es sich geweigert hatte, Lösegeld zu bezahlen, veröffentlichten die Erpresser sensible Krankenakten, darunter Diagnosen, Behandlungen und persönliche Daten.
Mit dem Einsatz von KI könnten solche Angriffe eine neue Größenordnung erreichen. ›KI verändert vor allem die Geschwindigkeit und das Ausmaß, mit denen Schwachstellen gefunden und ausgenutzt werden‹, sagt die EU-Abgeordnete Markéta Gregorová. ›Für gewöhnliche Bürger fühlt es sich daher dann so an, als würde die Infrastruktur einfach nicht mehr funktionieren, ohne dass es einen offensichtlichen Feind gibt, der dafür verantwortlich ist.‹
Die Mythos-Episode brachte eine Debatte auf den Punkt, die in Brüssel seit Jahren geführt wird. Politische Entscheidungsträger fragen nicht mehr nur, wie europäische Netzwerke gegen Hacker verteidigt werden können. Sie stellen eine grundlegendere Frage: Kann Europa digital souverän bleiben, wenn die Technologien, die es absichern, anderswo kontrolliert werden?
›Regulierung prägt Verhalten und kann andere dazu zwingen, europäische Bedingungen zu erfüllen, wenn sie Zugang zum Markt wollen, und das schafft tatsächlich Einfluss‹, sagt Gregorová. ›Aber Einfluss ist nicht gleich technologische Leistungsfähigkeit.‹ Europa kann Standards festlegen, Sicherheitsmaßnahmen vorschreiben und Wettbewerbsregeln durchsetzen. Doch durch Regulierung entstünde weder ein ›Hyperscaler‹, sagt Gregorová, also eine riesige Infrastruktur aus Rechenzentren, Servern und Netzwerken, noch eine führende Chipfabrik.
Bei zentralen Technologien – Cloud-Computing, fortschrittliche Chips, führende KI-Modelle – ist Europa nach wie vor stark von den USA und, in geringerem Ausmaß, von China abhängig. Damit digitale Souveränität in der Praxis etwas bedeutet, braucht es laut Gregorová ›genug Kontrolle über kritische Infrastruktur, Daten und Standards, sodass Europa nicht von demjenigen, dem die zugrunde liegende Technologie gehört, unter Druck gesetzt, abgeschnitten oder heimlich überwacht werden kann.‹ Es gehe weniger darum, alles selbst zu produzieren, sondern vielmehr darum, jene strategischen Abhängigkeiten zu verringern, die andere gegen Europa einsetzen könnten.
Der Vergleich, der in Brüssel häufig gezogen wird, ist Europas Abhängigkeit von russischem Gas. Nach dem Einmarsch in die Ukraine handelten Regierungen rasch, um ihre Versorgung zu diversifizieren. Bei digitaler Technologie sei ein solcher Kurswechsel deutlich schwieriger, sagt Gregorová. Einen Gaslieferanten könne man vergleichsweise rasch ersetzen. Eigene Cloud-Infrastrukturen, Chipproduktion oder konkurrenzfähige KI-Systeme dagegen ließen sich nicht kurzfristig aufbauen.
Der Cybersecurity Act 2, den die Kommission im Jänner 2026 vorgeschlagen hat, ist die wichtigste gesetzgeberische Antwort auf diese Problematik. Er konzentriert sich auf Widerstandsfähigkeit statt auf Unabhängigkeit. Erstmals soll ein EU-weiter Rahmen geschaffen werden, um Sicherheitsrisiken in den Lieferketten zu bewerten und einzudämmen. Technologieanbieter aus Drittstaaten, die als besonders risikoreich eingestuft werden, könnten dadurch eingeschränkt oder ausgeschlossen werden. Zugleich soll die Rolle der ENISA mit einer Budgeterhöhung um mehr als 75 Prozent auf rund 341 Millionen Euro über sieben Jahre gestärkt werden. Mit einer politischen Einigung wird allerdings nicht vor Ende 2026 oder Anfang 2027 gerechnet.
Robert Lamprecht setzt sich mit der Problematik unmittelbarer auseinander. Er ist Cybersecurity-Partner von KPMG Österreich, der hiesigen Zweigstelle eines weltweiten Netzwerks von Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen. Außerdem ist Lamprecht Co-Autor der jährlichen Studie ›Cybersecurity in Österreich‹, der umfassendsten heimischen Erhebung ihrer Art, die auf Selbstauskünften von Hunderten österreichischen Unternehmen basiert.
Die Zahlen der Studie sind bemerkenswert: In Österreich ist mittlerweile etwa jeder achte Cyberangriff erfolgreich – Angreifer schaffen es etwa, Systeme zu verschlüsseln und Lösegeld zu erpressen, sensible Daten zu stehlen oder Betriebsabläufe zu stören. Zugleich stammen fast 70 Prozent der Cybersicherheitslösungen, die österreichische Unternehmen einsetzen, von außereuropäischen Anbietern. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen gibt an, dass ihr Betrieb innerhalb von drei Monaten zum Erliegen käme, wenn diese Systeme plötzlich abgeschaltet oder aus politischen Gründen deaktiviert würden. Dabei würden 60 Prozent Lösungen ›Made in Austria‹ oder zumindest ›Made in EU‹ bevorzugen. Die Nachfrage ist also vorhanden. Das Angebot in der nötigen Größenordnung nicht.
Künstliche Intelligenz wirke dabei vor allem als Beschleuniger, sagt Lamprecht. Damit breche sie mit einer von ihm so genannten ›goldenen Regel der IT-Sicherheit‹, dass Qualität Zeit braucht. Ein ausgefeilter, gezielter Angriff auf ein bestimmtes Unternehmen habe früher wochenlange Vorbereitung erfordert: das Ziel recherchieren, Einstiegspunkte identifizieren, überzeugende Vorgehensweisen entwickeln. Heute füttert ein Angreifer eine KI mit öffentlich verfügbaren Informationen und, wie Lamprecht es ausdrückt, ›lässt das System im Sekundentakt perfekte, hochgradig personalisierte Angriffe ausspucken‹.
KI macht aber nicht nur technische Angriffe schneller, sondern auch Täuschungsversuche überzeugender. Die holprigen, maschinell übersetzten Phishing-E-Mails von vor fünf Jahren werden durch Deepfake-Videobotschaften ersetzt, die vom echten CEO eines Unternehmens nicht zu unterscheiden sind und zu dringenden Überweisungen auffordern. In sechs von zehn österreichischen Unternehmen haben Mitarbeiter bereits sensible Unternehmensdaten in KI-Werkzeuge hochgeladen, ohne darüber nachzudenken, was danach damit geschieht.
Die Achillesferse sind nach Lamprechts Einschätzung aber nicht die großen Unternehmen, die Millionen für ihre eigene Verteidigung ausgeben, sondern deren Lieferketten – also genau jene Schwachstelle, die der Cybersecurity Act 2 stärker in den Blick nehmen soll. Bei fast 40 Prozent der erfolgreichen Angriffe auf österreichische Unternehmen im vergangenen Jahr lag der Einstiegspunkt nicht beim Unternehmen selbst, sondern bei einem kleineren Zulieferer oder Dienstleister mit lückenhafter Sicherheit.
Raffinierte Einbrecher dringen nur selten durch die Haustür ein. Sie finden das unverschlossene Fenster auf der Rückseite des Gebäudes, nisten sich monatelang in der IT-Infrastruktur ein, überwachen Daten, schleusen sie hinaus und warten auf den strategisch optimalen Moment. Wenn der Angriff sichtbar wird, ist der Eindringling oft schon sehr lange im System.
Bei der Debatte über Cybersicherheit geht es letztlich nicht nur um Hacker oder Software, sondern um Machtpolitik. Während des Kalten Krieges beruhte strategischer Einfluss auf Öl, Industrieproduktion und militärischer Stärke. Heute, sagt Gregorová, übernehmen Rechenleistung, Daten und die Chipproduktion eine ähnliche Funktion: ›Wer die Infrastruktur besitzt, legt die Bedingungen für alles fest, das darauf aufbaut.‹
Die französische Großbank ›BNP Paribas‹ und das französische KI-Unternehmen ›Mistral AI‹ arbeiten inzwischen an einer europäischen Alternative zu Mythos – unabhängig davon, auf welche Bedingungen sich ENISA letztlich mit Anthropic einigt. Für Lamprecht liegt die Antwort jedenfalls nicht in der Isolation. Internationale Zusammenarbeit bleibe unerlässlich. Zugleich müsse Europa in seine eigenen Fähigkeiten investieren: in Forschung, in die Ausbildung von Fachkräften, in kritische Infrastruktur und in Cybersicherheitskompetenz, die nicht von US-amerikanischen Entscheidungen abhängig ist.
Ob die derzeitigen gesetzgeberischen Bemühungen ausreichen werden, bleibt ungewiss. ›Das Zeitfenster wird kleiner, und die Entwicklung der KI-Fähigkeiten verkürzt es noch weiter‹, sagt Gregorová. ›Die unangenehme, aber realistische Erwartung ist, dass Europa letztlich erst durch eine Krise reifen wird. Denn das ist bei fast jedem anderen strategischen Schock bisher auch so gewesen.‹ •