Geht diese Gleichung auf?
Viele Staaten und Firmen gleichen Emissionen mit CO₂-Zertifikaten aus. Doch Studien zeigen, dass die meisten davon wenig bringen. Das Wiener Start-up Econetix will den Markt glaubwürdiger machen.
Die Uhr an der Wand zeigt neun Minuten nach eins, die Lichter flackern. Darunter tragen fünf Menschen rote Metallstühle auf dem Rücken und drehen sich singend im Kreis. Eine von ihnen ist die Bulgarin Darina Yotova, die an diesem Abend mit dieser Performance den Eurovision Song Contest in Wien gewinnen wird. Während sie die Zeile ›Let me light you up‹ singt, blitzen dunkelblaue Scheinwerfer an der Decke auf. Dass sie mit LED-Technik betrieben werden, ist Teil der Nachhaltigkeitsstrategie des ESC: Um Klima und Umwelt zu schonen, setzt der ORF heuer auf LEDs und Batterien statt auf herkömmliche Leuchtmittel und Dieselgeneratoren.
Zur Nachhaltigkeitsstrategie des ESC gehören aber nicht nur technische Maßnahmen in Wien. Sie führt auch Tausende Kilometer weiter in die Demokratische Republik Kongo. Dort sollen Solarlampen Häuser erhellen, die sonst wenig bis gar keinen Strom haben. Die Solarleuchten ersetzen Kerosinlampen, die deutlich klimaschädlicher sind, und sparen so CO2. Der ORF gleicht damit Emissionen aus, die der Songcontest verursacht hat und die sich vor Ort in Österreich nur schwer oder gar nicht vermeiden ließen. So zumindest das Argument. Genau hier beginnt aber auch das Problem.
Für viele Staaten und Unternehmen gelten CO2-Zertifikate als unverzichtbar, um Klimaziele in den kommenden Jahrzehnten überhaupt erreichen zu können. Gleichzeitig zweifeln Forscherinnen und Forscher daran, dass viele dieser Zertifikate tatsächlich halten, was sie versprechen.
Im Green Room der Wiener Stadthalle sitzen zwei Männer, die der ORF damit beauftragt hat, die Emissionen der Show zu berechnen. Jakob Zenz und Paul Nimmerfall erstellen mit ihrem Start-up Econetix nicht nur die CO2-Bilanz des Songcontests, sondern haben auch das Solarlampenprojekt im Kongo entwickelt. Laut ORF werden ›10.000 Tonnen CO2 mit Zertifikaten aus internationalen Klimaschutzprojekten‹ kompensiert.
Ein Zertifikat steht für eine eingesparte Tonne CO2-Äquivalent. Die Idee dahinter ist simpel: Der Atmosphäre ist egal, wo Treibhausgas eingespart wird. Also kann etwa das ölreiche Norwegen das regenwaldreiche Guyana dafür bezahlen, jene Menge CO2 einzusparen, die Norwegen zu viel ausstößt. Auch Unternehmen nutzen dieses Prinzip. Viele kennen die kleine Checkbox, mit der Airlines ihren Passagieren anbieten, das CO2 ihres Flugs zu kompensieren. Es ist ein Tausch, der in der Theorie funktioniert – in der Praxis aber viele Fragen offenlässt.
›Das ist so, wie wenn ich sage, ich ohrfeige jemanden, gebe ihm dann ein Zuckerl und damit ist alles wieder gut‹, sagt der Physiker und Wissenschaftserklärer Florian Aigner. Nur geht diese Rechnung oft nicht auf. In der Vergangenheit haben Studien immer wieder gezeigt, dass Carbon Offsets, also Projekte zur Kompensation von CO2, häufig nicht halten, was sie versprechen. Eine Metastudie eines Forschungsteams unter anderem vom Max-Planck-Institut sowie den Universitäten Harvard und Cambridge untersuchte 2023 rund ein Fünftel aller bis dahin ausgestellten Zertifikate. Das Ergebnis: Mehr als 80 Prozent davon hatten wahrscheinlich keine echte CO2-Einsparung zur Folge.
Trotzdem steht der Ankauf von Zertifikaten in fast allen Regierungs- und Firmen-Fahrplänen in Richtung Klimaneutralität. Bisher haben jedoch große Unternehmen wie Disney, Netflix oder Ben&Jerry’s die Zertifikate vor allem dazu genutzt, um sich oder ihre Waren als klimaneutral zu bezeichnen – ohne zugleich auch innerhalb ihrer Organisationen Emissionen maßgeblich zu reduzieren. Die EU geht inzwischen gegen solches Greenwashing vor: Dienstleistungen oder Produkte dürfen nicht mehr als ›klimaneutral‹ bezeichnet werden, wenn diese Behauptung nur auf CO2-Kompensation fußt.
Eigentlich sollen die Zertifikate nämlich nur die Emissionen ausgleichen, die nach der Dekarbonisierung übrig bleiben und wirklich unvermeidbar sind. Daneben lenken sie auch Geld aus dem globalen Norden in Klimaschutzprojekte im globalen Süden und tragen dazu bei, die Finanzierungslücke im internationalen Klimaschutz zu schließen. Deshalb ist es wichtig, dass dieses Werkzeug auch verlässlich funktioniert. ›Wir sind aus dieser Kritik entstanden‹, sagt Paul Nimmerfall. Die Gründer von Econetix wollen mithilfe ihrer KI-basierten Lösung das Vertrauen in die Kohlenstoffmärkte wiederherstellen und Transparenz schaffen. Kann das gelingen?
Nimmerfall sitzt gemeinsam mit Jakob Zenz im Konferenzraum ihres Büros im ersten Wiener Bezirk. Neben der Tür steht der ›Event Supplier Award‹ für den Eurovision Songcontest 2026, ein kleines, buntes Glasviereck mit einem Herz darauf. Econetix arbeitet inzwischen nicht nur für den ESC, sondern auch für den SK Rapid Wien, der bis 2030 zum grünsten Verein Österreichs werden will.
Nimmerfall und Zenz haben die Firma erst vor drei Jahren gegründet, inzwischen hat das Unternehmen mehrere Millionen Euro an Investments eingesammelt, Büros in Wien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Uganda aufgebaut und elf eigene Klimaschutzprojekte in Afrika entwickelt. Einer der beiden Gründer ist nach eigenen Angaben rund alle zwei Wochen persönlich bei den Projekten vor Ort. Auch im Advisory Board sitzen bekannte Namen. Darunter die ehemalige ÖVP-Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger, die seit ihrem Ausscheiden aus der Politik 2022 bei mehreren Klima- und Technologieunternehmen investiert ist. Zugleich sitzt sie in mehreren Aufsichtsräten, unter anderem bei der Billigfluglinie Ryanair.
Die Biografie von Jakob Zenz beginnt weit weg vom Konferenzraum im ersten Bezirk. Zenz ist in seinen Zwanzigern, als er für drei Monate als Volontär nach Uganda geht. In einem Vorort der Hauptstadt Kampala baut er eine Farm mit Rindern, Hühnern und Schweinen auf, später gründet er eine Wurstverarbeitungsfabrik. Ihr Name: Sausage King 3000. Zenz expandiert bald in weitere afrikanische Länder und hat große Ambitionen: Er will zum größten Fleischverarbeiter Ostafrikas aufsteigen. Heute ist Zenz Honorarkonsul Ugandas in Österreich und Berater des ugandischen Präsidenten. Sausage King hat er inzwischen verkauft.
›Wenn du in diesen Ländern unterwegs bist, siehst du die Konsequenzen des Klimawandels ganz anders›, sagt Zenz heute. Regen- und Trockenzeiten verschwimmen, die Kleinbauern, die seine Wurstfabrik belieferten, hätten dadurch immer weniger Planungssicherheit gehabt. Wenn die Ernte ausfällt, werde das schnell existenzbedrohend. ›Für mich war klar, ich will in dem Bereich etwas aufbauen, eine Lösung finden‹, sagt der ehemalige Wurstfabrikant und heutige Klima-Start-up-Gründer. Paul Nimmerfall lernt er über LinkedIn kennen; der Anwalt war in den Emiraten bereits in einem ähnlichen Themenfeld tätig.
Econetix bietet seinen Kunden eine Komplettlösung an: Das Unternehmen erstellt eine CO2-Bilanz, prüft Einsparpotenziale und kompensiert den Rest über eigene Klimaschutzprojekte, die von internationalen Registern wie Verra oder Gold Standard zertifiziert werden. Bis hierhin unterscheidet sich Econetix kaum von anderen Anbietern am freiwilligen CO2-Markt.
Der Unterschied soll im Monitoring liegen. Im Wiener Büro zeigt Nimmerfall auf einen großen Bildschirm. Darauf ist die Karte einer Stadt im Kongo zu sehen, Hunderte weiße Punkte markieren Solarlampen. Bei einer repräsentativen Menge dieser Lampen überwacht Econetix, wie oft sie genutzt werden. Kombiniert mit historischen Daten soll daraus die Nutzung einer durchschnittlichen Person berechnet werden – und daraus wiederum die Menge an eingespartem CO2. Zehn Lampen ergeben laut Nimmerfall pro Jahr ungefähr ein Zertifikat. Bei anderen Projekten, etwa bei Aufforstungen, nutzt Econetix Sensoren, Satellitenbilder und Drohnen.
So wollen Zenz und Nimmerfall Daten digital erfassen, die sonst Prüfer vor Ort erheben. Sie versprechen damit jene Transparenz, die Kritikerinnen und Kritiker am freiwilligen CO2-Markt oft vermissen. ›Das ist aktuell unser Privatvergnügen‹, sagt Nimmerfall. ›Aber aus meiner Sicht sollte das der Standard der Zukunft sein.‹ Entscheidend wäre aber eine andere Frage: Müsste Econetix nicht eigentlich messen, ob in den Haushalten tatsächlich keine Kerosinlampen mehr verwendet werden?
Eine im Jahr 2023 in der Fachzeitschrift Nature erschienene Studie untersuchte ähnlich aufgebaute Offset-Projekte, bei denen alte Öfen, die viel Holz verbrauchen, durch modernere, effizientere Modelle ersetzt wurden. Auch Econetix hat zwei solche Projekte im Portfolio.
Die moderneren Öfen sollen Emissionen auf zwei Arten reduzieren: Durch weniger Holzverbrauch sollen weniger Bäume gefällt werden müssen, zugleich sollen beim Kochen weniger Treibhausgase entstehen. Doch die Analyse ergab, dass die Haushalte mit den neuen Öfen gar nicht weniger Holz verbrauchten. Manche Menschen nutzten beide Öfen weiter, andere kochten mehr, weil der effizientere Ofen das Kochen günstiger machte. Laut der Studie verkauften die Projekte im Schnitt sechsmal mehr Zertifikate, als tatsächlich eingespart wurden.
Kann Econetix also sicher sein, dass Haushalte im Kongo nicht einfach beide Lampen nutzen? Mit ihrer Monitoringlösung lässt sich das nicht überprüfen, räumt Nimmerfall ein. ›Diese Unsicherheit kriegst du nicht weg‹, sagt der Anwalt. Man müsse sich aber überlegen, welchen Anreiz Menschen hätten, beide Lampen gleichzeitig zu verwenden. Die Solarlampen seien schließlich billiger und verlässlicher. ›Wir sagen nicht: Wir kompensieren und alles wird gut‹, sagt Nimmerfall. Der Mechanismus sei ›nicht perfekt‹, aber besser als die Alternative. ›Und die Alternative ist, nichts zu tun.‹ Außerdem entstünden für die lokale Bevölkerung weitere Vorteile, etwa Jobs oder Infrastruktur.
Als Mindestanforderung für hochwertige CO2-Zertifikate gelten zwei Prinzipien: Projekte müssen zum einen nachweisen, dass die Emissionsminderung ohne sie nicht stattgefunden hätte. Außerdem muss das CO2 langfristig gebunden bleiben. Wird ein Stück Wald durch ein Offset-Projekt nur 30 Jahre geschützt, danach aber abgeholzt, verschiebt das die Emissionen bloß in die Zukunft. Eine 2025 veröffentlichte Studie kommt deshalb zu einem ernüchternden Schluss: Viele Projekttypen am CO2-Markt leiden unter ›unlösbaren Qualitätsproblemen‹. Die Autoren sehen die Ursache nicht bei einzelnen Anbietern, sondern im System selbst.
›Die einzig ehrliche Variante zu kompensieren wäre, die genau gleiche Menge CO2 wieder aus der Luft zu holen und zu speichern‹, sagt der Physiker Florian Aigner. ›Nur sind wir davon technisch einfach weit entfernt.‹ Solche Technologien gibt es zwar, sie sind derzeit aber extrem teuer. Zertifikate aus ›klassischen‹ Klimaschutzprojekten sind für Unternehmen oft deutlich günstiger. Daran sieht man ein weiteres Problem im Markt: Qualität ist oft kein Entscheidungsgrund, schließlich bekommt man immer eine Tonne gutgeschrieben.
›Die Problemstellung ist ja eigentlich: Wie schafft man einen institutionellen Mechanismus, der ermöglicht, vorne Geld reinzuwerfen, sodass hinten Emissionsminderungen wieder rauskommen‹, sagt der Klimaökonom Lennart Stern vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Statt einzelner Projekte schlägt Stern große internationale Fonds vor, die ganze Staaten dafür belohnen, Emissionsminderungen in ihren Entscheidungen besser zu berücksichtigen, während Regierungen gleichzeitig frei darin bleiben, wie sie diese konkret umsetzen. Die Tropical Forest Forever Facility (TFFF) sei ein Beispiel für solche Belohnungsfonds.
Die TFFF wurde bei der Weltklimakonferenz COP30 von der brasilianischen Regierung initiiert. Ihr Ziel ist es, tropische Wälder zu schützen. Vereinfacht gesagt funktioniert sie so: Staaten und private Investoren zahlen in einen Fonds ein. Aus diesem Geld werden Länder belohnt, die ihre Entwaldungsrate unter 0,5 Prozent halten. Je weiter sie unter dieser Schwelle liegen und je größer ihr Waldbestand ist, desto höher fällt die Zahlung aus. So entsteht ein doppelter Anreiz: kurzfristig weniger Wald zu zerstören und langfristig mehr Waldfläche zu erhalten. Beides bindet CO2.
Laut Stern sollte die derzeitige Version des TFFF aber einfacher und effektiver gemacht werden. Einmal reformiert, könnte ihre Funktionsweise analog beispielsweise auf die Ausbaurate Erneuerbarer Energien angewendet werden.
Die COP30 war auch für die Zukunft globaler Kohlenstoffmärkte wichtig. Mit Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens entsteht ein internationaler Rahmen, in dem Staaten Emissionsminderungen handeln und auf ihre Klimaziele anrechnen können. Marktteilnehmer wie Econetix, aber auch Forscher wie Stern rechnen damit, dass sich freiwillige und staatlich regulierte Märkte künftig stärker annähern – und dass der Pariser Marktmechanismus zu einem globalen Standard werden könnte. Kritiker warnen allerdings schon jetzt davor, dass fragwürdige Zertifikate aus früheren Mechanismen in das neue System übernommen werden könnten.
Auch Lennart Stern sieht das problematisch. ›Am besten wäre es, die meisten projektbasierten Mechanismen durch Belohnungsfonds zu ersetzen‹, sagt er. Man könnte etwa berechnen, wie viele Emissionen ein Fonds pro eingezahltem Euro vermeidet. Auf Grundlage ihres Beitrags könnten sich Geldgeber dann Zertifikate für ihre eigenen Klimaziele gutschreiben lassen. Unternehmen wie Econetix könnten dann als normale Marktteilnehmer Projekte in Ländern umsetzen, ohne die aktuell zusätzlichen Zertifizierungskosten.
2021 boomte der freiwillige Kohlenstoffmarkt mit rund zwei Milliarden US-Dollar an verkauften Zertifikaten; die Boston Consulting Group prognostizierte damals bis zu 40 Milliarden bis 2030. Nach Skandalen und kritischer Berichterstattung schrumpfte der Markt 2023 auf rund 700 Millionen Dollar. Trotzdem setzten Zenz und Nimmerfall bei ihrer Gründung darauf, dass das Wachstum zurückkehrt. Anscheinend zurecht: Für 2025 schätzt das Marktforschungsinstitut Grand View Research die Größe des freiwilligen Marktes wieder auf rund fünf Milliarden Dollar, Tendenz steigend. •