Wenn Städte Früchte tragen

Handwerk, Industrie und Landwirtschaft werden seit Jahrzehnten aus den Städten verdrängt, aus ökologischen Gründen sollen sie nun wieder zurückkommen. Der Altmarktgarten im deutschen Oberhausen zeigt, wie das trotz Platzmangel für alle Vorteile bringen kann.

DATUM Ausgabe Oktober 2024

Wolfgang Grüne sieht Namenswitze pragmatisch. ›Nomen est omen‹, sagt der einzige Gärtner im Gewächshaus Altmarktgarten. Seine Arbeit unter Sonne und Glas hoch am Dach eines fünfstöckigen Backsteinhauses folgt einer festen Routine. Zuerst begutachtet er die schwimmenden Salate. Wenn Wolfgang Grüne vorsichtig ihre Köpfe aus dem mit Nährstoffen versetzten Regenwasser hebt, kommt der lange, tropfende Strunk an Wurzeln zum Vorschein. Sie sehen dann etwas aus wie grüne Quallen. Danach pflegt er die Erdbeeren, hegt die Kräuter und rückt ihre Töpfe zurecht. Nach der Ernte landet der Rucola, der hier wächst, 20 Meter tiefer in umliegenden Restaurants auf der Pizza, das Basilikum im Pesto und die Erdbeeren im Mund. Die Distanz zwischen Essen und Anpflanzen: ein paar Häuserecken.

Das Dachgewächshaus Altmarktgarten im deutschen Oberhausen ist Teil der Bemühungen, die Produktion wieder in dicht besiedelte Räume zurückzuholen. Die Stadtplaner von heute reagieren damit auf einen Trend, den ihre Vorgänger zu verantworten haben: Weil sie jahrzehntelang Arbeiten und Wohnen strikt getrennt haben, verdrängt die wachsende Bevölkerung Handwerk, Industrie und Landwirtschaft aus unseren Städten. Was früher aus gesundheitlichen Gründen sinnvoll war, ist heute vor allem ineffizient und klimaschädlich. Statt im Miteinander Platz und Ressourcen zu sparen, werden Wege verlängert und Fläche verbraucht. Aber die Rückholaktion der Produktion in die Stadt ist alles andere als leicht. Denn wenn dort eines rar ist, dann Platz. 

Boden ist endlich. Das gilt noch viel mehr im urbanen Raum, wo sich sowieso schon viele um die wenige verbliebene Fläche streiten. Wie soll sich hier neben Wohnen, Verkehr und Freizeit auch noch Produktion ausgehen? Und warum? ›Die Stadt der Zukunft muss eine produktive Stadt sein, weil wir sonst weder die ökologischen noch die sozialen Fragen gelöst bekommen‹, sagt Stefan Gärtner, der Direktor des Instituts Arbeit und Technik, welches sich ebendiesen Fragen widmet. Projekte wie der Altmarktgarten sind Versuche, Antworten zu liefern, und werden damit zu groben Wegweisern in die Stadt der Zukunft. Um den Pfad, der vor uns liegt, zu verstehen, braucht es aber zuerst einen Blick in die Stadt der Vergangenheit.

Vor mehr als hundert Jahren waren Schlachthöfe in der Innenstadt keine Seltenheit. In Wien gab es beispielsweise den Schlachthof Sankt Marx im dritten Bezirk. Die Menschen gingen zu Fuß in die Arbeit, die Rinder starben in der Nachbarschaft und wurden dort auch wieder am Markt verkauft. Mit der Charta von Athen fand ein Umdenken statt. Der berühmte Schweizer Architekt Le Corbusier prägte diese neue stadtplanerische Denkrichtung und ihre Devise: Arbeiten und Wohnen, Verkehr und Freizeit, alle Nutzungen einer Stadt müssten getrennt werden. Die Charta bestimmte maßgeblich den Wiederaufbau in Österreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, auch weil sie frei von nationalsozialistischem Gedankengut war. Die alten Schlachthöfe in der Innenstadt wurden nach und nach geschlossen oder umgesiedelt. Die letzte Schlachtung in Sankt Marx fand 1997 statt. Wo einst Tiere unters Beil kamen, werden heute in der ›Arena‹ Konzerte gespielt.

Die Fabriken von früher sind nun vielerorts Kulturstätten. Lokale, Cafés oder Friseure dominieren die Innenstädte. Seit der Nachkriegszeit findet in den Städten eine ›Entmischung‹ statt, wie die Forscher es nennen. Eine wachsende Bevölkerung braucht mehr Platz für Wohnraum. Unter diesem Druck musste die Produktion an die Stadtränder weichen, die Grundstücke dort waren günstiger und der Rauch aus ihren Schornsteinen störte niemanden. Das machte in der werdenden Dienstleistungsgesellschaft auch Sinn, aber: ›Wir haben da das Kind mit dem Bade ausgeschüttet‹, sagt Stadtplaner Gärtner.

Handwerk, Industrie und Landwirtschaft in die Peripherie zu verdrängen, schadet Klima und Biodiversität. Die direkten Folgen sind nämlich mehr Flächenverbrauch und mehr Verkehr. ›Es sind ja nicht nur die Waren, die hin und her transportiert werden müssen, sondern auch die Arbeiter‹, gibt die österreichische Stadtforscherin Edeltraud Haselsteiner zu bedenken. Vor allem war die Verdrängung aber auch eine psychologische. ›Wenn wir die mit unserem Konsum verbundenen Belastungen nicht mehr vor Augen, Ohren und Nasen haben, sind wir auch weniger sensibel für ihre Konsequenzen‹, sagt Stefan Gärtner.

Inzwischen haben die Stadtplaner zumindest gemerkt, dass die Entwicklung in die falsche Richtung geht. 2004 erstmals veröffentlicht und 2020 aktualisiert, soll die Neue Leipziger Charta die Athener Denkmuster ablösen. In ihr einigen sich die für Stadtentwicklung zuständigen Minister Europas auf eine gemeinsame Vision für die Stadt der Zukunft. Die besteht laut dem Dokument nämlich eigentlich aus drei Städten: der gerechten, der grünen und der produktiven Stadt. Die Leipziger Blaupause ist utopisch und kommt noch zu selten in der Realität an. Trotzdem: Will sie Teil dieser Vision sein, braucht auch die Produktion einen Richtungswechsel. Statt von links nach rechts vielleicht von unten nach oben?

So betrachtet sieht das Gebäude in der Marktstraße 34 aus wie eine kleine Elbphilharmonie. Im Glashut erstreckt sich das Reich von Wolfgang Grüne auf rund tausend Quadratmetern. Platz, der niemandem in der Stadt weggenommen wird. 150 Kilo Erdbeeren, 14.000 Kräutertöpfe und 16.000 Salatköpfe werden hier jährlich unter dem sterilen Kunstlicht der Deckenlampen produziert. Jede Woche essen mehrere hundert Leute davon, schätzt Wolfgang Grüne. ›Jede einzelne Pflanze geht durch meine Hände‹, sagt Grüne etwas stolz. Der von der Stadt Oberhausen geförderte Altmarktgarten feierte Ende September sein fünfjähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür. Neben der Gärtnerei macht der Gärtner nämlich auch Führungen im Gewächshaus für Vereine, Schulen oder Kindergärten.

Der Name Altmarktgarten ist aber irreführend. Was Wolfgang Grüne betreibt, nennt sich ›Urban Farming‹. Die Urbane Landwirtschaft ist nicht auf ­E­ige­nver­- sorgung, sondern kommerziell ausgelegt und unterscheidet sich dadurch vom ›Urban Gardening‹. Es ist eine Nische, die wächst. Und die Potential hat: Laut einer Studie des Immobilien-Invest- ment-Beratungsunternehmens Jones Lang LaSalle sind in Deutschland 50 Quadratkilometer Brachfläche vorhanden, mit der alle 80 Großstädte im Land täglich versorgt werden könnten. In Österreich gibt es laut Umweltbundesamt sogar rund 130 Quadratkilometer. Diese Erhebung stammt aus dem Jahr 2004, neuere Zahlen gibt es nicht. Das Umweltbundesamt arbeitet mit der Fraunhofer-Gesellschaft allerdings gerade an einer KI-basierten Methode, um Brachflächen österreichweit zu identifizieren. Erste Ergebnisse sollen noch 2024 vorliegen, Fraunhofer war übrigens auch bei der Entstehung des Altmarktgartens involviert.

Bekannt sind hauptsächlich platzsparende urbane Pilzfarmen, immer öfter geht der Trend aber auch Richtung Sonne. In einem Quartiersprojekt in Berlin soll bald Deutschlands größtes ›Urban Farming‹-Projekt entstehen, 15-mal so groß wie der Altmarktgarten, am Dach unter erhöhten Photovoltaik-Anlagen. Auch am Grazer Science Tower findet Anbau in luftiger Höhe statt. Hier werden für die darunter angesiedelten Supermärkte frische Kräuter angesetzt.

Der Plan ist klar: Lebensmittel sollen so nah wie möglich am Konsumenten wachsen, platz- und ressourcensparend. Die Stadt der kurzen Wege soll nicht nur für Verkehr, sondern auch für die Produktion gelten. ›Urban Farming‹ erfüllt aber noch eine weitere Funktion: Es sorgt für städtische Begrünung, die kühlend, auf Hausdächern auch dämmend wirken kann. Wenn auf ehemaligen Brachflächen ohne Gebäude angebaut wird, wird auch urbane Biodiversität geschützt.

Manchmal hängt Wolfgang Grüne an einem Seil an den Stahlträgern außerhalb des Gewächshauses. Immer dann, wenn er Blauregen und Efeu im Vertical Garden – der Fassadenbegrünung des Stiegenhauses am Altmarktgarten – zurückschneiden muss. Lieber arbeitet er aber doch in einsamer Ruhe mit seinen ›Pflänzchen‹ im warmen Gewächshaus. Am liebsten, wenn es draußen regnet. Was das Beispiel des alleinverantwortlichen Gärtners und studierten Agrarwissenschaftlers aber zeigt: Viele Arbeitsplätze entstehen durch ›Urban Farming‹ nicht, schon gar nicht für weniger gut ausgebildete Menschen.

Hier kommt die Industrie ins Spiel. Doch wie lässt sich eine Fabrik in ein Wohngebiet integrieren, ohne dass sie stört? ›Das schafft man dann, wenn man sehr gut plant und verschiedene Disziplinen zusammenbringt‹, erklärt Stadtplaner Stefan Gärtner. Die Nachbarschaft müsse eingebunden, potenzielle Störungen aus dem Weg geräumt werden. Beispielsweise dürfen anliefernde LKWs nicht rückwärtsfahren, wegen des Pieps-Geräusches, worauf im Verkehrskonzept zu achten ist. Vorbildhaft ist das der Firma Wittenstein bei Stuttgart gelungen. In der Fabrikhalle schlichtet sich eine Fertigungsstation an die nächste, ebenso nahtlos fügt sich die Produktion neben einer Passivhaussiedlung im Wohngebiet ein. ›Eine Verknüpfung zum Umfeld herzustellen, ist ein wichtiger Aspekt, um Toleranz zu schaffen‹, sagt Stadtforscherin Edeltraud Haselsteiner. Mittels Grünstreifen Pufferzonen zwischen Fabrik und Wohnungen zu schaffen, ist auch eine Option. Wittenstein hat neben dem Standort in Stuttgart einen Spielplatz errichtet. Das Schlimmste, das den Menschen in der Nachbarschaft einfällt, wenn man sie nach Störungen von der Fabrik nebenan fragt, ist der feierabendliche Zigarettenrauch der Arbeiter.

Von rauchenden Schloten zu qualmenden Zigaretten ist es aber ein weiter Weg, vor allem im innerstädtischen Gebiet, wo mit und in bestehenden Gebäuden gearbeitet werden muss. Hier kommt der Richtungswechsel richtig zum Tragen. ›Vertical Urban Factory‹ heißt das Konzept, zu dem ein Team aus Verkehrsplanern, Wirtschafts- und Umweltjuristen unter der Leitung von Haselsteiner geforscht hat. Die Idee ist simpel: Statt von links nach rechts, soll von oben nach unten produziert werden. So entstehen seit mehr als zehn Jahren auch die Manner-Schnitten in Wien-Ottakring. Über 400 Beschäftigte arbeiten dort, auf einer Etage heizen Öfen, auf einer anderen wird die Creme angerührt. 30 Prozent weniger Platz braucht die Schnitten-Fabrik, die Abwärme der Öfen heizt via Fernwärme 600 Wohnungen, und die Mitarbeiter nutzen die integrierte Tiefgarage kaum. Sie reisen mit den Öffis oder dem Fahrrad an.

›Wer in einer Schokoladenfabrik ­arbeitet, isst nach Feierabend nicht unbedingt auch noch Schokolade‹, sagt Wolfgang Grüne. Der Gärtner hat seine Salate bisher nie in den vier bis fünf Restaurants gegessen, die er beliefert, nur im Gewächshaus gekostet. Auch im Altmarktgarten ergibt das Zusammenrücken, die ›Nutzungsmischung‹, eine Win-Win-Situation. Der Betonboden unter Wolfgang Grünes Füßen ist während der Arbeit angenehm warm, die Abluft des Jobcenters spart Heizkosten. Dafür kann das Jobcenter die 20-Kubikmeter-Regenwasser-Zisterne des Gewächshauses mitnutzen.

Dass produziert und wenige hundert Meter weiter wieder konsumiert wird, stärkt die Kreislaufwirtschaft. Vor allem im Kleinen, im Bereich der Manufakturen wird das sichtbar. Die Reparatur- und Handwerksbetriebe können sich auch dort ansiedeln, wo der nun aussterbende Einzelhandel früher war. Gewerbehöfe bündeln verschiedene Betriebe und verbinden sie mit Wohnsiedlungen. Zum Boilerwechsel kommt dann der Installateur von nebenan. So kann niederschwelliger repariert und Abfall vermieden werden. In München sind Gewerbehöfe schon mehr Regel als Ausnahme, in Wien erst im Kommen.

Trotzdem hat Wien eine Sonderstellung: Als einzige Landeshauptstadt in Österreich hat sie sich bereits 2017 das Fachkonzept ›Produktive Stadt‹ verordnet. Das Ziel: Fünf Prozent der Stadtfläche reservieren für Produktion, Industrie und Gewerbe. Für Gerhard Hirczi, den Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien, war das ein ›Gamechanger‹. Davor haben viele Besitzer von gewerblichen Brachflächen auf eine Umwidmung zu Wohnbau mit höheren Renditen spekuliert. Dieses Glücksrittertum mit ›Wohnbauhoffnungsland‹, wie es Haselsteiner nennt, ist seither weniger geworden. Laut Wirtschaftsagentur sind die Umwidmungsanträge von 15 auf drei pro Jahr zurückgegangen. Nach den reservierten Gewerbeflächen gebe es jetzt aber ›keine dramatische Übernachfrage‹, gibt Hirczi zu. Gerade im Bereich der Vertikalen Produktion sieht der Geschäftsführer noch Potential. Der aktuelle Stadtentwicklungsplan läuft noch bis 2025, momentan wird die neue Version erarbeitet.

Für Edeltraud Haselsteiner führt nichts an rechtlich bindenden Vorgaben vorbei: ›Das Wichtigste wäre, die bereits gut integrierten Orte zu bewahren und die Entmischung zu stoppen.‹ Die Ideen der Neuen Leipziger Charta haben in Deutschland zwar den Diskurs verbessert, aber ›das führt aus meiner Sicht zu selten zum Schutz der nutzungsgemischten Stadt. Es wird damit eher versucht, neue hippe Manufakturen anzusiedeln‹, meint Stefan Gärtner. ›Es braucht dieses Miteinander. Wohnen, arbeiten, einkaufen und Freizeit genießen. Produktion ist einfach Teil einer urbanen Vielfalt‹, sagt die Stadtforscherin Haselsteiner. ›Und führt nicht automatisch zu Konflikten‹, ergänzt Gärtner.

Wolfgang Grüne hat in den fünf Jahren im Oberhausener Gewächshaus viel gelernt. Zum Beispiel, das grelle Kunstlicht nicht vor sechs Uhr morgens einzuschalten, denn ›das freut die Nachbarn überhaupt nicht‹. Oder Dankbarkeit für den Aufzug, wenn es gilt, Säcke voller Erde in den sechsten Stock oder Salat-Paletten wieder hinunterzubefördern. Momentan kaufen die Restaurantbetreiber die Salate aus dem Altmarktgarten rund eineinhalbmal teurer als normalerweise im Großhandel. Dafür können sie sich auf die Fahnen heften, einen ums Eck am Dach produzierten Salat anzubieten. Immerhin eine Seltenheit ­mitten in Oberhausen. Anders geht es aktuell nicht, die Produktion ist zu aufwendig, der Stadtquadratmeter zu teuer. ›In Österreich und Deutschland ist der Leidensdruck noch nicht groß genug‹, meint Wolfgang Grüne. In Singapur hingegen ist live zu beobachten, wie ein Staat seine Nahrungsversorgung auf Hochhausdächer verlagert, weil den vielen Menschen der Platz ausgeht.

Jedes Mal, wenn Grüne das Gewächshaus verlässt, macht er eine letzte Visite bei den schwimmenden Salaten, den pyramidenförmig wachsenden Erdbeeren und den Kräutern in ihren Töpfen. Der Gärtner achtet darauf, dass die Bewässerung läuft und die Temperatur stimmt. Bevor die Tür ins Schloss fällt, dreht er noch einmal alle Wasserhähne zu, sodass auch keiner tropft. Wer am Betondach anbaut, hat kein Wasser zu verschenken. •

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