Bachmann lesen
Anlässlich Ingeborg Bachmanns 100. Geburtstag überschlägt sich das deutschsprachige Feuilleton derzeit mit Glückwünschen und Würdigungen des Werkes der österreichischen Schriftstellerin, und man kann nur sagen: zu Recht.
Was mir weniger gefällt, ist die in jüngerer Zeit zu beobachtende Tendenz, sich weniger mit dem Bachmann’schen Werk als mit der nachträglichen Konstruktion ihres ›Opferstatus‹ zu beschäftigen, wobei insbesondere Max Frisch die Rolle des männlichen Verderbers zu spielen hat, der die Bachmann um ihren Seelenfrieden gebracht habe. Ich behaupte, dass man mit derlei um ein halbes Jahrhundert verspäteter Küchenpsychologie sowohl dem Frisch als auch der Bachmann Unrecht tut und würde vorschlagen, stattdessen lieber ein bisschen Primärliteratur zu lesen.
Die Bachmann’sche Lyrik gehört nämlich zum Schönsten, was die deutschsprachige Literatur im 20. Jahrhundert zu bieten hat, nachzulesen unter anderem in den beiden schmalen Bändchen ›Die gestundete Zeit‹ und ›Anrufung des Großen Bären‹. Bachmanns ›Frankfurter Poetikvorlesungen‹ wiederum sind wohl nicht nur für mich die gelungenste moderne Reflexion über den Sinn der Schriftstellerei. Und wer, wie Ingeborg Bachmann, eine poetische Anklage à la
›Undine geht‹ niederregnen zu lassen vermag, kann auf lauwarme Mitleidsbekundigungen mit Sicherheit sowieso verzichten.
Ingeborg Bachmann geboren am 25. Juni 1926 in Klagenfurt, gestorben am 17. Oktober 1973 in Rom – ihr Werk erscheint im Piper-Verlag