Von den Zeiten

DATUM Ausgabe Mai 2018

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Das kulturelle Elend des Liberalismus: Eine Moderatorin, ein Moderator. Die Moderatorin ist schwanger. Die beiden moderieren für den ORF eine Gala, bei der Film- und Fernsehleute ausgezeichnet werden, unter anderem eine Harald-Schmidt-Kopie, die sich mit ein paar ›Provokationen‹ in alle Münder gebracht hat. Selbstverständlich geht auch die Moderation ohne Gags nicht ab. Die Moderatorin stürzt ins Publikum, einem Herrn auf den Schoß – keine Angst, es ist ihr Gatte –, sie busselt ihn leidenschaftlich ab, Zungenküsse simulierend, und der Moderator kräht spaßig von der Bühne herunter: ›Aufhören – sie ist ja schon schwanger.‹

2

An einem dieser scheußlichen Märztage des Jahres 2018, an denen sich der Winter nicht bequemte, die Kunst des Aufhörens zu üben, war ich über Nacht im Stift Vorau. Vorau liegt in der Nähe von Hartberg, eine Stadt, in der ich vor zwanzig Jahren oft gewesen bin.

Die Oststeiermark (ich kenne sie nicht gut, denn überall, wo ich bin, bin ich mehr sesshaft als mobil) ist eine Gegend von sich wenig aufdrängender, aber doch sehr starker Eigenart. Der Frühling, wenn er milde ist, machte mich inmitten der sanften Hügel noch glücklicher als anderswo.

Zu Weihnachten war’s, wenn der Schnee nicht liegen blieb, weniger schön: Überall Matsch auf dem Erdboden, und auch der Blick in die Gegend fiel wegen andauerndem Grau in Grau traurig aus. Das Stift ist aber noch einmal eine ganz andere Sache: Es steht mächtig über der Landschaft, und auf den ersten Blick ist solche Macht darin unentschieden, ob sie nun über ›die Unteren‹ im Tal triumphiert oder ob sie ihnen im Notfall Schutz gewährt.

Im Stift bewohnte ich ein sehr großes Zimmer, mit einem fast ebenso großen Badezimmer: ein Bad für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Da sie bei mir ebenfalls eingeschränkt ist, war ich sehr froh darüber, und überhaupt erinnerte mich diese Wohnung im Stift an einen der Stehsätze der Glücksforschung: Ab einem gewissen Grad des materiellen Wohlstands bringt mehr materieller Wohlstand nicht auch mehr Glück – und mit den Sechzigerjahren sei dieser Status erreicht worden. Meine Unterkunft im Stift war sichtlich nach all den Errungenschaften der Sechzigerjahre eingerichtet, und das war gut so, auch wenn nichts, was zeitlich darüber hinausging, den Gast bei Laune hielt.

Mit der Zeit hat die Pointe meiner beschaulichen Schilderung schon zu tun, auch damit, dass ich bei einer Veranstaltung im Stift Dr. Glehr wieder traf, den Arzt, der mir, nach so vielen Besuchen bei anderen Ärzten, bis heute als der Beste erscheint. Ich glaube, er ist ein leidenschaftlicher Arzt, aber er hat auch eine leichte, vernünftig aufgeklärte Melancholie über die Grenzen der Medizin, hinter der ja die alten Tatsachen von Leben oder Tod lauern. Ich erzählte dem Arzt eine Erinnerung: Ein Patient, mit dem ich im Wartezimmer saß, ging vor mir zu ihm rein. Als er reinging, war er, wenngleich nur illusionär, aber immerhin zum Schein gesund. Als er rauskam, war er im Ernst krank. Wenn es darauf ankommt, verträgt der menschliche Körper keine alternativen Fakten.

Die Diagnose des Arztes war richtig, der Mann starb ein paar Wochen nach seinem Arztbesuch, und zwanzig Jahre später, als ich Dr. Glehr im Stift Vorau an seinen Befund erinnerte, erwiderte er: ›Sie wissen, dass ich genau das nicht will, dass meine Diagnosen eine solche Richtigkeit haben müssen.‹ Auch mir hat Dr. Glehr die Muskelverkürzung am Oberschenkel damals vorausgesagt, heute ist sie der Grund, dass ich nur sehr schlecht gehen kann, aber im Sitzen bin ich super beisammen, auch weil im Sitzen der Kreislauf noch nicht die Atemlosigkeit erzeugt, derer er sich im Gehen gerne schuldig macht.

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Aber diese Lebensablaufzeit ist immer noch nicht die Zeit, von der ich berichten will. Zu den Streitigkeiten, in die ich mich nicht einmische, gehört die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Religion. Ob es Gott gibt, ob es IHN wirklich gibt, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass es viele Menschen gibt, die IHN nötig haben, und ich halte etwas davon, für diese Menschen eine Lanze zu brechen, wenn auch keine für ihre eventuellen Kreuzzüge.

Strache mit dem Kreuz in der Hand ist eine gottverdammte Lüge, eine List des Teufels, der bekanntlich der Chef aller Propagandaminister auf Erden und in der Hölle ist. Dass aber ein schwacher Mensch, der sein Leben lang in den Daseinskampf verstrickt war, zu einem allmächtigen Wesen beten will, zu einem letzten Gegenüber, dagegen fahre ich nicht mit den Waffen einer trostlosen und stolzen Aufklärung auf, mögen die Atheisten einen auch noch so sehr verdammen.

Verdammenswert erscheint den vollkommenen Exemplaren unter ihnen wahrscheinlich auch die Meinung, dass in Österreich die katholische Kirche die sogenannte ›Kultur‹ ebenso geformt und tradiert hat wie zum Beispiel Schiele und Schönberg, also eine von Gott emanzipierte Moderne. Das ist der für Fundamentalisten aller Richtungen unerträgliche Pluralismus, das Neben­einander­bestehen von Ausschließlichkeiten, die aber die Möglichkeiten einräumen, entschieden, ja, auch fanatisch für das eine oder andere einzutreten.

Als meine Freundin Dorothea Zeemann 1993 verstarb, verständigte ich mich bei der Leichenfeier mit einem aufgeklärten Atheisten über unsere Dankbarkeit darüber, dass die Kirche ein erprobtes Begräbnisritual bereithielt und wir nicht dilettantisch ein eigenes, eines extra für Dora, erfinden mussten.

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In Vorau, hinter Klostermauern, dachte ich, die Kirche hat die Kultur des Landes bestimmt und umgekehrt hat das Land auch die Kultur der Kirche bestimmt. Schön langsam wachs ma zsamm, singt der heisere Ambros, allerdings nicht die Kirche und ihre Gläubigen meinend. Dass der Katholizismus die an Kindern begangenen Verbrechen seiner Funktionäre überleben kann, ist ein Wunder und – wie viele Wunder – höchst problematisch. Ich erkläre mir dieses Wunder aus einer tiefen, abgründigen Verankerung im Lande, die durch Untaten nicht aus den Angeln zu heben ist, weil diese Verankerung jenseits von Gut und Böse in Kraft ist.

Institutionen dieser Art, die durch die entsetzlichsten irdischen Verbrechen nichts an ihrer Macht einbüßen, sind per se gefährlich und unheimlich. Etwas von dieser Unheimlichkeit wird dadurch abgetragen, dass die Kirche in den realen sozialen Netzwerken eine gute Rolle spielt. ›Caritas‹ ist ja nicht bloß ein Verein, sondern eine Haltung, mit der sich Menschen von den egomanischen Zurichtungen durch das herrschende Wirtschaftssystem befreien können.

Das geistliche Personal im Stift Vorau rekrutiert sich aus Augustiner-Chorherren. Sie sind weltlich unterwegs, das Stift dient im eigenen Hause aber auch der Kultur und der Volksbildung. 1163 wurde das Stift gegründet und im Laufe seiner Geschichte musste es nach Bränden oft wieder aufgebaut werden. So klein es 1163 war, so glänzend und groß steht es heute da. Die kurze Zeit, die ich in diesen Klostermauern verbringen durfte, die Gespräche, die ich mit Menschen führte, die immer drin wohnen, gaben mir das Gefühl, dass hier eine ›andere Zeit‹ herrscht oder dass hier die Zeit anders tickt als draußen vor der Tür.

Nicht dass die Ungleichzeitigkeit dafür benützt werden würde, den Lauf der Dinge, wie er in der Welt stattfindet, zu leugnen, nein, der Rückzug in die andere Zeit, in eine geschichtlich bedingte, von der Dauer getragene, hilft beim Aushalten und beim Verstehen der Gegenwart. Dass das berühmte, nicht ­selten ›reaktionäre‹ ›Klösterreich‹ solche Zeit­inseln hat, ist ein Glück, das sich Gott sei Dank nicht modernisieren lässt.

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Sicher begleitet uns die Regierung Kurz-Strache Schritt für Schritt in die Orbánisierung. Auf diesem Weg hat Strache den schönsten Satz seines Lebens gesagt. Der Satz war auf irgendeinen politischen Krampf gerichtet, um ihn zu lösen. Dabei schien der geniale Politiker die Allgemeingültigkeit seiner Ansage großzügig außer Acht zu lassen. Straches Satz lautet: ›Es braucht Sanktionierungsmechanismen.‹

Ein anderes politisches Genie spricht sich für Sanktionierungsmechanismen gegen den ORF aus. Man muss Norbert Steger, den in dieser Republik am meisten gedemütigten Politiker (September 1986, Bundesparteitag der FPÖ), verstehen: Soll die Richtung stimmen, dann ist auf dem Weg zur Orbánisierung die österreichische Berichterstattung über den realen Orbán wichtig. Steger wartet hoffnungsvoll auf ›das neue Personal‹ im ORF. Es werde, teilt er den ›Salzburger Nachrichten‹ mit, ›Schritte in eine objektivere Berichterstattung setzen müssen.‹

Dass ein Parteihengst nicht nur weiß, was ›objektiv‹, sondern sogar was ›objektiver‹ ist, ist in Österreich ein objektiver Tatbestand. Damit dieser richtig realisiert wird, braucht es Sanktionsmechanismen. Steger hat sie in petto: ›Auch von den Auslandskorrespondenten werden wir ein Drittel streichen, wenn diese sich nicht korrekt verhalten.‹ Die politische Unkorrektheit der Korrespondenten hätte sich an der Ungarn-Berichterstattung gezeigt. Diese sei ›einseitig‹ abge­laufen!

Daraus spricht der Vulgärmachiavellismus der FPÖ. Schon hat der Mann ein mächtiges WIR, das ihm bei der Arbeit hilft: ›Wir werden streichen!‹ Vor kurzem hat Steger, Fachmann für mediale Korrekt­heit, laut einem Zitat aus dem ›Kurier‹ noch verlangt, man müsse im ORF ›die Meinung vom Kommentar‹ trennen. Wir haben ihm gesagt, es hieße wohl ›den Bericht vom Kommentar‹ trennen. Das kann er jetzt schon, und wir brauchen sowieso gar nichts zu trennen, wir zitieren ihn einfach objektivst. Über die neue Social-Media-Richtlinie für ORF-Redakteure sagt Steger: ›Wer dagegen verstößt, wird zunächst verwarnt – und dann entlassen.‹

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Strache steht hinter seinem verlängerten Arm im Aufsichtsrat des ORF. Der ›Standard‹ zitiert den Vizekanzler mit dem Satz: ›Steger, glaube ich, ist fehlinterpretiert worden.‹ Das betrifft Stegers Straflust bei einseitiger Berichterstattung, aber sonst, so Strache, müsse man den ORF ja kritisieren können! Man muss, finde ich, alles kritisieren können, sogar Steger. Da es eine Glaubenssache ist, darf ich sagen, ich glaub’s nicht, dass Steger ›fehlinterpretiert‹ wurde. Dass die Funktionäre der FPÖ nicht verstanden werden, ist ihre immerwährende Reaktion darauf, wenn man sie gerade richtig verstanden hat.

Nebochant kommt von nebbich (jiddisch) und heißt: ein kleinkarierter Mensch. Es ist das Wesen des kleinen Nebochanten, dass er gerne den Erdoğan spielt. Das geht, weil umgekehrt auch in Erdoğan ein großer Nebochant steckt. Menschliche Größe gibt es, allerdings selten dort, wo sie für Propaganda, zum Beispiel für die Liebe zu einem Führer instrumentalisiert wird. Darauf komme ich, weil Strache in einer Pressestunde des ORF so lieb von Sebastian Kurz sprach und allzumenschlich auf den erstaunten Hinweis reagierte, er habe doch noch vor ein paar Wochen Kurz auf Teufel komm raus geschimpft.

Da antwortete der neue Strache (ich will den alten wieder haben!), damals hätte er Kurz nicht gekannt, und außerdem, zur Bezeichnung ›Spätzünder‹ für Kurz stünde er ja bis heute. Das ist eine der Sprachregelungen der FPÖ: Eigentlich hätte die FPÖ die Wahl gewonnen, sie ist Sieger, denn erst, als Kurz – spät, aber doch – das FPÖ-Programm auf die eigenen Fahnen schrieb, konnte die ÖVP gewinnen. In Oberösterreich hat die FPÖ einen Chef, der seine Aufgabe nicht zuletzt darin sieht, darauf aufzupassen, dass die ÖVP am rechten Weg bleibt. Das scheint mir eine absurde Anmaßung, denn früher einmal war Härte das Fußballspiel Simmering gegen Kapfenberg. Für Härte steht derzeit das stählerne Lächeln des Landeshauptmanns von Oberösterreich. Selbst wenn er sich und sein Bundesland auf einem Plakat empfiehlt, strahlt sein Image eine Kälte und Unbeugsamkeit aus, die jederzeit mit einer oberösterreichischen FPÖ fertigwerden wird.

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Im Theatermuseum, 1010 Wien, Lobkowitzplatz 2, findet eine Ausstellung zu Ödön von Horváth bis 11. Februar 2019 statt. ›Ödön von Horváth. Erotik, Ökonomie und Politik‹ heißt das Begleitbuch. Im Rahmen der Ausstellung habe ich eine Lesung gehört: ausgewählte Texte von Horváth mit dezidiert politischem Inhalt. Es las ein Burgschauspieler, Sven Dolinski, und er las großartig. Ich habe drei Lesungen in Erinnerung, die mich in der Meinung bestätigen, dass Lesungen zu den Kunstformen gehören: Burghart Klaußner las in Ohlsdorf Kafkas ›Brief an den Vater‹, Roland Koch las im Gmundner Stadttheater das Kapitel ›Schnee‹ aus Thomas Manns ›Zauberberg‹. Die dritte war eben Dolinskis Lesung aus Horváth.

Es gibt Leute, die missgünstig murmeln: ›Lesen kan i selba!‹ Aber sicher nicht ›vor‹ – vorlesen können Laien nur selten künstlerisch angemessen. Dazu muss man eigenen Ton haben, der mit dem eigenen Ton des zu Gehör gebrachten Textes nicht harmonieren, aber – am besten auf rätselhafte Weise – korrelieren muss. Dolinskis Lesung begann mit einem Ausschnitt aus Horváths ›Sladek oder die Schwarze Armee. Historie in 11 Bildern.‹

Drei Hakenkreuzler – das Stück stammt aus dem Jahr 1928! – haben gerade einen Mann blutig geschlagen. Einer der Schläger kommentiert die Tat prophetisch: ›Ein beschnittener Saujud ist ein anständiger Mensch neben einem ­arischen Juden. Dem blut ja bloß die Nase. Das ist nur Vorschuss.‹

Die Szene bezeugt die Enthemmung und Barbarisierung, die seinerzeit ge­wesen ist.

Ein anderer Hakenkreuzler trägt zur Unterhaltung bei: ›Bei uns in der Schule haben wir nur einen Juden … Neulich hat er als einziger den ollen Cicero übersetzen können, dann haben wir ihn aber ver­prügelt! … Sein Vater, der alte Itzig, hat sich beim Rektor beschwert, aber der hat gesagt, das wären ja nur Streiche der Jugend, und Knaben, die nicht raufen, aus denen wird kein tüchtiger Krieger. Wir haben dem Rektor nämlich gesagt, dass der Jud frech war, darum haben wir ihn gedroschen. Er hat es sofort geglaubt …‹

Für jeden, der dran glauben muss, gibt es viele, die irgendwas glauben. Die Durchsetzung des Alltags mit dem Slang der Anti-Humanität – als Vorschuss oder als Begleiterscheinung der realen Gewalt – sind eine beständige Menschenmög­lichkeit.