Der große feministische Knall

Was die jüngsten Proteste im Iran von jenen der Vergangenheit unterscheidet.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Oktober 2022

Jedem wurde schon einmal in der einen oder anderen Lebensphase die berühmte Passage aus Samuel Becketts ›Worstward Ho‹ zitiert: ›Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.‹ Die wenigsten von uns haben den Mut und noch weniger die Ausdauer, nach dieser Philosophie zu leben. Und das ganz ohne Gewissensbisse, geht es ja schließlich selten um etwas, für das es sich lohnt in freien, reichen und demokratischen Gesellschaften grandios zu scheitern. 

Im Iran schon. Da bekennt man sich zu dieser Philosophie, und das seit 43 Jahren. Der Widerstand gegen die Islamische Republik ist so alt wie das Regime selbst. Sein Scheitern auch. Das hindert die Iranerinnen und Iraner aber nicht daran, es immer wieder zu versuchen – trotz der Toten, Verletzten und Inhaftierten. Und trotz des Wissens, dass das Interesse der Weltöffentlichkeit schnell nachlassen wird, weil es jedes Mal nachgelassen hat, sobald sich kein Regimewechsel abgezeichnet hat und internationale Interessen iranische Befreiungsbestrebungen überschatteten. Dieses Schicksal wird auch die aktuellen Proteste rund um den Tod von Mahsa Jina Amini ereilen, egal wie viele Kopftücher brennen, wie viele Frauen auf der Straße tanzen, wie viele von ihnen erschossen werden oder hinter Gittern verschwinden. 

Im Iran weiß man um den fehlenden Atem und die Weitsicht dieser Öffentlichkeit, die rasch resigniert, wenn Dinge ins Stocken kommen. Aber im Iran ist Resignation keine Option. Das beweist seine Protestgeschichte: 1999, 2009, 2017, 2018, 2019, 2020, 2021, 2022. ›Es gibt quasi keine gesellschaftliche Gruppe, die in den letzten Jahren nicht gegen das Regime auf die Straße gegangen ist – sei es aus sozioökonomischen, aber auch aus politischen Gründen‹, erklärt der Politikwissenschafter Ali Fathollah-Nejad in der Tagesschau. 

Es verdient Respekt, dass der Tod einer jungen Frau in Polizeigewahrsam – einer Kurdin, deren Kopftuch angeblich ihre Haare nicht zur Gänze bedeckt hätte und die deswegen von der ›Sittenpolizei‹ gefasst wurde – eine ganze Gesellschaft nicht kalt lässt. Trotz allem, nach all den Jahren, ist sie nicht abgestumpft. Im Gegenteil. Aminis Tod hat sie zusammengebracht, sogar die zuweilen tief verfeindeten iranischen Gruppen in der Diaspora für einen kurzen Moment in ­Solidarität befriedet, um gemeinsam die Parole ›Frau, Leben, Freiheit‹ zu rufen, den ›weiblichsten und ­zivilisiertesten Slogan, der Frauen und Männer von Teheran bis Kurdistan vereint‹, wie es die Frauenaktivistin Mansoureh Shojaee dem Handelsblatt gegenüber formulierte. 

Dieses Mal ist eine neue Generation auf der Straße, eine furchtlosere, eine, die das Gefühl hat, noch weniger zu verlieren zu haben, als wir, unsere Mütter und unsere Großmütter es je hatten, erzählen iranische Kolleginnen am Telefon. Die Zuneigung in ihrer Stimme für diese Generation Z, die nicht länger die Vorsicht ihrer älteren Brüder und Schwestern teilt, die noch versucht haben, ein System zu reformieren, das bislang alles dagegen tat, reformiert zu werden, ist unüberhörbar. Diese junge Generation schlägt jede Vorsicht in den Wind, sie hat die kleinen subtilen Akte des zivilen Ungehorsams, in denen Iraner Meisterinnen sind, satt. Sie will den Systemsturz mit einem großen und feministischen Knall und nimmt auch die Ängstlichsten mit ihrer Zuversicht mit – trotz der brutalen Antwort des Regimes. Sie versucht es. Vielleicht werden Irans Regimegegnerinnen dieses Mal dermaßen grandios gut scheitern, dass sich die Machthaber zum ersten Mal wünschen werden, dem eigenen Volk vor 43 Jahren nicht den Krieg erklärt zu haben. •

 

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