Stürme im Kopf

Die Klimakrise hat negative Auswirkungen auf unsere mentale Gesundheit, bei manchen Menschen kommt es zu psychischen Erkrankungen. Sabrina R. ist eine von ihnen.

DATUM Ausgabe November 2024

Sabrina R. liegt im Bett, draußen ist es kalt und düster, angemessen für einen späten Februarabend. Über ihr breitet sich der Sternenhimmel aus. Das Nachtlicht, das sie zum Stillen ihrer Tochter braucht, wirft ihn an die Decke des Schlafzimmers. Still ist das rund eine Woche alte Baby gerade von allein. Sabrinas Brustkorb hebt und senkt sich langsam, die Kleine schläft friedlich ins Bett gekuschelt, vielleicht auch am Arm, das weiß ihre Mutter heute nicht mehr so genau. Woran sie sich aber ganz deutlich erinnert, ist der Artikel über die abnormal hohe Temperatur der Weltmeere, den sie auf ihrem Handybildschirm liest. Der bringt das Fass zum Überlaufen.

Plötzlich fühlt sich ihr ganzer Körper taub an, ein heiß-kalter Schauer läuft ihr den Rücken hinunter. Totale Verzweiflung überkommt sie, sie ist hilflos, denn sie allein kann ja nichts tun gegen die Klimakrise, und jetzt hat sie auch noch ein Kind in die Welt gesetzt. Ein Kind, das mit den Auswirkungen der Erderwärmung deutlich länger zu kämpfen haben wird als sie. An diesem Abend braucht Sabrina sehr lange, um sich wieder zu beruhigen. ›Das war ein Moment, der für mich extrem heftig war‹, sagt die 30-Jährige fast ein Dreivierteljahr später.

In den Monaten nach diesem Februarabend wird Sabrina sehr viel im Internet recherchieren, verzweifelt – ›fast panisch‹, sagt sie – auf der Suche nach der einen Nachricht, die ihr sagt: Das mit dem Klima, das wird alles gut. Aber so einfach ist es leider nicht. Sabrinas Zustand entwickelte sich in Richtung einer Angststörung. Weil psychische Gesundheit ein sensibles Thema ist, will sie nicht mit vollem Namen genannt werden. Aber das Gefühl, das ihrer mentalen Belastung zugrundeliegt, teilen heutzutage immer mehr Menschen: Sabrina R. hat Klimaangst.

Die Klimakrise geht über die physische Dimension von vermehrten Extremwetterereignissen, höheren Temperaturen und Artensterben hinaus. Die Erderhitzung hat auch negative Auswirkungen auf unsere mentale Gesundheit, immer häufiger manifestiert sich das in Klimaangst. Klimaangst ist ein recht junges Phänomen, vor fünf Jahren begann die Psychologie sich vermehrt damit auseinanderzusetzen und stellte fest: Es ist weit verbreitet.

Ein internationales Forscherteam rund um die Psychotherapeutin Caroline Hickman veröffentlichte in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet eine Studie, bei der insgesamt 10.000 Menschen in zehn Ländern auf allen Kontinenten befragt wurden. Die Studie ergab, dass 75 Prozent der 16- bis 25-Jährigen ihre Zukunft wegen der Klimakrise als beängstigend wahrnahmen. Fast die Hälfte berichtet, dass sie durch ihre Sorgen in ihrem Alltag beeinträchtigt seien. Doch trotz ihrer Häufigkeit ist Klimaangst keine anerkannte psychische Krankheit, sie steht weder im ICD-11 noch im DSM-5, den Diagnosekatalogen der WHO und der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft. Das hat auch damit zu tun, dass Klimaangst keine irrationale Angst ist, sondern eine normale Reaktion auf eine reale Bedrohung. Viele Forscher argumentieren deshalb, dass Klimaangst auch nicht als mentale Krankheit geführt werden sollte, um sie nicht zu pathologisieren. Eine noch andauernde wissenschaftliche Diskussion, in der es auch Gegenstimmen gibt.

Fest steht jedenfalls: Es ist gerechtfertigt, sich vor den Auswirkungen der Klimakrise zu fürchten. Das verdeutlichen allein die Ereignisse der letzten Woche. Der überhitzte Atlantik vor der Küste ließ Hurrikan Milton erst auf seine endgültige Größe anwachsen. Der Sturm verwüstete Anfang Oktober den US-Bundesstaat Florida. Die Erderwärmung hat auch die Hochwasser in Niederösterreich laut Geosphäre Austria um sieben Prozent verschlimmert. Mit steigender Temperatur wird auch diese Prozentzahl weiter steigen, schon jetzt gingen ganze Existenzen in den Fluten verloren.

Jedesmal, wenn Sabrina R. durch St. Pölten mit dem Auto fährt, kann sie nur an eines denken: ›Es fahren viel zu viele Autos.‹ Es ist April 2024, sie ist mit Tochter und Partner bei einer Geburtstagsfeier im Grünen. Es gibt veganen Nudelsalat, Padel-Tennis und alle amüsieren sich. Sabrina steht daneben und denkt nur: ›Es ist viel zu heiß für diese Jahreszeit. Das ist nicht normal.‹ In der Hochphase ihrer mentalen Belastung vergehen keine fünf Minuten am Tag, in denen sie nicht ans Klima denken muss. Sabrina R. sucht sich Hilfe.

Die findet sie auf der grünen Couch von Tobias Schabetsberger. Der Wiener Psychologe hat sich auf Umweltthemen spezialisiert und engagiert sich auch bei den ›Psychologists for Future‹. ›Zu wissen, es gibt so etwas wie Klimaangst und ich bin nicht übergeschnappt, das hat sehr geholfen‹, sagt Sabrina. Klimaangst sei aber nur eines von mehreren verschiedenen Klimagefühlen, erklärt Schabetsberger. Etwa Klimatrauer um die verlorene Zukunft, Verzweiflung, weil die eigene Familie das Problem nicht ernstnimmt, oder auch Schuldgefühle. ›Der menschengemachte Klimawandel ist eben von Menschen gemacht‹, sagt Schabetsberger. ›Aber den Klimawandel hat nicht einer allein verursacht, und das Problem muss auch nicht einer allein wieder lösen.‹

Für Sabrina ist es vor allem die gefühlte Schuld gegenüber ihrer Tochter. Sie hatte im Vorfeld lange überlegt, ob sie überhaupt ein Kind bekommen möchte. Heute ist sie sich nicht sicher, ob sie es wieder tun würde. ›Das Traurigste ist, ich bin sehr gerne Mama‹, meint Sabrina. Direkt nach ihrer ersten Geburt habe sie sich eigentlich auch sehr ein zweites Baby gewünscht, aber das komme heute definitiv nicht mehr in Frage. ›Ich fühle mich vom Staat meiner Zukunft beraubt. Ich kann mein Leben nicht mit gutem Gewissen so leben, wie ich gerne würde, einfach weil die Klimakrise nicht ernstgenommen wird‹, sagt die 30-Jährige.

So wie Sabrina geht es vielen, in der bereits erwähnten Lancet-Studie fühlten sich 64 Prozent von ihrer Regierung bei diesem Thema im Stich gelassen. In Österreich gibt die Ö3-Jugendstudie 2024 ein ähnliches Bild ab. Vier von fünf Jugendlichen finden, es gibt dringenden Handlungsbedarf beim Klima. Für 62 Prozent ist die Klimakrise eine der größten Quellen ihrer Ängste, höhere Werte erzielen nur Terrorismus und Krieg. Aber schlagen sich die geballten Sorgen der Jugend wegen der Klimakrise auch in österreichischen Kliniken nieder?

›Depressive Krisen machen bei uns derzeit zwischen 35 und 40 Prozent der Fälle aus. Ich schätze, zumindest bei der Hälfte ist auch die Klimakrise ein Thema‹, sagt Thomas Trabi, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie im LKH Klagenfurt. Er denkt, dass die Klimathematik innerhalb seines Patientenpools unterrepräsentiert ist. Denn Armut ist der Hauptrisikofaktor für psychiatrische Erkrankungen, und mit Armut geht üblicherweise ein niedrigeres Bildungsniveau einher. Die jungen Menschen auf seiner Station würden sich mit den oft abstrakten Zusammenhängen der Klimakrise wahrscheinlich weniger stark befassen als Jugendliche aus höher gebildeten Familien, meint Trabi.

Auch die Folgen der Hochwasser in Niederösterreich waren an Trabis Arbeitsplatz spürbar. Die Kinder und Jugendlichen wurden durch die Umweltkatastrophe an die Überschwemmungen und Murenabgänge in Kärnten aus dem vorigen Jahr erinnert. ›Da sind Traumata reaktiviert worden‹, sagt der Psychologe.

Anders sieht es auf den Stationen in Wien und der Steiermark aus. Paul Plener von der Universitätsklinik der Med-Uni Wien sieht keine klinischen Berührungspunkte mit ›Climate Anxiety‹, schließlich stelle sie keine Diagnose und damit keinen Vorstellungsgrund dar. ›Der Klimawandel kommt als Punkt zehn vielleicht auch noch vor, aber steht so gut wie nie im Vordergrund einer Behandlung‹, sagt Isabel Böge vom LKH Graz. Auch im klinischen Alltag der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Innsbruck wird die Klimaangst von akuteren Bedrohungen in den Hintergrund gerückt, Leiterin Kathrin Sevecke gibt aber auch zu bedenken: ›Die Kliniken sind Post-Corona noch so im Akut-Bereich tätig, und Klimaangst führt in der Regel nicht zu einer akuten Aufnahme.‹ Sie vermute, dass beispielsweise Schulpsychologen mehr mit Klimaangst oder -depression zu tun haben.

Ähnlich wie die unmittelbare Krise der Covid-Pandemie die Aufmerksamkeit für Klima-Themen reduzierte, überlagern auch suizidale Krisen während einer Depression, Eltern-Kind-Konflikte oder Essstörungen die Sorgen wegen der Klimakrise. Dabei sind gerade die Menschen, die besonders von psychischen Erkrankungen betroffen sind, auch diejenigen, die von den Folgen der Klimakrise am stärksten betroffen sind. Die, die im Rekord-Sommer eben keine Klimaanlage einschalten können, weil sie sich keine leisten können.

An extrem heißen Tagen komme es bei vulnerablen Gruppen auch vermehrt zu Suizidalität, Selbstverletzung oder generell Gewaltbereitschaft, erklärt Kathrin Sevecke vom LKH Innsbruck. ›Das Thema Klimaveränderungen und deren Auswirkungen auf psychische Gesundheit wird in den nächsten Jahren in unserem Bereich eine immer größere Rolle spielen‹, sagt die Kinderpsychiaterin. Hitzetage sind auch für Sabrina R. die größte Belastung. Mit ihrer Tochter flüchtet sie sich dann aus ihrem zuasphaltierten Wohnblock in den schattigen Garten ihrer Eltern. Die Sozialarbeiterin in Karenz ist sich dieses Privilegs durchaus bewusst.

Angesichts dieser sozialen Unterschiede kann man sich fragen: Ist Klimaangst ein Problem der bessergebildeten, oberen Mittelschicht – ein Bobo-Problem? ›Ich glaube, es ist wichtig, einfach alle Gefühle ernstzunehmen‹, sagt Psychologe Tobias Schabetsberger ausweichend. Menschen mit mehr Ressourcen können es sich eher leisten Geld für Therapie auszugeben. Die weite Verbreitung ist aber ein Indikator dafür, dass Klimaangst ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Doch nur wenige haben so starke Symptome, dass sie sich auch für eine Diagnose einer anerkannten psychischen Krankheit, wie Depression oder Angststörungen qualifizieren. In den USA sind es etwa drei Prozent der Erwachsenen, ergab eine Untersuchung der Universität Yale. Natürlich gebe es auch Gruppen, die eher von Klimaangst betroffen sind, meint Schabetsberger: ›Risikofaktoren sind beispielsweise junges Alter und eine starke Beschäftigung mit dem Klimawandel.‹

Die Fridays-for-Future-Bewegung vereint beides. Wie gehen die Menschen damit um, die am längsten betroffen sind und sich am meisten damit auseinandersetzen? Junge Mitglieder wie Philipp und Nikola denken immer wieder drüber nach, in Behandlung zu gehen, den Schritt getan haben sie bisher aber nicht. Für Ronja sind ihre Klimaängste eher diffus, ein konstantes Hintergrundrauschen, etwas, das auch Psychologe Schabetsberger bei vielen seiner Patienten beobachtet. In den Sitzungen der Bewegung wird auch nicht viel darüber geredet, wie es den jungen Aktivisten geht. Dort konzentriert man sich aufs Handeln. Die Gefühle werden verdrängt.

Dabei sei eine emotionale Reaktion auf die Klimakrise nichts Schlechtes, sagt Psychologe Schabetsberger: ›Gefühle sind der Kompass zu unseren Bedürfnissen. Wenn ich Angst habe, sagt mir das, da gibt es eine Bedrohung. Und das bringt uns ins Handeln.‹ Das ist auch schon eine der zwei Hauptstrategien, um mit Klimaangst umzugehen: Selbst aktiv werden und über seine Sorgen sprechen.

Gerade Zweiteres ist aber häufig noch schwierig für Patienten. Sabrina R. hatte sich schon während ihrer Schwangerschaft bei einer Psychotherapeutin in Behandlung begeben, die Therapie aber nach wenigen Sitzungen wieder abgebrochen. Sie fühlte sich mit ihrer Angst nicht ernstgenommen. Manche Praktiker sind noch im ›Verdrängungsmodus‹, meint Schabetsberger, das werde aber weniger. In den letzten zwei Jahren traten viele Psychologen an die ›Psychologists for Future‹ heran, um mehr über das Thema zu lernen. Die Sektion Umweltpsychologie des Berufsverbands der österreichischen Psychologen hält mittlerweile Online-Vorträge ab, bei denen über 400 Fachleute zuhören.

Alle Betroffenen, mit denen DATUM gesprochen hat, haben aber auch Klimaberichterstattung als Auslöser von Klimaangst erwähnt. Marie Kogler, Postdoc-Researcher and der Karl-Franzens-Universität in Graz, erforscht im Projekt ›Reason‹ die Rolle der Medien. Eine Analyse der zehn auflagenstärksten österreichischen Tageszeitungen über die letzten sieben Jahre hinweg zeigt: politische Aspekte von Klima dominieren, etwa über Energiegesetze oder ob wir die Klimaziele erreichen, und es fehlt schlicht an konstruktivem Journalismus. ›Probleme zu benennen ist wichtig, denn Bedrohung versetzt die Menschen in Aufruhr‹, erklärt Kogler. Wichtig sei aber auch, ob dieser Aufruhr schlussendlich in lösungsorientiertes Handeln, Verdrängung der Klimaprobleme oder etwas zwischen diesen Extremen umschlage. Welche Möglichkeiten die Medien den Menschen aufzeigen, bestimme stark deren wahrgenommenen Handlungsspielraum, sagt die Forscherin.

Nach einem halben Jahr Therapie kann Sabrina R. die Tage mit ihrer Tochter wieder genießen, ohne alle fünf Minuten ans Klima denken zu müssen. Sie hat bei Tobias Schabetsberger Strategien gelernt, um ihre Ängste zu regulieren und Auslösern aus dem Weg zu gehen. Außerdem engagiert sie sich bei ihrer Fridays-for-Future-Regionalgruppe in Niederösterreich. Sabrina vergrößert damit ihren ökologischen Handabdruck, quasi das Gegenteil des ökologischen Fußabdrucks. Ersterer gibt an, wie sehr man mit dem eigenen Wirken die Belastung der Umwelt reduziert. Es brauche ein gesundes Wirken, das auch nicht zu weit geht – etwa ins Burnout führt, um mit den eigenen Sorgen umzugehen, meint Schabetsberger. Auch Tobias Schabetsberger denkt, die Klimakrise und ihre negativen Auswirkungen auf psychische Gesundheit werden in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Für ihn ist das eine logische Schlussfolgerung: Mehr Klimakrise, mehr Klimaangst.

Seit Anfang November ist Schabetsberger mit seiner Praxis im zweiten Wiener Bezirk selbstständig. Davor arbeitete er auch am Universitätsklinikum in Krems, vor allem mit Herz-Patienten. Dort hat der Psychologe beobachtet: Selbst die Menschen, die mit ihrem eigenen Herz zu kämpfen hatten, taten sich schwer, ihre Gewohnheiten abzulegen. Etwa, sich gesünder zu ernähren oder sich mehr zu bewegen. Aber diejenigen, die beispielsweise schon die Krankheitsgeschichte ihres Partners miterlebt und eine emotionale Motivation hatten, das waren die Menschen, die es schlussendlich wirklich geschafft haben, ihr Leben zu verändern. •

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