Theorie lesen
Am 14. März starb mit dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas der letzte große Repräsentant der sogenannten Frankfurter Schule der Philosophie im biblischen Alter von 96 Jahren. Habermas’ Tod – obwohl seines Alters wegen natürlich erwartbar – fühlt sich vor dem Hintergrund einer immer verrücktere Volten schlagenden Weltpolitik doch wie ein Menetekel an.
Sein Lebenswerk war dem Versuch gewidmet, schlüssig zu zeigen, dass die sich auf eine liberale Öffentlichkeit stützende und dem Ideal des herrschaftsfreien Diskurses verpflichtete Demokratie die einzig humane Gesellschaftsform ist. Anstatt darüber zu verzweifeln, dass diese Form der Demokratie weltweit unter Druck steht, könnte man seinen Tod auch zum Anlass nehmen, endlich die Bücher zu lesen, deren Lektüre man (und damit meine ich zunächst: mich) schon seit Jahr und Tag aufschiebt.
Da wäre etwa sein Hauptwerk, die ›Theorie des kommunikativen Handelns‹ (1981, zweibändig), oder aber, rezenter und zugleich etwas leichter zugänglich, ›Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit
und die deliberative Politik‹ (2022, schlanke 108 Seiten). Die ganz Harten greifen jetzt natürlich zu ›Auch eine Geschichte der Philosophie‹ (2019, 1.175 Seiten!).
Habermas mag tot sein, seine Bücher aber sind es noch lange nicht. Also auf zum Theorie-Regal!
Das Werk von Jürgen Habermas (1929-2026) erscheint im Suhrkamp-Verlag.