›Von einer Ratte gefressen zu werden, ist kein Spaß‹

Auf einer Galápagosinsel wurden alle eingeschleppten Tiere vergiftet, um eine Art der berühmten Darwinfinken zu retten. Warum machen Forscherinnen das? Und wie?

DATUM Ausgabe Mai 2026

Rund 1.000 Kilometer vor der Küste Ecuadors, weit draußen im Pazifik, liegt die Galápagos­insel Floreana. Hier lebt der Mittlere Baumfink (lat. Camarhynchus pauper), eine Vogelart, die es weltweit nur an diesem Ort gibt. Doch sein Lebensraum wurde in den vergangenen Jahrzehnten stark bedroht, vor allem durch Tiere, die der Mensch eingeschleppt hat.

Zu seinem Schutz hat der Galápagos-Nationalpark nun zu einer drastischen Maßnahme gegriffen: Alle Ratten und Katzen auf der Insel wurden vergiftet. Eine der wissenschaftlichen Leiterinnen des Projekts ist die US-Österreicherin Sonia Kleindorfer. Die Ornithologin leitet die Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau im Almtal in Oberösterreich und forscht seit 25 Jahren auf Galápagos. Das Interview findet via Video-Call statt, mit sieben Stunden Zeitverschiebung, bei ihr ist es gerade acht Uhr morgens. 

Sie haben als Verhaltensbiologin schon am Neusiedler See und im australischen Busch Vögel beforscht, seit Langem sind Sie nun mehrere Wochen im Jahr auf Galápagos. Wie sieht dort Ihr Arbeitsplatz aus?

sonia kleindorfer: Die Insel, auf der wir arbeiten, heißt Floreana. Ich sitze hier in unserer Unterkunft bei Black Beach mit seinem schwarzen Lavasand. Wie alle Galápagos-Inseln ist Floreana vulkanischen ­Ursprungs. 1835 ist Charles Darwin hier gelandet. ­Seekrank wie er war, stieg er aus dem Boot und folgte dem kleinen Eselspfad die Küste herauf. Typisch für die Insel ist im Hochland ein Wald aus Scalesia-­Bäumen, eine Art aus der Familie der Korbblütler, zu der auch die Gänseblümchen gehören. Dieser Baum ist das Zuhause der Baumfinken, die ich studiere. Wenn man einen Scalesia-Baum nur anfasst, fällt er um, so fragil ist er.

Wie ist das Klima auf Galápagos? 

Es gibt die kühle Garúa-Jahreszeit, etwa von Juli bis September, häufig mit feuchtem Nieselregen. Jetzt erleben wir aber die heiße Jahreszeit, in der es kaum regnet – da sind auch zwei Jahre Dürre ohne einen Tropfen Wasser möglich. Aber wenn es dann regnet, wie vor ein paar Wochen, dann geht’s: Boom! Und alles ist üppig grün. Kleine Scalesia-Bäume wachsen dann in zwei Wochen einen Meter! Es ist unfassbar. Ich liebe Galápagos, weil man hier so spürt, dass das Leben gewinnt. Gegen alle Widrigkeiten entsteht immer und immer wieder Leben.

Es gibt auf Floreana mehrere eingeschleppte Arten, die das gesamte Ökosystem bedrohen.
Welche sind das?

Die Art, mit der ich mich am meisten auseinandersetze, ist die Vampirfliege. Sie ist die größte Bedrohung für alle Landvögel auf Galápagos: Die Larven dieser Fliege saugen den Jungvögeln das Blut aus. Sie kam in den 1960er-Jahren auf die Insel, wahrscheinlich über Cargoschiffe. Und dann sind da natürlich die Ratten, seit Jahrhunderten auf Piratenschiffen unterwegs, die sich auf Floreana ausbreiteten. Und gegen die Ratten brachte man bald Katzen mit. Jede dieser Arten greift heute auf ihre Weise in das Leben der Vögel ein. Der Mittlere Baumfink zum Beispiel ist inzwischen vom Aussterben bedroht. 

Wie kann man wissenschaftlich feststellen, dass eine Tierart kurz vor dem Aussterben steht?

Für die Baumfinken zum Beispiel gab es keine sichere Nisthöhe mehr. Die niedrigen Gelege fraßen die Ratten, die Nester in sechs Meter Höhe waren von der Vampirfliege befallen, und ganz oben holten sich Eulen die Jungvögel. Das ergab praktisch null Fortpflanzungserfolg. Die Baumfinken haben eine für uns Wissenschaftlerinnen extrem nützliche Eigenschaft: Mit jedem Jahr dunkelt ihr Kopf nach. Erst im Alter von sechs Jahren ist er komplett schwarz. In manchen Jahren sahen wir beim Monitoring ausschließlich Baumfinken mit ganz schwarzem Kopf – keine Jungvögel! Dann weiß man: Dieses System ist im Begriff zusammenzubrechen. 

Um das zu verhindern, haben Sie und das Team vom Galápagos-Nationalpark eine drastische Maßnahme auf der auch von Menschen besiedelten Insel ergriffen: Sie haben alle Ratten und Katzen vergiftet.  Was gab den Ausschlag für diesen Schritt?

Der Nationalpark sah darin eine effektive und notwendige Möglichkeit, um den Mittleren Baumfink zu retten. Er ist eine endemische Art, das heißt, es gibt ihn weltweit nur auf dieser Insel. Und der Nationalpark wollte nicht, dass in seiner Ägide eine der 17 Darwin-Finkarten (hochspezialisierte Vogelarten, die sich aus nur einer Festland-Art auf den Galápagos-Inseln entwickelt haben, Anm.) ausstirbt. Denn bisher ist noch keine einzige Darwin-Finkart ausgestorben. Aus diesem Grund wurde vom Galápagos-Nationalpark das Floreana Ecological Restoration Project ins Leben gerufen, mit dem Ziel, die ursprüngliche Artenvielfalt wiederherzustellen. 

Wie sind Sie vorgegangen?

Der Nationalpark hat 2023 sehr viel Rattengift per Hubschrauber verstreut, sowie Giftköder für die Katzen. Ziel ist eine massive Reduktion bis Ausrottung, die wir auch monitoren: Ein Jahr nach der Vergiftung konnten wir gar keine Ratten mehr beobachten, zwei Jahre danach nur ein Prozent im Vergleich zu davor.

Aber kam da nicht eine riesige Menge vergifteter Tiere zusammen, die womöglich auch ins Meer geschwemmt wird? 

Es ist alles mit einer Zehnjahres-Risikoanalyse gedeckt und das Gift wirkt nur für Säugetiere, von denen es derzeit keine einheimischen Arten auf Floreana gibt. Die Bevölkerung hat natürlich lange gebraucht, um das zu akzeptieren. Aber der Nationalpark hat viel investiert, etwa alle Nutztierflächen zum Schutz überdacht, damit sie nicht in Kontakt mit dem Rattengift gelangen. Im Lavagestein fallen die Kadaver in Spalten und verrotten dort schneller. Es gibt selbstverständlich auch Studien, die messen, wie lange diese Gifte im System bleiben: Innerhalb von zwei Jahren sollten sie im Ökosystem nicht mehr relevant sein.

Wenn Tiere für wissenschaftliche Studien genutzt werden, braucht man zum Beispiel in Österreich schon eine Ethik-Genehmigung, wenn der Tier­versuch nur eine Blutabnahme umfasst. Wie ist das bei Tötungen? Hat der Galápagos-Nationalpark das einfach beschlossen oder gab es auch ethische Gutachten?

Natürlich, das wird alles vom Nationalpark gemanagt, der auch die Verantwortung trägt. Selbstverständlich sollte das Gift schnell wirken und die Ratten sollten nicht leiden. Aber Ratten wurden weltweit schon auf hunderten Inseln eliminiert. Das passiert sehr häufig und ist nichts Neues. Dennoch muss man diese Fragen immer wieder neu stellen.

Wie lautet die wissenschaftliche Argumentation für den Eingriff? 

Einer solchen Maßnahme geht immer eine Schaden-Nutzen-Analyse voraus. Wir verursachen Schmerz, also müssen wir uns auch den Kosten stellen – in diesem Fall sind es die armen Ratten. Aber sie sind auf Galápagos leider am falschen Ort. Da wir sie und die Vampirfliegen eingeschleppt haben, tragen wir Menschen Verantwortung. Denn die anderen Tiere leiden ja auch. Von einer Ratte oder Made gefressen zu werden, ist kein Spaß. Die Schnäbel der kleinen Vögel funktionieren dann nicht, weil die Larven durch die Nasenlöcher kriechen und im inneren Schnabelraum alles zerfressen. Die Tiere haben dann kein Werkzeug, um Futter aufzunehmen, und verhungern. Da schaut kein Mensch lange zu und sagt: ›Oh, da sollten wir nichts tun.‹ Um übrigens der Vampirfliege beizukommen, sprühen wir die Nester ein oder bieten mit Insektizid behandeltes Nistmaterial.

Gehen Sie davon aus, dass sich das Ökosystem so ›reparieren‹ lässt? 

Man muss nur wissen, welche ökologischen Hebel man ziehen muss, um einen Effekt zu erzielen. Wir haben auch im Almtal in Oberösterreich erfolgreich ein Biodiversitätsprojekt umgesetzt. Über 20 Jahre haben wir dokumentiert, wie stark Anzahl und Artenvielfalt der Singvögel dort zurückgehen, vor allem bei Insektenfressern und Höhlenbrütern. Mit den Landbesitzern haben wir dann eine spätere Mahd besprochen und Nistkästen montiert. Und, siehe da, zwei Jahre darauf gab es 17 Prozent mehr Singvögel! 

Worin liegt überhaupt der Sinn, Biodiversität zu erhalten?

Vielfalt, sowohl der Arten als auch der Individuen, schafft Spielraum für Anpassung. Vielfalt ermöglicht Flexibilität. Das funktioniert so: Die natürliche Selektion ist das Prinzip, nach dem sich diejenigen Arten fortpflanzen, die am besten an ihre Umwelt angepasst sind. Sie wirkt also auf den Phänotyp, das sind die sichtbaren Merkmale eines Organismus. Diese Merkmale beruhen auf dem Erbmaterial eines Individuums. Je unterschiedlicher nun dieses Erbmaterial der Tiere ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne von ihnen auch unter veränderten Umweltbedingungen überleben. Fürs ganze Ökosystem heißt das: Unterschiedliche Arten und Varianten können ähnliche Rollen erfüllen, sich teilweise ersetzen und das System im Gleichgewicht halten. Eingeschleppte Arten stören dieses Gleichgewicht oft deutlich, indem sie die Vielfalt verringern.

Von einigen Tierarten wie der Kurzohreule haben Sie Brutpaare eingefangen und während der Vergiftungs­aktion auf einer anderen Insel gehalten – wie bei der Arche Noah. Sind die Eulen, die auf Floreana verblieben, an vergifteten Futtertieren gestorben?

Die meisten sind auf andere Inseln weggeflogen, nur eine kleine Anzahl ist gestorben. Inzwischen sind die Eulen wieder häufiger auf Floreana anzutreffen. Wir haben sie per GPS besendert und wissen nun, dass sie regelmäßig andere Inseln besuchen – sie sind echte Island Hopper. Diese Arbeit mache ich gemeinsam mit Petra Sumasgutner, sie ist auch in Grünau unsere Spezialistin für Greifvögel.

Welche Veränderungen sind drei Jahre nach der Vergiftung außerdem erkennbar?

2024 ist zum ersten Mal in 20 Jahren jedes gelegte Ei in unserem Monitoringbereich geschlüpft – davor haben die Ratten 50 Prozent gefressen. Aufgrund der schwarzen Köpfe der Mittleren Baumfinken kann ich auch sagen: Heuer ist die Hälfte aller von uns gezählten Tiere ein Jahr alt, und 40 Prozent sind 2 Jahre alt. Die Menge an Nachwuchs ist sensationell.

Wieso ist das Ökosystem der Insel denn so empfindlich, auch historisch gesehen?

Früher legten gerne Piraten auf Floreana an, weil es auf der Insel Frischwasser gab – und Schildkröten: Die hielten sich die Piraten als lebende Fleischreserve bis zu einem Jahr lang auf den Schiffen.

Eine gruselige Vorstellung.

Die Piraten haben alle Schildkröten aufgegessen und sie damit auf Floreana ausgerottet. Dabei sind Schildkröten auf Galápagos sogenannte ›Ökosystem-Ingenieure‹: Sie halten als Weidetiere die Landschaft offen, sonst wuchert alles zu. Für Scalesia-Jungbäume ist das wichtig, denn wenn die Vegetation zu dicht ist, haben sie kein Licht zum Wachsen. Das geht alles Hand in Hand. Ohne Schildkröten gäbe es diese Artenvielfalt nicht auf Galápagos.

Vor wenigen Monaten, Ende Februar, wurden 158 junge Riesenschildkröten wieder ausgewildert. Aufgrund genetischer Analysen wissen Sie, dass sie früher auf Floreana heimisch waren. Wie konnte man sie nachzüchten?

Die Piraten haben von den Conquistadores (spanische Eroberer in Lateinamerika, Anm.) am Festland Gold geklaut, das diese wiederum den Inkas gestohlen hatten. Weil die Schiffe voll mit Gold beladen waren, warfen sie Schildkröten ab, um leichter zu werden und so schneller zu entkommen. Die Schildkröten schwammen dabei nicht nur an Floreana, sondern auch an der benachbarten Insel Isabela an Land, wo so eine Reservoir-Population von Floreana-Schildkröten entstand. Das hat man erst 2008 bei einer genetischen Untersuchung entdeckt. Ich habe vor kurzem frisch geschlüpfte Babyschildkröten aus der Nachzucht der Floreana-Linie gesehen, sie sind entzückend! Ihre kleinen Beine erinnern an Elefanten, übrigens auch Weidetiere. Die nun ausgewilderten sind zwischen 9 und 13 Jahre alt.

Sie sind unter anderem auf Vogellaute spezialisiert. Klingt die Insel inzwischen auch anders?

Tatsächlich! Aufgrund der veränderten Risikolandschaft gibt es nun sehr viel Verhaltensinnovation. Ich beobachte etwa neue Gesangstypen bei den Baumfinken. Und schaue mir über die Jahre an, ob sich die Innovation weiterverbreitet oder ob sie wieder ausstirbt. Natürlich verwenden wir alle Informationen auch für den Umweltschutz und liefern sie an den Nationalpark. Im Moment sehe ich aber nur sehr viele Babys. Selbst die Galápagos-Tauben sind wieder überall. Sie gehen in Lokalen sogar unter den Füßen an die Tische.

Auf Galápagos freut man sich also im Unterschied zu Wien, dass Tauben beim Essen stören.

Ja. (lacht) Aber nicht nur wir Wissenschaftlerinnen freuen uns, sondern auch die Bewohner. Es ist auch eine sehr hübsche Taubenart, die Tiere haben große blaue Augen.

Wie haben Sie die Sorgen der Menschen, die auf der Insel leben, adressiert?

Die Bauern hier freuen sich nicht unbedingt über die Schildkröten, sie könnten ihr Gemüse fressen. Unser Argument ist: Wir haben George oder Lucy – die Schildkröten tragen Namen – genau im Blick, dank eines hochauflösenden Tracking-Systems. So managen wir Risiken, die die lokale Bevölkerung bei heiklen Arten wahrnimmt. Besonders unterstützt hat uns dabei Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz: Er verfolgt Vogelwanderungen aus dem Weltraum, um ein intelligentes Sensornetzwerk ihrer Bewegungen zu schaffen. Mit Hilfe seines Systems lässt sich der Aufenthaltsort besenderter Tiere auf einen Meter genau bestimmen. Als nächstes werden Rennnattern ausgewildert. Sie sind ungefährlich für den Menschen, aber dennoch sind die Leute besorgt. Auch sie werden getrackt, genauso der Galápagos-Bussard.

Die Vögel tragen ihren Tracker in einem kleinen Rucksack. Aber wie ist das bei einer Schlange?

Ein sehr kleiner so genannter PIT-Tag wird unter ihre Haut injiziert. Damit können wir sie erfassen, wenn sie in die Nähe einer Ortungsstation kommen.

Es ist offenbar ein  großer technologischer Aufwand notwendig, um ein Ökosystem zu schützen, das wir Menschen zuvor aus der Balance gebracht haben. Ist die Zukunft des Naturschutzes technologisch?

Da bin ich – zumindest teilweise – skeptisch. Technologie ist ein mächtiges Werkzeug, das unsere Möglichkeiten erweitert. Aber sie ist eben nur das: ein Werkzeug. Entscheidend ist, wie wir es einsetzen.

Wie gelingt ein verantwortungsvoller Einsatz?

Am Anfang steht immer die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Wir müssen sie als Gesellschaft immer wieder neu verhandeln – von Situation zu Situation, von Generation zu Generation. Wenn wir uns darauf einigen, bestimmte Ökosysteme zu erhalten, kann Technologie uns sehr dabei helfen. Sie ermöglicht es uns, gezielt Hebel zu ziehen und Wirkungen sichtbar zu machen. So lernen wir besser zu verstehen, wie diese Systeme funktionieren, was sie stabil hält und wie sensibel sie auf Eingriffe reagieren. Aber es ist mir wichtig zu betonen: Technologie ist nur dann sinnvoll, wenn sie von einem menschlichen Mindset getragen wird – mit Bewusstsein, Verantwortung und einem klaren ethischen Kompass. Für mich persönlich bleibt dabei etwas anderes zentral: das Staunen über die Natur. Ich versuche, so oft wie möglich in diesem Zustand zu bleiben. Dieses Staunen hält uns aufmerksam, offen und erinnert uns daran, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind, in dem alles miteinander verbunden ist. •

Die Autorin hat gemeinsam mit Sonia Kleindorfer das Buch ›Die erstaunliche Welt der Graugänse‹ veröffentlicht.

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