Unbekanntes berühren
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich ist Musiktheater immer so eine Sache. Die Oper macht gleich das ganz große Fass auf, Musical riecht dafür nach etwas seichter Unterhaltung. Will sagen: Ich mag Musik, ich mag das Theater, aber beides zusammen – irgendwie nicht so einfach.
Da ist es vielleicht ein Glück, dass es die Musiktheatertage Wien gibt, heuer bereits in ihrer zehnten Auflage und unter dem Motto: ›Die Berührung mit dem Unbekannten.‹ Aufgeführt wird hier weder klassische Oper noch Herzschmerz-Musical – und trotzdem darf und wird auf der Bühne (sowie im öffentlichen Raum) gespielt, gesungen und musiziert werden.
Von ›dekolonialisierender Hypergregorianik‹ samt Solarpunkorgel im Wiener Stephansdom über Faust’sche Öko-Oper im MuTh bis hin zu immersiven Science-Fiction-Poemen gibt es heuer einiges, was diskursiv orientierte Freunde zeitgenössischer darstellender Kunst lustvoll mit der Zunge schnalzen wird lassen. Man könnte auch sagen: Die MTTW sind so etwas wie ›Impulstanz‹ für das zeitgenössische Musiktheater – nur kleiner, weniger bekannt, und deshalb natürlich auch irgendwie cooler.
Spezialtipp: Am 25. September musiziert der ukrainische Komponist und Performer Roman Grygoriv in der Brotfabrik auf dem Fragment einer russischen Uragan-Rakete. Und das dürfte genau so abgefahren werden, wie es klingt.
Musiktheatertage Wien
16.-27. September, www.mttw.at