Das digitale Selbst

Der chinesische Multimedia-Künstler Lu Yang verbindet Technologie und buddhistische Philosophie zu einer neuen Frage nach dem Ich.

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Fotografie:
Lu Yang
DATUM Ausgabe Mai 2026

Ein Avatar flackert auf dem Bildschirm – teils Mensch, teils Datensatz, teils etwas, das sich schwer benennen lässt. Die Figur trägt das Gesicht des in Shanghai und Tokio lebenden Künstlers Lu Yang (*1984). Der Kopf gehört jedoch keinem Körper, keiner bestimmten Zeit und keiner Szene an. Es handelt sich um ›DOKU‹: ein philosophisches Selbstporträt für das digitale Zeitalter, gekleidet in die Farben einer Videospiel-Fantasie.

Lu Yangs DOKU-Trilogie (2018–2025) umfasst drei Filme, die zusammen eine Vision­ ­bilden: Sie greifen auf das ­buddhistische Yogācāra-Konzept des Ālayavijñāna ­zurück – eines Speicherbewusstseins, das Eindrücke über Lebenszeiten hinweg ansammelt, ohne sich jemals zu einer festen Seele zu verdichten. Unter ­Einsatz von Spiel-Engines, Künstlicher ­Intelligenz und Motion-Capture-Technologien formuliert Lu Yang eine zentrale Frage, die in einem Zeitalter von Verhalten­s­profilen und digi­talem Nach­leben neue Dringlichkeit gewinnt: Wo verortet sich das Selbst, wenn das Leben in Daten dargestellt, repliziert, transponiert und durch ­verschiedene Medien endlos wiederbelebt werden kann?

Der DOKU-Avatar bewegt sich durch Umgebungen, von Casinos bis zu Leichenhallen, vom Apokalyptischen bis zum Alltäglichen, ohne jemals an einem Ort zur Ruhe zu kommen. Die Figur ist sichtbar und doch schwer fassbar,­ ­präsent, ohne lokalisierbar zu sein, und beobachtet sich manchmal selbst auf dem­ Bildschirm. 

Was wie Science-Fiction ­erscheinen mag, ist zugleich uralte Philosophie: die ­buddhistische Auffassung, dass das Bewusstsein ver­gänglich ist und – in Lu Yangs Meditation – sichtbar wird als etwas, das sich aus Körpern, Daten und Bildern immer ­wieder neu ­zusammensetzt. In diesem Sinne formuliert die Trilogie eine der prägenden Fragen ­unserer digitalen Zeit neu. Dass bestimmte philoso­phische Traditionen dies schon lange vor dem Algorithmus erkannt haben, ist vielleicht der radikalste ­Gedanke, den Lu Yang zum Ausdruck bringt.

Lu Yangs Arbeiten sind Teil von Vienna Digital Cultures. Das Festival, das sich unter dem Thema ›Alone or Together?‹ Fragen der digitalen Transformation widmet, eröffnet am 21. Mai 2026 im FOTO ARSENAL WIEN und bietet ein umfangreiches Programm vom 22. bis 24. Mai. •

Nadim Samman ist Kurator von Vienna Digital Cultures 2026, das jährlich im Wechsel von Foto Arsenal Wien und der Kunsthalle Wien organisiert wird. www.fotoarsenalwien.at  

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